VW-Abgasskandal: ARD sieht keine Belege für Beteiligung des VW-Vorstandes

VW-Abgasskandal: ARD sieht keine Belege für Beteiligung des VW-Vorstandes

, aktualisiert 25. April 2016, 21:31 Uhr
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Der Abgasskandal hat VW im vergangenen Jahr den größten Verlust in der fast 80-jährigen Unternehmensgeschichte eingebrockt.

Quelle:Handelsblatt Online

Laut Medienbericht gibt es keine Belege für eine Verwicklung des Ex-VW-Vorstandes unter Martin Winterkorn in den Abgasskandal. Dafür sollen fast alle Führungskräfte unterhalb der Vorstandsebene beteiligt gewesen sein.

FrankfurtBei den internen Untersuchungen zu den Wurzeln des Dieselskandals bei Volkswagen sind einem Medienbericht zufolge bisher keine Belege für eine Beteiligung des damaligen Vorstands unter Martin Winterkorn gefunden worden. Jedoch seien nahezu alle Führungskräfte unterhalb der Vorstandsebene, die in die Motorenentwicklung eingebunden gewesen seien, belastet, berichteten die ARD-Sender WDR und NDR am Montag ohne Angabe von Quellen.

Der damalige Leiter der Motorenentwicklung soll demnach im November 2006 den Einbau einer Betrugssoftware gebilligt haben. VW war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.

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Der Wolfsburger Dax-Konzern hatte am Freitag erklärt, die interne Untersuchung der Vorgänge sei noch nicht abgeschlossen. Dies werde sich voraussichtlich bis Ende des Jahres hinziehen. Ein Bericht darüber werde erst veröffentlicht, wenn ein Vergleich mit dem US-Justizministerium über die milliardenschwere Klage wegen Verstoßes gegen US-Umweltrecht geschlossen sei.

Wie VW die „Dieselgate“-Drahtzieher finden will

  • Die Aufklärer

    Über ein halbes Jahr VW-Abgas-Skandal und eine entscheidende Frage ist weiter ungeklärt: Wer sind die Drahtzieher des Betrugs, der den größten Autobauer Europas in die schwerste Krise seiner Konzerngeschichte gestürzt hat? Der mächtige VW-Aufsichtsrat hat als Reaktion darauf im Oktober die US-Anwaltskanzlei Jones Day mit einer umfassenden Untersuchung beauftragt, um den Fall aufzuklären. Bis Ende April sollte ein erster Zwischenbericht vorgelegt werden. Diesen hat Volkswagen inzwischen auf unbestimmte Zeit verschoben – eine Veröffentlichung vor der Einigung mit den US-Behörden könne die Verhandlungsposition schwächen, so die Begründung. Der Abschlussbericht soll bis Ende des Jahres folgen.

  • Warum ist die Untersuchung so wichtig?

    VW muss zeigen, dass der Konzern die Affäre um manipulierte Emissionstests ernst nimmt und bei der Aufarbeitung nichts vertuscht wird. Das Unternehmen hat zwar Fehlverhalten eingestanden, aber auch immer wieder mit Relativierungen den Unmut der US-Ermittler auf sich gezogen. Anfangs wurde der Abgas-Betrug als „Unregelmäßigkeit“ bezeichnet, im Januar stellte Konzernchef Matthias Müller den Skandal – hausintern als „Diesel-Thematik“ abgetan – dann als „technisches Problem“ dar und sorgte damit für Empörung. Mit einer schonungslosen Aufklärung durch Jones Day könnte VW die wegen möglicher krimineller Vergehen ermittelnde US-Justiz milde stimmen.

  • Welche Ziele verfolgt der Konzern sonst noch?

    VW dürfte auch ein starkes eigenes Interesse daran haben, die Schuldigen ausfindig zu machen. Es geht neben hohen Rechtskosten um die Frage, ob die Manipulationen das Werk einer kleinen Gruppe oder einer Unternehmenskultur sind, die der skrupellosen Trickserei zugeneigt war. Das von US-Klägern gezeichnete Bild einer Verschwörung bis in die Chefetage herauf streitet der Konzern vehement ab. Die Untersuchung soll dafür nun Belege liefern. VW glaubt, den Ursprung des Diesel-Debakels weitgehend nachvollziehen zu können. Der Konzern geht nicht von einem einmaligen Fehler, sondern von einer Fehlerkette aus. Wer jedoch auf konkrete Namen von Verantwortlichen hofft, dürfte enttäuscht werden.

  • Warum stehen keine Namen im Bericht?

    Volkswagen muss die Persönlichkeitsrechte der betroffenen Personen schützen. Erst wenn in einem nächsten Schritt die Staatsanwaltschaft Ermittlungsverfahren einleiten würde, könnten die Namen auch öffentlich genannt werden. Dies würde aber auch der Behörde obliegen. Am Ende dürfte deshalb eher eine Art Chronologie der Ereignisse stehen, in der haarklein die Abläufe vermerkt sind, die im größten Skandal der Konzerngeschichte endeten. Nichtsdestotrotz ist es Ziel von Jones Day, den Sachverhalt im juristischen Sinne aufzuklären. Die Erkenntnisse müssen nicht nur plausibel und stimmig, sondern auch gerichtsfest sein. Deshalb wurden die betroffenen Personen auch von den Ermittlern verhört und ihre Aussagen protokolliert.

  • Wie lief die Aufklärung bei Volkswagen ab?

    An der Aufklärung sind rund 450 interne und externe Experten beteiligt. Die Untersuchungen erfolgen in einem zweigeteilten Prozess: Die interne Revision, für die Experten aus verschiedenen Konzernunternehmen zu einer Task Force zusammengezogen wurden. Sie fokussiert sich im Auftrag von Aufsichtsrat und Vorstand auf die Prüfung relevanter Prozesse, auf Berichts- und Kontrollsysteme sowie die begleitende Infrastruktur. Ihre Erkenntnisse stellt die Revision den externen Experten von Jones Day zur Verfügung. Die Kanzlei führt unter anderem die forensischen Untersuchungen durch und wird dabei operativ vom Wirtschaftsprüfer Deloitte unterstützt.

  • Was wurde wie untersucht?

    Die externen Ermittler müssen gigantische Datenmengen sichten. Laut Volkswagen wurden 102 Terabyte gesichert. Das entspricht umgerechnet etwa 50 Millionen Büchern. Mehr als 1500 elektronische Datenträger von rund 380 Mitarbeitern wurden dafür eingesammelt. Da niemand diese Menge an Daten lesen kann, müssen sie mit Suchmaschinen durchleuchtet werden. Ein Problem war dabei, dass die Beteiligten für den Schriftverkehr über die Manipulationen nur Codewörter benutzten – etwa „Akustiksoftware“ für das „defeat device“. Schlagwörter wie die im Skandal zentralen Begriffe „NOx“ oder „Stickoxide“ waren tabu. Wie groß die Datenmasse ist, zeigt ein Vergleich mit den „Panama Papers“, die derzeit Schlagzeilen machen. Sie umfassen 2,6 Terabyte. Mehr als 400 Journalisten brauchten ein Jahr für die Analyse.

  • Was haben solche Prüfungen bei anderen Konzernen gebracht?

    Ob Zündschloss-Skandal bei der Opel-Mutter General Motors (GM) oder Airbag-Debakel beim japanischen Zulieferer Takata: Nach der Beteuerung „vollumfänglicher Kooperation“ mit den Behörden ist die interne Untersuchung mit Hilfe bekannter Kanzleien fast immer der nächste Schritt, wenn es für Großkonzerne kritisch wird. Genauso verbreitet wie die Praxis an sich ist allerdings auch die Kritik, dass es sich dabei eher um ein strategisches Alibi-Instrument des Krisen-Managements handelt als um ein wirkliches Bekenntnis zur entschlossenen Aufdeckung von Missständen. Bei den tödlichen Pannenserien von GM und Takata blieben die Vertuschungsvorwürfe trotz Untersuchungen durch externe Prüfer bestehen.

Der Abgasskandal hat VW im vergangenen Jahr den größten Verlust in der fast 80-jährigen Unternehmensgeschichte eingebrockt - 4,1 Milliarden Euro. Verantwortlich dafür sind Rückstellungen in Höhe von 16,2 Milliarden Euro, um die Lasten des „Dieselgate“-Skandals vor allem in den USA zu schultern. Volkswagen einigte sich vergangene Woche mit den US-Behörden auf Grundzüge eines Entschädigungsplans.

Quelle:  Handelsblatt Online
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