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Versorgungs-Sicherheit: Rohstoff-Knappheit bedroht Deutschlands Industrie

von Sebastian Ertinger Quelle: Handelsblatt Online

Deutschlands Industrie ist auf die Versorgung mit Rohstoffen angewiesen. Doch die Ressourcen sind knapp, die Preise von wichtigen Grundgütern steigen. Die Abhängigkeit von Importen bedroht die heimische Wirtschaft.

Kohlemine in Indonesien: Industrie- und Schwellenländer wetteifern um den Zugang zu Grundgütern - Deutschland droht dabei ausgestoppt zu werden. Quelle: Reuters
Kohlemine in Indonesien: Industrie- und Schwellenländer wetteifern um den Zugang zu Grundgütern - Deutschland droht dabei ausgestoppt zu werden. Quelle: Reuters

DüsseldorfFür Deutschlands Unternehmen wäre es ein Horrorszenario: Die Versorgung mit Rohstoffen ist abgebrochen, die Energiequellen versiegt. Binnen kürzester Zeit stünden die Bänder in den Fabriken still, die Produktion würde zum Erliegen kommen. Am Ende geht beim Exportweltmeister Deutschland das Licht aus.

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Völlig aus der Luft gegriffen ist so ein Szenario nicht. Denn aufstrebende Nationen kaufen den Markt für Grundgüter leer. Stark steigende Preise bereiten vielen Unternehmen im rohstoffarmen Deutschland seit Langem Sorge. Knapp 1,4 Milliarden Tonnen unterschiedlichster Rohstoffe benötigt die deutsche Industrie jährlich. Um diesen Bedarf zu decken, muss Deutschland laut einem Bericht der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover in zunehmendem Maße Grundgüter aus aller Welt importieren.

Dies birgt Gefahren. Die auf Sicherheitsfragen spezialisierte Beratungsgesellschaft Sandfire hat in einer Analyse die Gefahrenherde für die Handelswege und damit die Energie- und Rohstoffversorgung Deutschlands ausgemacht. Diese betrifft vor allem die Seewege, der wichtigste Transportweg für den Welthandel.

So bedrohen etwa Piraten die Seewege vor Somalia und Westafrika. Auch in den Gewässern des Inselstaates Indonesien treiben Freibeuter ihr Unwesen. Politische Instabilität und Krisenherde gefährden zudem wichtige Nadelöhre des Seehandels wie den Panama-Kanal oder den Seeweg zu den Ölvorkommen des Persischen Golf. „Die Destabilisierung strategisch bedeutender Küstenregionen bedroht deutsche Sicherheits- und Rohstoffversorgungsinteressen“,  heißt es in der Auswertung, die Handelsblatt Online exklusiv vorliegt.

Doch nicht nur die Handelswege, auch die Lieferländer können Ungemach bereiten. Denn Importe machen die Konjunkturlokomotive Deutschland abhängig vom guten Willen der Produzenten. „Die Versorgung mit Energie- und Rohstoffen impliziert Abhängigkeit. Diese wird zunehmen, weil neue Ressourcenvorkommen in geografisch und geologisch schwieriger zugänglichen Regionen liegen“, ist eine der Kernthesen der Sandfire-Studie.

Bei bestimmten Grundgütern wie den sogenannten Seltenen Erden, die besonders in der High-Tech-Industrie unentbehrlich sind, ist China der Hauptproduzent und kontrolliert die Ausfuhren. Im Zweifelsfall räumt Peking den eigenen Unternehmen vorrangig den Zugriff ein. So hat China die Exporte an sogenannten seltenen Erden, die in hochwertigen Gütern wie Handys, Elektrofahrzeugen oder Windrädern stecken, für das erste Halbjahr 2012 um 27 Prozent gekürzt. Chinas Weltmarktanteil beträgt 97 Prozent.


China provoziert massive Marktverzerrungen

Dies führt zu massiven Marktverzerrungen.  Europa wehrt sich zunehmend dagegen. Zuletzt mit Erfolg: Die WTO forderte China auf, im Falle von neun Mineralrohstoffen von seiner restriktiven Ausfuhrpolitik abzulassen. Im Fall Seltener Erden bereitet die EU eine Klage gegen China vor.

Aber auch beim Handel mit Massenrohstoffen wie Kupfer oder Erzen zieht die aufstrebende Wirtschaftsnation China immer größere Teile des Welthandels auf sich. In den vergangenen zehn Jahren ist Pekings Anteil von niedrigen zweistelligen Prozentsätzen auf 40 bis 50 Prozent gestiegen, "Der Industrie droht eine Rohstofflücke", warnte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Zusätzlich fürchtet die Industrie die Folgen der Energiewende in Deutschland. Die Autoren der Sandfire-Studie kommen zu dem Schluss: „Den deutschen Energie- und Rohstoffunternehmen droht das Schicksal der Rüstungsindustrie: Der Heimatmarkt schrumpft, und auf dem Weltmarkt sind andere schneller.“

Erste Schritte haben Politik und Unternehmen aber bereits unternommen. So schlossen sich deutsche Unternehmen zu einem Pakt zusammen, um die Rohstoffquellen zu schützen. Darunter sind namhafte Firmen wie Bayer, Bosch oder Thyssen-Krupp. Die Rohstoffallianz soll den Zugang zu Seltenen Erden, Kokskohle, Erzen, Kupfer und anderen Grundgütern sichern. Die Allianz entstand aus der Idee, bei der Suche und Beschaffung von Grundstoffen gemeinsam vorzugehen. Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group hat das Konzept für diesen Verbund für den Rohstoffausschuss des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) erarbeitet.

Mit der Rohstoffallianz vollzieht die deutsche Wirtschaft eine Kehrtwende. Bis in die 80er-Jahre hatten namhafte deutsche Industriekonzerne eigenen Zugang zu Rohstoffquellen in der ganzen Welt. Mit der Konzentration aufs Kerngeschäft trennten sie sich von den entsprechenden Beteiligungen.

Eine Ausnahme ist die ist die Deutsche Rohstoff AG. Das Unternehmen entstand 2006 durch eine private Initiative und zählt zu den wenigen deutschen Firmen, die weltweit nach Bodenschätzen suchen. Aber auch in der Heimat hält die Gesellschaft aus Heidelberg nach Vorkommen Ausschau. So prüfen Geologen etwa Zinnlager in Sachsen. Hohe Rohstoffpreise lassen ein Wiederaufleben der Förderung in Deutschland wieder attraktiv erscheinen.

Während Deutschland erst mühselig seine Versorgung mit Grundgütern wieder in die Hand nimmt, sind besonders die asiatischen Nationen deutlich weiter. In Japan hält seit 1963 ein Staatsunternehmen strategische Beteiligungen in den Bereichen Öl, Gas und Metalle, Südkorea hat 1967 ein entsprechendes Staatsunternehmen gegründet. Frankreich zog immerhin 2011 mit einem gemeinsamen Komitee nach.


Schwellenländer sichern sich Ressourcen

Auch die Schwellenländer greifen nach Grundgüterquellen. China gründete 2007 einen Staatsfonds, der mit 200 Milliarden Dollar ausgestattet ist. Auch Indien legt nun ein Vehikel auf, wenngleich in deutlich kleinerem Umfang. Neu-Delhi gibt seiner Beteiligungsgesellschaft aber nur zehn Milliarden Dollar an die Hand. Mehr ist derzeit nicht drin. Die Inder ringen mit einer flauen Wirtschaftsentwicklung und schrumpfenden Währungsreserven.

Diese Beispiele zeigen, wie dringlich die Jagd nach Grundgüterquellen ist. Ein Wettlauf um die Versorgung mit Rohstoffen droht. Dies zeigt auch eine Studie der staatlichen Förderbank KfW. Darin wird die Versorgungslage für 13 mineralische Rohstoffe als "kritisch" oder "sehr kritisch" eingestuft. Das betrifft etwa Germanium, Gallium, Indium, Rhenium und Antimon, aber auch Wolfram, Chrom, Zinn, Silber und Seltene Erden. Die knappen Rohstoffe sind insbesondere für die High-Tech-Industrie unentbehrlich. So wird Germanium für die Glasfaserkabelproduktion benötigt, Rhenium für hocheffiziente Gasturbinen, Seltene Erden für Magnete in Windkraftturbinen, Gallium und Indium für Solarzellen.

Der Vorsitzende des Ausschuss für Rohstofffragen beim BDI, Ullrich Grillo, zufolge sehen drei Viertel aller Unternehmen die Entwicklung der Energie- und Rohstoffpreise als größten Risikofaktor für die Unternehmensentwicklung sehen. „Unsere Unternehmen sind auf eine sichere, saubere und bezahlbare Energieversorgung sowie auf eine verlässliche Rohstoffversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen angewiesen“, so Grillo in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. „Das sind die Megathemen für die Industrie.“

Angesichts der prekären Lage fordert auch die EU-Kommission die 27 Mitgliedstaaten auf, mehr für Europas Versorgungssicherheit bei Rohstoffen zu tun. "Angesichts immer knapper werdender Rohstoffe muss Europa seine Kräfte bündeln, damit es gelingt, in den Bereichen Exploration, Gewinnung, Verarbeitung, Recycling und Substitution weltweit führende Expertise zu entwickeln", begründet Industriekommissar Antonio Tajani den Vorstoß seiner Behörde. Bis zu 90 Millionen Euro jährlich sollen von 2014 an in die Rohstoffversorgung fließen.

Tajani fordert außerdem, neben dem Recycling auch die heimischen Ressourcen besser auszubeuten. Der Industriekommissar schätzt den Wert der nicht ausgeschöpften mineralischen Rohstoffe Europas in einer Tiefe von 500 bis 1000 Metern auf rund 100 Milliarden Euro. Wolle man sich vom Ausland unabhängiger machen, dürften solche Reserven nicht ungenutzt bleiben.  

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