Winterkorn im Bundestag: „Das Thema ist nicht bei mir angekommen“

Winterkorn im Bundestag: „Das Thema ist nicht bei mir angekommen“

, aktualisiert 19. Januar 2017, 13:49 Uhr
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Der ehemalige VW-Chef muss vor dem Untersuchungsausschuss aussagen.

von Daniel DelhaesQuelle:Handelsblatt Online

Er war der bedeutendste Manager der Republik. 2015 trat VW-Chef Martin Winterkorn zurück. Heute sagt er: „Ich muss akzeptieren, dass mein Name eng mit der Dieselaffäre verbunden ist“. Ein Stimmungsbericht.

BerlinMartin Winterkorn erreicht das Ausschussgebäude des Bundestags um 9.34 Uhr. Mit strammem Schritt marschiert er zum Eingang, trotz Winterkälte ohne Mantel. Im Gebäude angekommen, verschwindet er in einem Fahrstuhl. Wichtige Zeugen erhalten immer einen Raum zur letzten Vorbereitung, so sind die Regeln im Deutschen Bundestag. Neun Minuten vor Beginn der Sitzung des fünften Untersuchungsausschusses um zehn Uhr bildet sich ein Pulk aus Fotografen und Kameraleute vor dem Tisch des Befragten. Der Andrang ist so groß als nähmen sie gleich die siegreiche Fußballnationalmannschaft auf. Die Besucher- und Pressetribüne ist voll besetzt.

Dieser 19. Januar ist der Höhepunkt der politischen Aufklärung im Dieselskandal, der das größte Unternehmen Deutschlands schwer erschüttert hat. Der ehemalige Vorsitzende des Konzerns mit seinen 600.000 Beschäftigten soll an diesem Tag aufklären und helfen, warum so ein Abgas-Manipulationsskandal möglich sein konnte und welche Rolle der Chef dabei gespielt hat.

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Winterkorn betritt die Arena mit aufrechtem Gang. Geduldig lässt er sich fotografieren. Dann setzt er sich und nimmt einen Schluck Wasser. Neben ihm haben seine Anwälte Platz genommen. Sie sitzen neben ihm, damit nichts schiefgeht, haben jedes Wort vorher mit ihm einstudiert. Winterkorn hat gerade die Belehrung durch den Vorsitzenden Herbert Behrens (Linken) hinter sich gebracht, wonach er die Wahrheit sagen muss und Falschaussagen Geldstrafen und Freiheitsstrafen zur Folge haben können.

Gleich wird er die Gelegenheit zu einer persönlichen Erklärung nutzen und seine Reue beteuern. Schuld oder Verantwortung lädt er an diesem Tag allerdings nicht auf sich. Zu viel steht für ihn und den Konzern auf dem Spiel. Es geht um viel Geld, wenn bekannt werden würde, dass der Konzern zu spät die Öffentlichkeit informiert und damit die Regeln der Börse missachtet hat.

Dann beginnt der Ex-Manager, einen Text zu verlesen. „Mein Name ist Martin Winterkorn“, sagt er.  „Mein Alter ist 69.“ Der einst bedeutendste Manager der Republik, der gerne auch mal mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) telefoniert, nuschelt und spricht teilweise unverständlich. Er räuspert sich. „Ich danke für die Gelegenheit“, sagt er. Der Diplomingenieur erzählt von sich und wie er 2007 VW-Chef wurde. Am 25. September 2015 war es dann vorbei. „Dramatische Ereignisse“ seien es gewesen.

Der Dieselskandal habe dem Unternehmen „schweren Schaden“ zugefügt. Die Folgen seien noch nicht in vollem Umfang abzusehen. Er sei tief bestürzt, dass Millionen von Kunden betrogen worden seien. „Das belastet mich ganz besonders“, sagt er. „Die „Liebe zum Detail“ sei „das Markenzeichen von meiner Mannschaft und mir gewesen“, erklärt er und wird später doch immer wieder sagen, dass er sich nicht erinnern kann.

Sie hätten natürlich unter Einhaltung aller Gesetze gearbeitet mit dem Ziel, den Kunden das beste Angebot im Wettbewerb zu bieten. Der Skandal müsse da natürlich „wie Hohn klingen. Mir geht es genauso.“ Für Außenstehende sei es nicht nachzuvollziehen. „Auch ich hätte es nie für möglich gehalten. „Das Undenkbare ist geschehen. Es wurde verbotene Software eingesetzt. Ich bitte in aller Form um Entschuldigung.“

Er selbst verstehe das alles nicht, sagt Winterkorn, dem in den vergangenen Monaten immer wieder ein Schreckensregime unterstellt worden war. Jeder Mitarbeiter, sagt er nun, hätte zu ihm kommen und über Probleme berichten können, so wie beim VW Polo, den sie in den Niederlanden als Diesel bringen wollten, dort aber die Abgaswerte nicht einhalten konnten. Also sei das Projekt gestoppt worden.


Winterkorn mit Erinnerungslücken

Warum er dann aber nicht über die Abschalteinrichtungen informiert worden sei, von denen er erstmals im September 20015 gehört haben will? „Ich selbst suche bis heute nach befriedigenden Antworten“, erwidert er. Warum aber geschah dann alles? „Es ist nicht erklärlich, warum ich nicht frühzeitig informiert worden bin. Natürlich frage ich mich, ob ich die Signale überhört habe.“ Später werden die Abgeordneten ihn fragen, welche Signale das gewesen seien. Winterkorn wird darauf verweisen, dass das die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittle. Ob er frühzeitig Kenntnis hatte? „Das ist nicht der Fall.“

Und dann sorgt er sich doch noch um sein Erbe. Der Konzern sei unter seiner Führung gewachsen. „Einmalige Erfolge“ seien das gewesen, mehr Umsatz, mehr Arbeitsplätze, alles natürlich auf legalem Wege. „Ich muss akzeptieren, dass mein Name eng verbunden ist mit der Dieselaffäre.“ Damit müsse er und müsse seine Familie umgehen.

Mit dieser Erklärung endet auch Winterkorns Liebe zum Detail. Die Fragen, die ihm die 13 Abgeordneten danach stellen, beantwortet er kaum noch, meist kann er sich nicht erinnern oder kann nichts sagen oder darf nicht. Sie haken nach – und geben doch nach nur zwei Stunden auf.

Selbst, als der Abgeordnete Arno Klare (SPD) ihm etwas vorrechnet: So reichte die Beigabe von 13 Litern AdBlue wohl nicht, um den Ausstoß von Stickoxiden eines Dieselfahrzeuge auf 30.000 Kilometer bis zur nächsten Inspektion dauerhaft zu senken. Vielmehr seien ungefähr hundert Liter nötig. Auch mit diesem Detail will sich Winterkorn nicht beschäftigt haben. 

Die Abgeordneten merken, dass Winterkorn ihnen keine Antworten auf ihre Fragen geben wird und stattdessen immer wieder ausweicht. „Eine grundlegend neue Erkenntnis haben wir nicht gewinnen können“, wird Ausschussvorsitzender Behrens später Kritik üben. Er wird dem früheren VW-Chef vorwerfen, seine Aufgaben und seiner Verantwortung als Vorstandschef nicht gerecht geworden zu sein. „Ich glaube, in weiten Teilen ist er hinter dem zurückgeblieben, was er wirklich weiß“. Er halte Winterkorns Glaubwürdigkeit für erschüttert.

An diesem Tag hat er keine Inquisition mehr zu fürchten, wie sie von Managern in den USA bekannt sind, wenn dies sich vor dem Abgeordnetenhaus für Fehler rechtfertigen müssen. „Ich danke für die faire Behandlung“, sagt Winterkorn am Ende. Er meint es vermutlich ernst.

Quelle:  Handelsblatt Online
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