Volkswagen und Dieselgate: „VW ist ein Ein-Mann-Betrieb, der sich an die Börse verirrt hat“

Volkswagen und Dieselgate: „VW ist ein Ein-Mann-Betrieb, der sich an die Börse verirrt hat“

, aktualisiert 05. Februar 2016, 16:19 Uhr
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Großbaustelle Kulturwandel in Wolfsburg.

von Katrin TerpitzQuelle:Handelsblatt Online

Die Kritik an der Führungsstruktur von Volkswagen wird lauter. Norwegens Ölfonds, ein Großaktionär, hat VW hart attackiert. Manuel Theisen, Experte für Unternehmensführung, fordert gar den Rücktritt der Konzernspitze.

DüsseldorfDer norwegische Staatsfonds, der 1,22 Prozent der VW-Stammaktien hält, hat beim VW-Konzern eine bessere Führungsstruktur angemahnt. Nach der Abgasaffäre nehme der Wolfsburger Konzern die Sorgen der Investoren nicht ernst, klagt der Chef des Ölfonds, Yngve Slyngstad. Manuel Theisen, einer der profiliertesten deutschen Experten für gute Unternehmensführung (Corporate Governance), geht in seinen Forderungen sogar noch weiter.

Professor Theisen, der mächtige norwegische Ölfonds, einer der größten Einzelaktionäre von VW, hat die Führungsstruktur bei Volkswagen scharf kritisiert als „komplex und problematisch“. Ist die Kritik berechtigt?
Die Kritik kann ich gut nachvollziehen. Es ist erstaunlich, wie ruhig sich die Shareholder insgesamt beim VW-Abgasskandal bisher verhalten haben. Aber das Sagen bei Volkswagen haben eben die Mehrheitseigner, die Familien Porsche und Piëch sowie das Land Niedersachsen. Und die haben keinerlei Interesse, an den Unternehmensstrukturen grundsätzlich etwas zu verändern.

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Als Corporate-Governance-Experte begrüßen Sie also den öffentlichen Druck, den der Fonds auf VW ausübt?
Der Druck ist ausgesprochen positiv. Denn von innen heraus ist bei Volkswagen keine große Besserung zu erwarten. Schließlich kommen die neuen Köpfe wie Vorstandschef Matthias Müller alle aus dem alten System. Und der neue Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch hat zuvor als langjähriger Finanzvorstand die Vergangenheit sogar finanziert. Tiefer drin kann man die Finger nicht im Problem haben.

Ein wirklicher Wandel kann von der neuen VW-Führungsmannschaft also nicht ausgehen?
Unter den Augen der Mehrheitsaktionäre besteht für sie überhaupt keine Motivation, Fehler aufzudecken oder aufzuarbeiten. Es gibt für sie keinen Grund, eine nachhaltige Unternehmensführung zu installieren. Die Frösche trocknen eben den Sumpf, in dem sie sitzen, nicht selbst aus.

Die patriarchalische Führungskultur bei VW gilt als ein Auslöser der Abgasbetrugsaffäre...
Bei VW kann man „Führungskultur“ nur in Anführungszeichen setzen. Es hat keine Kultur gegeben. VW ist ein strikt paternalistisch geführtes Unternehmen, in dem Herr Piëch über Druck und Angst regiert. Seit Jahren spreche ich von „Ferdis Würstchenbude“. Volkswagen ist ein Ein-Mann-Unternehmen, das sich an die Börse verirrt hat.

Harsche Worte. Was muss sich konkret ändern?
Die Führungsmannschaft muss komplett ausgetauscht werden. Die alten Garden kennen nur das System der Angst. Talente gibt es überall, die unbelastet sind. Allein es fehlt der Wille.


„Der Staat ist der schlechteste Manager“

Ist der Druck des norwegischen Investors für VW ein Argument, endlich umzusteuern?
Das Problem ist die schwierige Shareholder-Struktur bei VW. Das Land Niedersachsen ist am Unternehmen ausschließlich aus politischen und arbeitsmarktpolitischen Gründen interessiert. Der Staat ist aber kein Unternehmenslenker. Das wird über kurz oder lang ein klarer Wettbewerbsnachteil für VW.

Sollte sich Niedersachsen als VW-Eigner zurückziehen?
Unbedingt. Der Staat ist der schlechteste Manager, den man sich denken kann. Der Ministerpräsident und Wirtschaftsminister des Landes haben nicht die Kompetenzen als aktive Aufsichtsräte - woher auch?

Der norwegische Ölfonds hat sich 2015 aus ethischen Gründen aus 73 Unternehmen zurückgezogen, von der Kohle- über die Rüstungs- bis zur Tabakindustrie. Unterschätzen Konzerne, dass Investoren verstärkt auf ethische Aspekte achten?
Nach der reinen Shareholder-Value-Diskussion, bei der Jahrzehnte lang nur auf die Rendite geschaut wurde, würde ich eine solche Entwicklung durchaus begrüßen. Fonds und große Aktionäre schauen immer genauer hin, was mit ihrem Geld gemacht wird - zu Recht.

Was meinen Sie: Wie wird VW auf die zunehmende Kritik reagieren?
Ich gehe davon aus, dass das Engagement von Herrn Müller und Herrn Pötsch mit einiger Wahrscheinlichkeit zeitlich begrenzt sein wird. Es wird einen Austausch der führenden Köpfe geben müssen. Aber ob das wirklich etwas ändert bei der problematischen Eignerstruktur von VW, ist die große Frage.

Herr Professor Theisen, vielen Dank für das Gespräch.

Quelle:  Handelsblatt Online
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