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Trotz Atomkraft: Frankreich braucht Strom aus Deutschland

von Thomas Hanke Quelle: Handelsblatt Online

Die Atomkraft galt lange als Stabilitätsgarant in den Stromnetzen. Nun treibt die Kältewelle ausgerechnet das AKW-Land Frankreich an den Rand eines Stromausfalls. Und Aussteiger Deutschland muss aushelfen.

Hilft alles nichts: Selbst die französischen Atommeiler wie dieser in Saint-Vulbas bei Lyon können den Bedarf der Franzosen nicht decken. Quelle: AFP
Hilft alles nichts: Selbst die französischen Atommeiler wie dieser in Saint-Vulbas bei Lyon können den Bedarf der Franzosen nicht decken. Quelle: AFP

Paris„Alarmstufe Rot“ gilt seit Anfang der Woche für die französische Region Provence-Alpes-Cote d’Azur, kurz „Paca“ genannt. In der Bretagne stehen die Warnlichter offiziell auf „orange“. Beiden Gebieten droht möglicherweise ein Ausfall der Stromversorgung, die Bewohner werden dringend zum Energiesparen aufgefordert. Industriebetriebe, die besonders hohen Elektrizitätsbedarf haben, sollen ihre Produktion zurückfahren: Die Kältewelle in Europa zwingt Frankreichs Politiker, den staatlichen Energieriesen EDF und die Netzgesellschaft RTE zu ungewöhnlichen Schritten.

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Besonders verblüffend: Das Land, das sich aufgrund seines hohen Anteils an Atomstrom vor jeder Notlage gefeit sah, kann Einschnitte nur vermeiden, weil es derzeit Strom importiert, und zwar aus Deutschland sowie Großbritannien. Frankreichs Politiker und Industrielle hatten seit dem Beschluss über den deutschen Atomausstieg vor bedenklichen Folgen gewarnt. GDF-Suez-Chef Gérard Mestrallet sprach noch vergangene Woche davon, dass ganz Europa von einem Mangel betroffen sein könnte, den Deutschland auslöse. Ein Sprecher der Netzgesellschaft RTE sagt, der deutsche Atomausstieg habe bereits Folgen verursacht und den deutschen Import aus Frankreich deutlich ansteigen lassen.

Das trifft zu, allerdings nur für das zweite und dritte Quartal. Im letzten Vierteljahr 2011 war Frankreich Nettoimporteur von deutschem Strom. Und nun das: Frankreich muss vor Kälte bibbernd das deutsche Netz anzapfen, um Einschnitte zu vermeiden.

Wer ist schuld? Vor allem natürlich Dieter. Das Hoch lässt auch unser Nachbarland unter dem kalten Hauch Sibiriens erstarren. Die Franzosen stellen in diesen Tagen fest, dass die Meteorologie die alte, mit Inbrunst geführte Debatte, ob sie nun eher zum Süden oder zum Norden Europas gehören, entschieden hat – zugunsten des Nordens. Die Bretagne und Paca sind besonders gefährdet, weil, wie RTE zögernd einräumt, das Netz „nicht ausreicht, um bei extremen Wetterbedingungen Strom in der nötigen Qualität dorthin zu liefern.“


Warum die Angst vor dem Blackout so groß ist

Dabei sinken die Temperaturen längst nicht so tief wie in Deutschland, warum also die Angst vor einem Blackout? Frankreichs Strombedarf wächst mit sinkenden Temperaturen schlagartig. Als Faustformel nennt RTE: Geht die Temperatur um ein Grad runter, ziehen Haushalte und Industrie 2200 Megawatt mehr aus dem Netz. Das ist doppelt so viel wie die ganze Stadt Marseille verbraucht oder ungefähr so viel wie zwei große Kernkraftwerke.

Die Erklärung dafür liefern laut RTE die rund sieben Millionen Haushalte, die vor allem oder ausschließlich mit Strom heizen. In den 70er- und 80er-Jahren wurde stark dafür geworben, um die Atomwirtschaft zu popularisieren. Was nicht so laut gesagt wird: Wärmeisolierung von Wohnungen ist weitgehend unbekannt, es zieht in allen Ecken. Einfachverglasung ist auch in teuren Pariser Wohnungen der Standard. Statt zu isolieren, dreht man wie früher in der DDR einfach die Heizung höher.

Die Elektroheizungen führen Frankreich nicht nur an den Rand von Versorgungsproblemen. Sie bilden auch eine soziale Hypothek, denn die Strompreise werden in den nächsten Jahren kräftig steigen. Das hat damit zu tun, dass der französische Atomkraftwerks-Park doch nicht so günstig ist, wie gedacht. Der französische Rechnungshof hat vergangene Woche in einem Bericht festgestellt, dass Frankreich von der Substanz gelebt hat. Bei korrekter Anrechnung der Kapitalkosten kostet die Megawattstunde nicht knapp über 30 Euro, sondern fast 50 Euro. Hinzu kommt, dass in zehn Jahren 22 von 58 Atomkraftwerken ihre – auf 40 Jahre verlängerte – Altersgrenze erreichen. Neue AKWs lassen sich nicht so schnell bauen, also muss das Land die alten Meiler kostspielig nachrüsten oder sehr schnell erneuerbare Energien in großem Stil aufbauen. Auf den Import von Strom kann es sich jedenfalls nur begrenzt verlassen.

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