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Inkasso-Unternehmen: Die Schuldenindustrie boomt

von Mark Fehr

Großgläubiger setzen hoch spezialisierte Inkassofirmen auf Heerscharen säumiger Verbraucher an. Die Schuldenindustrie boomt.

Sirius-Chef Hofmeister
Sirius-Chef Hofmeister

Die Schulden der Deutschen kann man im Keller von Carsten Hofmeister besichtigen. Der Mann ist Geschäftsführer der Düsseldorfer Inkassofirma Sirius. Er und seine 200 Mitarbeiter treiben für Versicherer, Telekomanbieter, Energieversorger oder Versandhändler offene Forderungen ein. Hofmeisters Keller-Bibliothek platzt längst aus allen Nähten: Regal reiht sich an Regal, Akte steht an Akte.

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Jeder säuberlich abgeheftete Beleg erzählt ein eigenes Schuldnerschicksal – und täglich kommen neue dazu. Fleißige Archivare schieben die Mappen stapelweise auf Rollwagen herein. Mittlerweile lagern hier unten die Dokumente von etwa 3,5 Millionen säumigen Zahlern, obwohl es Sirius erst seit sieben Jahren gibt. So manche Karteileiche hat ihre Schuld bis heute nicht beglichen. Doch das ist die Minderheit. „Wir streben eine Erfolgsquote von bis zu 90 Prozent an“, sagt Hofmeister.

Schlechte Zahlungsmoral

Warum müssen immer mehr Konsumenten von Inkassoprofis bearbeitet werden, damit sie ihre Rechnungen zahlen? Laut der aktuellen Frühjahrsumfrage des Bundesverbands Deutscher Inkasso-Unternehmen (BDIU) hat sich die Zahlungsmoral der privaten Haushalte im Zuge der Wirtschaftskrise, verglichen mit Herbst 2009, weiter verschlechtert. Zu dieser Einschätzung kamen 48 Prozent der vom Inkassoverband befragten Mitgliedsunternehmen.

Nur fünf Prozent konnten eine Verbesserung feststellen, der Rest registrierte eine ebenso schlechte Zahlungsmoral wie bei der vorhergehenden Umfrage. Privatleuten passiert es schneller als erwartet, dass ihnen die Verbindlichkeiten über ihre laufenden Einkommen hinauswachsen. „Verbraucher richten sich bei der Planung der Konsumausgaben nach ihrem aktuellen Einkommen“, sagt Carsten Homann vom Schuldnerfachberatungszentrum der Universität Mainz. Die wenigsten verfügten daher über eine Kriegskasse, um finanzielle Einbußen aufgrund von Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit, Krankheit oder Scheidung abzufedern.

Kein Wunder also, dass sich die privaten Schulden zu einem Massengeschäft entwickeln und der Inkassoindustrie zu einem Boom verhelfen. So hat sich die Zahl der Mitgliedsunternehmen im deutschen Inkassoverband seit Beginn der Neunzigerjahre nahezu verdoppelt. Um der Menge an offenen Außenständen Herr zu werden, perfektionieren und rationalisieren professionelle Anbieter wie Sirius dasForderungsmanagement nach dem Vorbild hoch effizienter Industriebetriebe. Produktivität ist der einzige Weg, auch Forderungen mittlerer und geringer Höhe wirtschaftlich einzutreiben. Drohbesuche von stämmigen Bodyguards in dunklen Autos gehören dagegen nur zum Klischee und wären viel zu teuer für Großgläubiger, die sich mit einem Heer relativ kleiner Schuldner herumschlagen müssen. Zudem zerstören rabiate und illegale Methoden das öffentliche Ansehen namhafter Unternehmen aus der Versicherungs-, Handels- oder Versandbranche. Und einen Imageverlust will sich keine bekannte Marke leisten.

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12 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 06.08.2010, 15:41 UhrAnonymer Benutzer: Moskau Inkasso

    Lieber Gast,

    Haendler die das Ausfallsrisiko scheuen, koennen jederzeit Vorkasse verlangen(Das waere toll, was glauben Sie wie die Verschuldungsquote sinken wuerde).
    Wer meint, jedem alles andrehen zu muessen, traegt ein hoeheres Risiko. Anscheinend lohnt es sich wohl, wenn man sieht, wie leicht Menschen sich mit unnoetigem Kram verschulden koennen.

    Das Mahnwesen ist bestandteil des ordentlichen Kaufmannsbetrieb, und damit mit dem Kaufpreis abgegolten, von daher haben Sie Recht, es ist keine Scheinleistung, sondern eine Doppelleistung, die nicht nochmal abgegolten werden muss.

    § 10 (1) 1. RDG und die analoge! Anwendung des RVG haben bisher nur die Rechtsgrundlage fuer die Rechtmaessigkeit der inkassokosten gelegt, allerdings nicht ueber dessen Erstattungsfaehigkeit.
    Dies ist weiterhin hoechst umstritten in der Rechtsliteratur, und es spricht baende, das noch kein inkassounternehmen eine bGH-Entscheidung gesucht hat ueber gueltig widersprochenen inkassoleistungen, warum wohl?

  • 06.08.2010, 14:34 UhrAnonymer Benutzer: Ein Gast

    "Personen, die Scheinleistungen ohne Rechtsgrundlage ueberforderten Menschen in Rechnung stellen sind dann was?"

    Dieser Satz ist aber auch sowas von neben dem Thema.
    Scheinleistungen? Wohl kaum (siehe Artikel). Ohne Rechtsgrundlage? Wohl kaum (siehe RDG). Überforderte Menschen? Zur erfolgreichen bestellung hatten diese "überforderten Menschen" aber noch alle Sinne beisammen oder wie?

    Sie haben übrigens nicht verstanden, dass ich die Situation mal aus Händlersicht darstelle. Wenn Sie ihr Mahnwesen nicht im Griff haben und eine offene Forderung im Sande verlaufen lassen, dann spricht sich dass schneller rum als ihnen lieb ist. in der Folge werden sich die Fälle unbezahlter Rechnungen häufen. Warum ist das so?

    Weil es Austauschforen von und für ebenjene Menschen gibt, die mit betrügerischer Absicht Waren ergaunern und sich vornehmlich an jene Shops halten, bei denen das Risikomanagement schon mit dem Mahnwesen den bach runtergeht.

  • 06.08.2010, 14:33 UhrAnonymer Benutzer: Ein Gast

    (Teil ii)
    Und zu ihrem Zitat
    "...sorgen dafuer das berechtigte Forderungen beglichen werden, da kein Geld mehr fuer "Kostenaufblaeher" verschleudert wird." verdeutliche ich abschließend:

    Üblicherweise arbeiten inkassounternehmen heutzutage auf eigenes Risiko. Sie erhöhen die Grundforderung (Hauptforderung + Kosten des efolglosen kaufm. Mahnverfahrens) um ihre Gebühren nach RVG und mahnen diese Summen gemeinsam an. Zahlt der Schuldner, kriegt der Gläubiger 100 % des geforderten betrages, zahlt er nichts, geht das inkassounternehmen leer aus und gibt die Forderung an den Gläubiger zurück. Und jetzt wird es spannend. Der Gläubiger beantragt jetzt einen Mahnbescheid. Die entstehenden Kosten, die der Schuldner nun zahlen muss, sind höher. Ein Mahnbescheid i.d.R. das teurere Verfahren. indem Sie Verbrauchern raten, auf ein inkassoschreiben nicht zu reagieren erweisen Sie diesen einen bärendienst, denn günstiger wird es in gerichtlichen Verfahren nicht - auch wenn die einst verlangten inkassogebühren dort keine Rolle mehr spielen.

    Jetzt konstruieren wir mal ihren juristisch korrekten Musterfall. Der Händler liefert per Rechnung mit Zahlungsziel, Kunde zahlt nicht, Rechnung gerät in Verzug. Was dann? Dann dürfte der Händler ohne Mahnung, Zahlungserinnerung etc. direkt einen Mahnbescheid beantragen. Warum darf er das? Weil alle vorgerichtlichen bemühungen nur eine Form der Höflichkeit und Kulanz sind. Wär auch nicht schön, oder? Aber rechtens.

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