
„Mit Bedauern“ stelle er fest, so Bischof Wolfgang Huber, „dass die Auswüchse im internationalen Finanzwesen immer wieder mit ,dem Markt’ umstandslos gleichgesetzt werden“. Gleichwohl mahnt Bischof Huber gerade von Managern großer Unternehmen mehr Verantwortung an.
Festrede von Bischof Wolfgang Huber beim Symposium und der Verleihung des Preises 2008 der Initiative Freiheit und Verantwortung in Berlin am 1. Dezember 2008
I. „Die Wirtschaft übernimmt Verantwortung.“ In den Tagen der Banken- und Finanzkrise könnte der Titel dieser Tagung missverständlich klingen. Denn in den letzten Monaten und Wochen war wieder und wieder die Frage zu hören, ob die Wirtschaft – und in ihrem Rahmen insbesondere das Finanzgewerbe – sich ihrer Verantwortung nicht gerade entzieht.
Ein Mangel an Bereitschaft zur öffentlichen Rechenschaft und vor allem: ein Ungleichgewicht zwischen dem Willen, Renditechancen zu nutzen, und der Bereitschaft, Risiken vorausschauend einzuschätzen und für die Folgen übernommener Risiken gerade zu stehen, war eines der Probleme, die uns in den letzten Wochen beschäftigt haben. Ein Mangel an Verantwortungsübernahme ist einer der schärfsten Kritikpunkte, die während dieser Krise, die die gesamte Wirtschaft zu ergreifen droht, an den Verantwortungsträgern geübt worden ist.
„Wirtschaft, übernimm Verantwortung!“ will man in leichter Variation des Tagungsmottos laut ausrufen. Denn die ethische und rechtliche Verantwortlichkeit der Akteure ist ebenso notwendig wie die Schaffung von rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen, die derart zerstörerisches Handeln aus Gewinnsucht wirksam verhindern.
Gerade jetzt müssen wir die Verpflichtung dazu geltend machen, dass öffentliche Verantwortungsträger sich auch öffentlich ihrer Verantwortung stellen. Die derzeitige Finanzmarktkrise macht deutlich, wie wichtig und wie nötig es ist, das eigene Handeln vor dem Nächsten wie vor dem Gemeinwohl zu verantworten.
Wir stehen tatsächlich vor einem Wendepunkt. Der Gesellschaft als Ganzer wird wie selten zuvor vor Augen geführt, was vielen von Ihnen, die Sie unternehmerische Verantwortung tragen, schon seit langem bekannt ist: Vertrauen ist für wirtschaftliches Handeln ein genau so wichtiges Kapital wie Geld. Das war immer so - aber heute ist dieses Vertrauen der Mitarbeiter, der Kunden, aber auch der allgemeinen Öffentlichkeit in hohem Maße gefährdet. Es wird in neuer Weise deutlich, wie wichtig das Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher Effizienz und den sozialen Wirkungen unternehmerischen Handelns ist.
Freiheit trägt den Charakter des Geschenks
Ich füge ausdrücklich hinzu: Ich bin sehr dankbar dafür, dass es gerade im Bereich des Mittelstandes und des Handwerks ein ausgeprägtes Bewusstsein für eine vielgestaltige Verantwortung gibt – für die Mitarbeitenden, für die Kunden, für die Region.
Man kann es gar nicht deutlich genug sagen: Der Wohlstand unseres Landes beruht in erheblichem Maße auf dem Engagement von Unternehmerinnen und Unternehmer. Wertorientiertes und verantwortungsvolles unternehmerisches Denken und Handeln ist dabei entscheidend. Denn zum Kapital unternehmerischen Handelns gehört das Vertrauen der Menschen. Sie sagen völlig zu Recht: „Die Wirtschaft übernimmt Verantwortung“ – wenn dies für alle Bereiche der Wirtschaft in gleicher Weise gesagt werden könnte, wären wir heute in einer anderen Situation. Denn wer Verantwortung übernimmt, der signalisiert damit zugleich, dass er weiß, wem gegenüber er Rechenschaft schuldig ist, und wem er die Freiheit des eigenen Handelns verdankt.
Das ist der entscheidende Leitgedanke für die Denkschrift “Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“, die der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland im Sommer 2008 veröffentlicht hat. Wenn diese Denkschrift die Aufmerksamkeit ganz besonders auf die Verantwortung unternehmerisch handelnder Persönlichkeiten lenkt, dann liegt darin nicht – wie manchmal eingewandt wurde – eine Individualisierung des Problems wirtschaftlicher Verantwortung. Vielmehr gehört nach unserer Überzeugung beides zusammen: die Verantwortung für die Strukturen, in die wirtschaftliches Handeln eingefügt ist, aber ebenso auch die unvertretbare Verantwortung der einzelnen Akteure. Dafür liegt übrigens ein entscheidender Impuls bereits in Martin Luthers Lehre vom Beruf: Im weltlichen Berufshandeln – und eben nicht nur im geistlichen Stand – sah Luther eine Antwort auf den Ruf Gottes; daraus folgt, dass der Beruf dem Nächsten zu Gute wahrzunehmen ist.
Wenn Erstaunen darüber geäußert wurde, dass die evangelische Kirche sich in ihrer Denkschrift so deutlich zum Konzept der sozialen Marktwirtschaft bekennt, so möchte ich daran erinnern, dass dieses Konzept von Anfang an ebenso wie auf den Traditionen der katholischen Soziallehre auch auf den Traditionen der evangelischen Sozialethik beruht.
Exemplarisch kann man sich dies an der „Freiburger Denkschrift“ des Widerstandskreises um Constantin von Dietze, Walter Eucken und Gerhard Ritter deutlich machen, die unter maßgeblicher Beteiligung von Dietrich Bonhoeffer entstand. Sie enthält Grundzüge der sozialen Marktwirtschaft, die nach der festen Überzeugung der Widerstandskreise die Ordnung in Deutschland nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes bestimmen sollten.
Die Denkschrift der EKD wurde vor der Finanzmarktkrise dieses Jahres ausgearbeitet. Aber sie weist mit großer Klarheit schon auf diese Krise voraus und kommt zu klaren Urteilen über deren Ursachen. Deshalb bewährt sich dieses Dokument auch angesichts der Herausforderungen, die wir derzeit zu bestehen haben.
II. Mit den beiden Stichworten der Freiheit und der Verantwortung habe ich vorhin die beiden Stichworte genannt, die aus einer christlichen Perspektive in besonderer Weise in die Fragen unserer Zeit eingebracht werden müssen. Dabei ist es gut, daran zu erinnern, welchem Horizont der Begriff der Verantwortung ursprünglich entstammt; geht es in ihm doch um die letzte Rechenschaft, die wir nicht nur dem eigenen Gewissen oder anderen Menschen, sondern Gott als dem Richter über unser Leben schulden. Verantwortung zu übernehmen für das eigene Handeln und dieses Handeln am Nächsten auszurichten – auf diesen beiden Grundsätzen liegt angesichts der derzeitigen Krise ein besonderes Gewicht.
Freiheit trägt den Charakter des Geschenks; sie ist je unverfügbar. Mit der Freiheit verbindet sich in christlicher Perspektive unmittelbar der Ruf in die Verantwortung vor den Menschen und in die Verantwortung vor Gott selbst. Diese Freiheit wird durch das Evangelium, durch die Botschaft von der Rechtsfertigung des Sünders, selbst gestiftet und geleitet.
Wer sich einer Freiheit verdankt, die geschenkt und unverfügbar ist, weiß sich für die Gestaltung von Räumen verantwortlich, in denen diese Freiheit zur Erfah¬rung und zur Entfaltung kommt. Deshalb interessiert sich der christliche Glaube für die Bedingungen, Voraussetzungen und Folgen der Freiheit im eigenen Handeln ebenso wie für die Bedingtheiten und Bestimmtheiten des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Er setzt sich leidenschaftlich in all seinen Verantwortungsbereichen für Lebensverhältnisse ein, in denen diese Freiheit erfahrbar wird.
Es ist an der Zeit, das Verhältnis zwischen Freiheit und Bindung ebenso wie das Verhältnis zwischen Eigenverantwortung und Solidarität wieder neu zu justieren. Auch im wirtschaftlichen Handeln kann nur ein Verständnis der Freiheit leitend sein, das sich am ehesten als „verantwortete Freiheit“ bezeichnen lässt. Ohne eine solche „verantwortete Freiheit“ kann die soziale Marktwirtschaft nicht funktionieren.























