Verdacht auf Nebenwirkungen: Prozessauftakt gegen Bayer

Verdacht auf Nebenwirkungen: Prozessauftakt gegen Bayer

von Jürgen Salz

Erstmals muss sich der Leverkusener Pharma- und Chemiekonzern wegen seiner Verhütungspillen vor einem deutschen Gericht verantworten. Weitere Klagen könnten bald folgen.   

Waldshut-Tiengen liegt ganz unten in Deutschland, im Südwesten, an der Grenze zur Schweiz. Die Verfahren am dortigen Landgericht verliefen bislang eher unspektakulär. Doch das ändert sich gerade. Von Donnerstag an muss sich der Dax-Konzern Bayer, mit einem Umsatz von mehr als 40 Milliarden Euro, vor dem Gericht verantworten. Die Klägerin Felicitas Rohrer, die in der Region wohnt, wirft dem Unternehmen vor, dass die Bayer-Verhütungspille Yasminelle ihre Gesundheit schwer beeinträchtigt habe. Sie fordert Schadenersatz und Schmerzensgeld in Höhe von 200 000 Euro. Bayer weist die Vorwürfe zurück.

Vor gut sechs Jahren war Rohrer, damals Mitte 20 und bei bester Gesundheit, zusammengebrochen. In der Lunge der sportlichen Nichtraucherin hatten sich Blutgerinnsel gebildet, ihr Herz stand still, sie war zwanzig Minuten lang klinisch tot. Ärzte konnten ihr Leben knapp retten. Noch heute muss sie sich Lymphdrainagen unterziehen, Kompressionsstrümpfe tragen, blutverdünnende Medikamente nehmen. Sie ist körperlich weniger belastbar, in ihrem angestrebten Beruf als Tierärztin konnte sie nie arbeiten.

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Für ihr Leid macht Rohrer die Verhütungspille Yasminelle verantwortlich, die sie zuvor eingenommen hatte. Tatsächlich sind die sogenannten Pillen der dritten und vierten Generation – wozu Yasminelle zählt – besonders umstritten. Solche Pillen werden häufig von Frauenärzten empfohlen, weil sie angeblich verträglicher seien, für schönere Haut sorgen und die Patientinnen beim Gewicht nicht zunehmen würden. Es gibt jedoch klinische Studien, die behaupten, dass die Kombinationspillen mit dem Wirkstoff Drosperinon ein deutlich höheres Risiko für Thrombosen aufweisen. Bayer bestreitet das und betont das positive Nutzen-Risiko-Verhältnis seiner Präparate.

Tatsache ist, dass Bayer wegen der potenziell erhöhten Thrombosewirkung in den USA von mehreren Tausend Frauen verklagt wurde. Der Konzern zahlte insgesamt 1,9 Milliarden Dollar für Vergleiche, um Prozesse abzuwenden. Eine Anerkennung einer Haftung sei damit jedoch nicht verbunden, betont Bayer. Insgesamt setzt das Unternehmen mit den Pillen aus der Yasmin-Produktfamilie 770 Millionen Euro um, immerhin rund zwei Prozent des Konzernumsatzes. Mit seiner Möglichkeit, mehrere Klagen in Sammelklagen zu bündeln, begünstigt das amerikanische Rechtssystem Klagen von Verbrauchern oder Patienten gegen Unternehmen.

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Mit dem Prozess am Donnerstag steht nun erstmals auch ein Gerichtstermin auf deutschen Boden an. Doch bei einer Klage muss es nicht bleiben. Rohrers Anwalt Martin Jensch aus dem bayerischen Coburg vertritt noch eine Handvoll weitere Frauen, die sich durch Bayer-Verhütungspillen geschädigt sehen. Die dürften den Prozess genauso intensiv verfolgen wie die Zunft der Frauenärzte. Einige Gynäkologen argwöhnen bereits, dass die Berichte über möglicherweise schädliche Pillen dazu führen, dass Frauen nun weniger wirksam oder gar nicht verhüten und folglich ungewollt schwanger werden.

Für die Klägerin Rohrer geht es vor allem darum, einen Präzedenzfall in Deutschland zu schaffen. Fortsetzung folgt.

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