Übernahme-Poker: Staatspatriotismus bringt Siemens zu Fall

ThemaSiemens

Übernahme-Poker: Staatspatriotismus bringt Siemens zu Fall

von Karin Finkenzeller

Den Münchnern und ihren japanischen Partnern von MHI bleibt die Tür zum französischen Alstom-Konzern versperrt. Womöglich ist das keine schlechte Nachricht.

Siemens und sein japanischer Allianz-Partner Mitsubishi Heavy Industries (MHI) haben den Kampf um Alstom verloren. Das Risiko, dass die seit acht Wochen geführte Übernahmeschlacht mit einer Niederlage enden würde, war von Anfang an sehr hoch. Rückblickend werden viele zu der Einschätzung gelangen, der französische Staat in Person seines Wirtschaftsministers Arnaud Montebourg habe die Münchner nur benutzt, um den Preis in die Höhe zu treiben und den US-Konkurrenten General Electric (GE) zu massiven Zugeständnissen zu bewegen. Ob die Amerikaner sich nun tatsächlich über einen Sieg freuen können, darf zumindest bezweifelt werden. Frankreich bleibt ein Land, in dem Privatunternehmen nicht Herr im eigenen Haus sind, sondern von der Gunst der Staatsführung abhängen.

Das Tauziehen um Alstom

  • April

    Am 24. April wird bekannt, dass GE Alstom kaufen will. Der Schritt gilt als Frontalangriff auf Siemens. Am nächsten Tag rufen die Übernahmegerüchte die französische Regierung auf den Plan. Sie will einen Verkauf in die USA mit allen Mitteln verhindern. Am 27. April greift Siemens in den Übernahmepoker ein. Man habe der Alstom-Führung „Gesprächsbereitschaft über strategische Fragen zukünftiger Zusammenarbeit“ signalisiert. Am 28. April schaltet sich Frankreichs Präsident Hollande in das Tauziehen ein. Bei getrennten Treffen berät er mit den Chefs von Siemens und GE. Einen Tag später kündigt Siemens ein Angebot für Alstom an. Bedingung dafür: Siemens will die Alstom-Bücher vier Wochen lang prüfen und Managementinterviews führen. Am 30. April empfiehlt der Verwaltungsrat von Alstom den Aktionären eine bindende Offerte von GE. Dieser will für die Energietechnik-Sparte von Alstom 12,35 Milliarden Euro zahlen.

  • 7. bis 11. Mai

    Siemens-Chef Kaeser betont „ernsthaftes“ Interesse an Alstom. Zugleich sagt der Manager, er wolle mit dem Übernahmeplan auch die Handlungsfähigkeit der Siemens-Führung unter Beweis stellen. Einen Tag später lehnt Montebourg das GE-Angebot für Alstom öffentlich ab. Am 9. Mai berät Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) mit seinem Kollegen Montebourg über einen möglichen Alstom-Siemens-Deal. Am 11. Mai werden Medienberichte bekannt, laut denen Siemens Alstom neben der eigenen Bahnsparte auch das Geschäft mit Signaltechnik anbieten will.

  • 14. und 15. Mai

    Frankreichs Regierung sendet widersprüchliche Signale. Energieministerin Ségolène Royal bezeichnete das GE-Angebot in einem Interview als „sehr gute Gelegenheit“. Nach einem Treffen mit Kaeser teilt sie mit, das deutsche-französische Projekt komme gut voran. Einen Tag später erweitert Paris seine Eingriffsrechte bei internationalen Deals. Mittels Verordnung könne ohne die bei „nationalem Interesse“ nötige Zustimmung eine ungewünschte Alstom-Übernahme gekippt werden.

  • 18. Mai

    Der Siemens-Betriebsrat fordert für den Fall einer Alstom-Übernahme erneut den Erhalt der Arbeitsplätze in der Bahnsparte des Konzerns, die dann an die Franzosen gehen soll.

  • 20. Mai

    Nach Angaben der französischen Regierung hat Siemens um zusätzliche Informationen über das Unternehmen gebeten. Paris wertet dies als Hinweis auf ein bevorstehendes Übernahmeangebot.

  • 24. und 28. Mai

    Hollande lässt erneut ein Treffen mit GE-Chef Jeff Immelt anberaumen. Der Präsident hatte das GE-Angebot zuletzt als nicht ausreichend bezeichnet. Am 28. Mai bessert GE das eigene Angebot nochmals etwas nach.

  • 30. Mai

    Kaeser betont nochmals, dass Siemens keinen Zeitdruck verspüre und bis zum 16. Juni alle Optionen prüfen werde.

  • 11. Juni

    Überraschend geben Siemens und der japanische Konkurrent Mitsubishi Heavy Industries (MHI) bekannt, ein gemeinsames Angebot für Alstom zu prüfen.

  • 16. Juni

    Siemens und MHI legen ihr Angebot für Alstom vor. MHI will sich mit bis zu zehn Prozent an Alstom beteiligen und eine umfassende industrielle Allianz, aber keine Übernahme. Das Gasturbinen-Geschäft der Franzosen soll an Siemens gehen. Insgesamt beinhaltet die Offerte Barzahlungen von Siemens über 3,9 Milliarden Euro und von MHI über 3,1 Milliarden Euro.

Als Montebourg bei Siemens vorstellig wurde, um die Konzernführung um Joe Kaeser zu einem Gegenangebot für die GE-Offerte zum Aufkauf der Alstom-Energiesparte zu bewegen, da mag die Idee von der Schaffung zweier europäischer Champions im Energie- und Bahnsektor tatsächlich eine verlockende Vorstellung gewesen sein. In erster Linie aber war der Minister wütend darüber, dass ihn Alstom-Chef Patrick Kron nicht über seine Verhandlungen mit GE-Chef Jeff Immelt informiert hatte. Das wäre nach Überzeugung Montebourgs dessen Pflicht gewesen. Trotz der hohen Schuldenlast Alstoms gilt der Konzern in Frankreich noch immer als einer Industrie-Ikone, und Industriepolitik schreibt bei den Nachbarn seit den Tagen Ludwig XIV. dem Staat eine tragende Rolle zu.

Anzeige

Ob die Wut des Ministers tatsächlich ausgereicht hätte, das von ihm selbst in Windeseile im Mai initiierte Veto-Recht des Staates gegen unliebsame Unternehmensdeals in strategischen Bereichen wie dem Energiesektor gegen GE zu aktivieren, bleibt nun eine offene Frage. Zweifellos hätte eine solche Einmischung außerhalb des eigenen Landes ein negatives Licht auf Frankreich geworfen. Ausländische Investoren, die ohnehin wegen hoher Steuern und Sozialabgaben verunsichert sind, hätte es womöglich nachhaltig abgeschreckt.

Alstom-Poker Angebot von Siemens und MHI mit Spannung erwartet

Das Tauziehen um Alstom geht in die entscheidende Phase. Die Siemens-Aufseher haben beraten; das Ergebnis wird noch heute erwartet. Laut Mitsubishi werden "mehrere Möglichkeiten" einer Teilübernahme geprüft.

Der Vorstandsvorsitzende der Siemens AG, Joe Kaeser Quelle: dpa

Statt dessen wurden die Amerikaner dazu bewegt, dem Vorschlag der Siemens-MHI-Allianz folgend ebenfalls Gemeinschaftsprojekte mit Alstom beim Geschäft mit Turbinen für Offshore-Windkraftanlagen, Wasserkraft und mit Stromnetzen anzubieten. Bei den Dampfturbinen für das in Frankreich besonders sensible Kernkraftwerksgeschäft und für Kohlekraftwerke hatte Immelt am Donnerstag nachgelegt und dem französischen Staat umfassende Mitspracherechte sowie das Recht auf das intellektuelle Eigentum zugesichert.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%