Ingeborg Schäuble im Interview: Mode satt

Ingeborg Schäuble im Interview: Mode satt

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Ingeborg Schäuble, Vorsitzende der Deutschen Welthungerhilfe

Lässt sich mit Mode der Hunger in der Welt bekämpfen? Beim ersten Hinsehen mutet die Frage zynisch an. Ist sie aber nicht. Ingeborg Schäuble ist seit 1996 Vorstandsvorsitzende der Deutschen Welthungerhilfe. Im Interview erläutert die Frau des Bundesinnenministers, wie ein Mode-Projekt tatsächlich dazu beitragen kann, die Lebensverhältnisse in Entwicklungsländern zu verbessern.

WirtschaftsWoche: Mode und Hungersnot – wie passt das zusammen, Frau Schäuble?

Schäuble: 850 Millionen Menschen auf der Welt haben Hunger. Aber als Nachricht verkauft sich das in den Medien schlecht. Es wird einfach immer schwieriger, die Menschen in den privilegierten Breiten für die Probleme der Dritten Welt zu sensibilisieren. Also wählen wir den Umweg über ein positiv besetztes Thema – die Mode –, um für die Belange der hungernden Menschen zu werben – und gleichzeitig für ihre Kultur.  

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Die Mode als Teaser-Thema mit todernstem Hintergrund?  

Mode ist ästhetisch; sie ist bunt und spricht Menschen an. Warum denn immer mit traurigen Gesichtern werben? Die Bewohner der Entwicklungsländer fühlen sich oft nicht richtig dargestellt: Von ihrer reichen Kultur ist in den Medien kaum die Rede, immer nur von Armut, Krieg und Tod. Da kann uns die Mode helfen, eine Brücke zu schlagen.  

Glauben Sie, dass Mode den Kulturdialog mit Ländern der Dritten Welt befördern kann?

Ja. Sie ist sogar ein ideales Medium, um fern von Polemik, Moralpredigten und Schwarzmalerei über die Lebensbedingungen in Entwicklungsländern aufzuklären. Und sie hilft uns obendrein, neue Kreise für die Welthungerhilfe zu gewinnen – Kreise, zu denen wir als Organisation sonst keinen Zugang finden würden. Die Zusammenarbeit zwischen den jungen Designern, die am Wettbewerb teilnehmen, und unseren Partnerländern Mali, Indien und Peru bewirkt ungeahnte Synergien. Schon jetzt ist ein lebhafter Kulturaustausch im Gange.  

Wie entstand die Idee zu diesem ungewöhnlichen Projekt?

Bei unseren Reisen in die Dritte Welt fiel uns regelmäßig auf, dass die ärmsten Menschen oft malerisch schön gekleidet sind. In Indien stach uns der Kontrast ins Auge zwischen der Pracht der Saris und der extremen Armut derer, die sie tragen. Kleidung hat in den Ländern der Dritten Welt einen hohen Stellenwert: Die Textilkultur blickt dort auf eine lange Geschichte zurück, wird regelrecht zelebriert. Das brachte uns auf die Idee, auf dem Umweg über Stoffe und Kleidung etwas von der reichen Geschichte dieser Länder zu erzählen.  

Aber was bringt es für den Kampf gegen den Hunger?

Das WeltGewänder-Projekt verschafft unserer Organisation zusätzliche Publizität und hoffentlich auch neue Spender. Alle Erlöse des WeltGewänder-Wettbewerbs fließen an unsere sogenannten Millenniumsdörfer. 2007 gingen die Erlöse der Abschlussmodenschau in Hamburg zum Beispiel an das Partnerdorf Sodo in Äthiopien. Und die Gelder, die bei der Fashionshow in Düsseldorf am 18. September gespendet werden, fließen direkt ans Partnerprojekt Kongoussi in Burkina Faso.  

Das erklärte Ziel Ihrer Organisation ist Hilfe zur Selbsthilfe. Wie sieht so etwas konkret aus?

Es ist die effizienteste Form der Hilfeleistung, weil sie die Betroffenen einbindet und die Verantwortung bei ihnen belässt. So entscheiden etwa die Dorfbewohner in Kongoussi und den anderen Dörfern selbst, welche Ziele sie vorrangig verfolgen, ob zum Beispiel zuerst die Wasserversorgung verbessert werden soll, oder ob der Bau einer Schule Priorität hat. Wir unterstützen sie mit Ingenieuren und Architekten bei der Verwirklichung der Projekte. Aber die Materialbeschaffung und die wesentliche Arbeit leisten die Bewohner der Dörfer selbst. Diese Einbindung motiviert sie und eröffnet ihnen neue Chancen. Es geht also um Nachhaltigkeit, nicht bloß um Geldüberweisungen.  

Die Welthungerhilfe prangert Missstände bei der staatlichen Entwicklungshilfe an. Wo klemmt es? Vor allem an der Koordinierung der Hilfe. Die Interessen von Umweltpolitik und der Entwicklungshilfe laufen leider manchmal völlig konträr.Spielen Sie auf das Dilemma mit dem Bio-Kraftstoff an?

Ja, es ist ein typisches Beispiel. Nur wenn die Ministerien sinnvoll zusammenarbeiten, sind wirkliche Erfolge in der Entwicklungshilfe möglich. Wir brauchen auch dringend fairere Handelsbedingungen für die Länder der Dritten Welt, und wir müssen die Landwirtschaft dort verstärkt fördern.

Sie meinen, wer mehr erntet, wird auch leichter satt?

So ist es. Höhere Agrarerträge vor Ort bedeuten weniger Armut und ergo weniger Hunger. Aber die Regierungen der Industrieländer müssen auch endlich ihre Versprechungen einlösen, wenn das wichtigste Millenniums-Ziel erreicht werden soll: den Anteil der Hungernden auf der Welt bis 2015 um die Hälfte zu reduzieren.

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