VW-Entwicklungschef: „Der Luftreifen ist eine geniale Erfindung“

VW-Entwicklungschef: „Der Luftreifen ist eine geniale Erfindung“

, aktualisiert 23. November 2011, 17:34 Uhr
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Eine Variante des neuen VW-Kleinwagens „Up“.

von Mark C. SchneiderQuelle:Handelsblatt Online

VW bemüht sich. Um Mobilität, um Umwelt, um Elektro. Hier soll sich in den nächsten Jahren einiges ändern. Doch bei allem Neuen - immerhin der Reifen soll noch bleiben. VW-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg im Interview.

Handelsblatt: Herr Hackenberg, werden Autohersteller zukünftig zu kompletten Mobilitätsdienstleistern?

Hackenberg: Ja. Zumindest ist das unser Anspruch bei Volkswagen: Bisher kaufen Kunden nur Autos von uns. In den kommenden Jahren werden wir nicht umhin kommen, umfassendere Angebote zu machen. Dazu gehören natürlich Mobilitätskonzepte wie das gerade in Hannover gestartete Carsharing-Projekt „Quicar", aber auch Umwelttechnologien wie die effizienten „BlueMotion Technologies" und die Elektromobilität. Denn mit „Think Blue" widmet sich Volkswagen der Frage, wie individuelle Mobilität und nachhaltiges Handeln in Einklang gebracht werden können.

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Wie sieht die Autowelt des Jahres 2020 aus?

Eines steht für mich außer Frage: Auch im Jahr 2020 wird der Wunsch nach individueller Mobilität ungebrochen sein. Neben der geistigen Beweglichkeit in Form von Kommunikation mit den vielfältigen neuen Medien, steigt weltweit auch die Nachfrage nach physischer Beweglichkeit. In den nächsten Jahren rechne ich daher mit einer weltweit steigenden Pkw-Nachfrage. Diese wird in den einzelnen Regionen natürlich unterschiedlich ausfallen.

Was heißt das für die Fahrzeugkonzepte?

In vielen Wachstumsmärkten streben die Menschen auf der Suche nach Arbeit und Wohlstand in die Städte, der Sog ist groß. Darauf müssen wir uns einstellen. Die Mobilität im urbanen Raum steigt an, die Städte dehnen sich aus. Wir brauchen deshalb sowohl kleine Zero-Emission Stadtflitzer mit verhältnismäßig geringer Reichweite als auch größere Autos, um die Randgebiete der Städte mit längeren Distanzen abzudecken.

Wie weit werden Elektroautos fahren können?

2013 kommen unsere ersten Elektroautos auf den Markt. Für einen Entwickler ist das eigentlich schon morgen: Es sind zwar noch einige Fragen zu klären, bis die elektrisch angetriebenen Versionen von up! und Golf kommen werden, aber das Grundkonzept steht. Wir beschäftigen uns daher aktuell auch mit der nächsten Fahrzeuggeneration. Heute kommen wir auf eine Reichweite von rund 150 Kilometern. Wobei die Entwicklung der Batterie-Kapazität in den nächsten Jahren evolutionär verlaufen wird, mit Leistungssteigerungen von etwa 20 bis 30 Prozent. Den nächsten großen Technologieschub werden wir wohl erst nach 2020 sehen. Mit den neuen Zellspeichern dürfte dann die doppelte Reichweite möglich sein.

Wird Volkswagen selbst Zellen fertigen?

Jede Technologie, die wir einsetzen, müssen wir auch selbst durchdringen. Volkswagen kann und will sich nicht in die Hände seiner Lieferanten begeben. Unser Anspruch ist sorgenfreie Mobilität – doch die erreichen wir nur, wenn wir komplett verstehen, was wir im Auto einsetzen. Dazu müssen wir selbst in die Fertigungsprozesse der Zellen einsteigen, aber nicht unbedingt selbst produzieren.


„Die Vernetzung des Fahrzeuges spielt eine Riesenrolle“

Wird sich das Design der Fahrzeuge verändern?

Die neuen Technologien werden zu anderen Architekturen der Fahrzeuge führen. Derzeit müssen wir flexibel sein und legen unsere Fahrzeuge so aus, dass sie mit verschiedenen Antrieben funktionieren. Je nach Bedarf können wir schnell umsteuern. Das gilt bis zur Brennstoffzelle – obwohl nach wie vor  fraglich ist, ob diese Technologie am Ende wirtschaftlich sinnvoll einsetzbar ist. Sollte die Nachfrage nach Elektroautos aber eines Tages so groß sein, dass sich eigene Fabriken lohnen, können wir ganz andere Konzepte ins Spiel bringen, etwa Radnabenmotoren, die auch völlig neue Designkonzepte ermöglichen. Auch Lieferfahrzeuge in den Innenstädten sind dafür ein gutes Beispiel: Volkswagen zeigt mit dem Forschungsfahrzeug eT! gerade, wie ein solches Konzept aussehen könnte. Denn weltweit sprechen wir auch in diesem Segment von einem großen Volumen.

Werden Sie Fahrzeuge bauen, die ganz anders aussehen als bisherige Autos?

Ganz sicher. Die Schwierigkeit besteht jedoch darin, vorherzusagen, was sich durchsetzen wird. Für Pendler, die öffentliche Verkehrsmittel in der Stadt nutzen, dort aber individuell mobil sein wollen, haben wir das Konzept Nils entwickelt, einen vierrädrigen Elektro-Einsitzer. Oder der XL1: Zwei Passagiere finden  in dem nur 1,15 m hohen Technologiekonzept nebeneinander Platz; Flügeltüren erleichtern das Ein- und Aussteigen. Hightech-Leichtbau aus kohlefaserverstärktem Kunststoff, perfekte Aerodynamik und ein Plug-In-Hybridsystem machen den XL1 mit nur 0,9 Litern Verbrauch zum effizientesten Fahrzeug der Welt. Gegen einen Masseneinsatz solcher nicht nur optisch extremen Fahrzeuge spricht allerdings zudem, dass auch heute junge Menschen in Umfragen eher vom gebrauchten Golf als Wunschauto sprechen, weil sie dann ihre Freunde mitnehmen können. Auch ein Grund, warum wir unseren neuen Kleinstwagen up! für vier Insassen ausgelegt haben.

Vor allem jüngere Kunden wollen Internetdienste im Auto nutzen, ganz gleich, wohin die Reise geht. Werden Sie das umsetzen können?

Die Vernetzung des Fahrzeuges spielt eine Riesenrolle, ist aber alles andere als trivial. Die Herausforderung besteht darin, dass Kommunikationsgeräte und Unterhaltungselektronik einen wesentlich kürzeren Produktzyklus haben als Autos. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass solche Geräte auch nachträglich in unseren Autos einsetzbar sind. Im up! netzen wir ein Navigon-System ein, das aktualisierbar und durch Applikationen (Apps) erweiterbar ist. Ein wichtiger Nebeneffekt besteht darin, dass wir uns die Kreativität der Menschen erschließen, die Software für solche Geräte programmieren. Das Gerät kann der Fahrer mit nach Hause nehmen und dort etwa die Routen des nächsten Tages vorbereiten.

Aber dann habe ich immer noch verschiedene Daten auf meinem iPhone oder Blackberry…

…und deshalb geht die Entwicklung weiter. Unser Ziel ist es, dass unsere Kunden am Ende vollständig auf die Daten ihres Smartphones zugreifen können. Das hat sich unabhängig vom Auto entwickelt. Wir müssen aber dafür sorgen, dass unsere Kunden ihr Auto so nutzen können, wie sie es wünschen. Das ist der einfachste und komfortabelste Weg. Solche Geräte sind nur zu klein, um sicher im Fahrzeug eingesetzt zu werden, deshalb verbinden wir sie mit den Bildschirmen und Eingabesystemen dort.


„Der Mensch muss die Übersicht behalten“

Elektronische Geräte im Auto lenken ab und sorgen für Unfälle. Welche alternativen Bedienmöglichkeiten gibt es?

Aus Sicherheitsgründen setzen wir auf Sprachsteuerung als Standard. Es geht aber nicht, dass der Fahrer die Befehle des Autos lernen muss. Menschen unterhalten sich gern, aber nicht in Maschinensprache. Lande ich in einem Call-Center, lege ich schnell auf. Ein mobiler Dienst muss intelligent auf die Wünsche der Menschen eingehen, wie ein Freund, der uns bei Fragen weiterhilft und berät. Und das muss Spaß machen.

Lässt sich das Auto der Zukunft leichter bedienen?

Es darf nicht die Knöpfe einer Musikbox haben. Mein Ziel ist es, Autos so leicht bedienbar wie möglich zu machen. Jeder muss sich in unsere Autos setzen und sie sofort intuitiv bedienen und die Anzeigen auf seine persönlichen Bedürfnisse ausrichten können. In Zukunft sitzen wir länger im Auto, umso wichtiger werden deshalb Komfort, Klima und Unterhaltung, damit wir uns wohlfühlen.

Wie erkennen Sie rechtzeitig Trends?

In den wichtigsten Märkten der Welt unterhalten wir sogenannte Technical Offices, die dort gezielt Trends und Vorlieben jenseits des Automobils nachspüren. Wir versuchen das dann in unsere Modelle zu übersetzen. In der Entwicklung setzen wir auf kleine Konzeptteams, junge Ingenieurinnen und Ingenieure, die sich für ein paar Monate mit einer Zukunftsvision beschäftigen können und auch mal kreativ „spinnen“ dürfen. Innovativ ist nur, wer auch neue Wege geht.

Wann werden Autos eigentlich automatisch fahren?

Autonomes Fahren ist weniger eine technische Herausforderung als eine Frage der Verantwortung und der Haftung im Fall eines Unfalls. Der Mensch muss die Übersicht behalten. Bei „stop & go“ oder Stau sollte automatisiertes Fahren kein Problem darstellen. Spätestens 2020 dürften solche Technologien Standard sein. Wir arbeiten zudem an der Überwachung der Fahrzeugumgebung, um etwa schnell auf Fußgänger reagieren zu können. Denn autonomes Fahren dient nicht nur dem Komfort sondern vor allem der Sicherheit.


„Für den Luftreifen gibt es auch 2020 keine Alternative“

Werden Autos 2020 noch auf Reifen fahren?

Räder werden noch sehr lange bleiben. Der Luftreifen ist eine geniale Erfindung, die Physik, Chemie und zunehmend auch Elektronik verbindet. Auch 2020 sehe ich dafür keine Alternative.

Welche Struktur brauchen Sie, um Innovationen in Serienprodukte umzusetzen?

Die Kunst liegt in der koordinierten Zusammenarbeit von Menschen weltweit, die ein konkretes Ziel zu einem bestimmten Termin erreichen müssen. Entscheidend ist die richtige Taktfrequenz. Unsere Entwicklung wird dabei immer globaler: in Brasilien, China oder Japan sind wir mit Teams vor Ort. In Wolfsburg bündeln wir das dann. Im Konzern haben wir rund 30.000 Entwickler, davon arbeiten weit mehr als die Hälfte in Deutschland

Sie bauen gerade eigens einen E-Campus. Warum?

Der E-Campus im Herzen der technischen Entwicklung in Wolfsburg spielt für uns eine große Rolle, da wir mit der Elektromobilität in eine ganz neue Technologie einsteigen. Kurze Wege und schnelle Kommunikation sind in solchen Fällen noch wichtiger als etwa bei der Weiterentwicklung eines Modells.

Quelle:  Handelsblatt Online
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