Innovationen: "Gute Innovationen sind billig"

Innovationen: "Gute Innovationen sind billig"

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Liisa Välikangas

Management-Professorin Valinkangas über die soziale Wirkung von Innovationen und Augenoperationen im Fließband-Rhythmus.

Frau Välikangas, müssen Manager sozial sein?

Välikangas: Wie meinen Sie das?

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Weil Sie für soziale Innovationen plädieren. Was soll das sein?

Välikangas: Manager sollten auf jeden Fall nicht nur darüber nachdenken, wie sich ihr Handeln unmittelbar zum Wohle des Unternehmens auswirkt, für das sie arbeiten. Sondern, schon aus Eigeninteresse, auch die Auswirkungen dieses Handelns auf die Gesellschaft im Blick haben. Das gilt, auch und vor allem, für ihr Verständnis von Innovationsmanagement. Man braucht beides – das sichert auch die eigene Unabhängigkeit.

Warum?

Välikangas: In Kalifornien entstehen gerade einige Unternehmen, die versuchen, rund um soziale Fragen innovative Geschäftsmodelle zu entwickeln. Geschäftsideen mit gesellschaftlicher Relevanz, die sich, wenn auch anfangs in kleinem Rahmen, selbst tragen. Zarte Pflänzchen, die aber ohne die Hilfe externer Geldgeber existieren können. Was gut ist, weil die ökonomische Interessen dieser Geldgeber ja auch berücksichtigt werden müssten, was wiederum die Geschäftsidee verwässern würde.

Aber ohne Geld geht’s nun mal nicht...

Välikangas: Das sehe ich anders: Sicher brauchen wir auch Innovationen, die sehr kostenintensiv sind. Aber es gibt auch wichtige Entwicklungen, die für kleines Geld und wenig Aufwand zu haben sind – vor allem, wenn sie Menschen in weniger hoch entwickelten Ländern zu gute kommen sollen. Eine Erfahrung, die ich seit vier Jahren in Afghanistan mache: Dort habe ich ein Projekt initiiert, das die Menschen dort Schritt für Schritt das Gründen von kleinen Unternehmen schmackhaft machen soll. Das fängt bei vielen schon dabei an, ihnen beizubringen, wie sie ihre Meinung selbst artikulieren oder eine einfache Frage formulieren. Oder wie Teamarbeit funktioniert – damit haben dort nur die wenigsten Erfahrung gesammelt.

Schön und gut. Aber warum lassen Sie die Entscheidung, was gute oder schlechte Innovationen sind, nicht einfach den Markt treffen?

Välikangas: Weil wir da regelmäßiges Versagen beobachten können.

Woran denken Sie?

Välikangas: Zum Beispiel an Malaria-Prophylaxe für Entwicklungsländer. Kein Pharma-Unternehmen hat jemals einen für diese Menschen bezahlbaren Impfstoff entwickelt. Das wurde erst möglich durch die Dollar-Millionen, die die Stiftung von Bill und Melinda Gates in die Erforschung und Bekämpfung dieses Problems gesteckt hat. Von alleine hätten sich die Unternehmen nicht um eine Lösung bemüht.

Wie sollen sie die hohen Forschungskosten auch jemals wieder reinholen?

Välikangas: Das würden sie natürlich nicht schaffen. Aber das ist ja eben genau der falsche Denkansatz: Um Probleme wie diese zu lösen, müssen wir ein ganz anderes Verständnis für Innovation bekommen: Gute Ideen brauchen nicht immer den großen Batzen Geld, mit dem wir normalerweise rechnen. Es geht oft auch mit viel weniger Aufwand. Smarte Lösungen müssen nicht teuer sein.

Zum Beispiel?

Välikangas: Augenoperationen sind normalerweise sehr teuer – das gilt für Patienten in entwickelten wie in weniger entwickelten Ländern. Ein Krankenhaus in Indien hat nun eine Methode entwickelt, die Augenoperationen nicht nur für viele Patienten erschwinglich macht, sondern auch viel weniger Zeit in Anspruch nimmt – und darüber hinaus vielen Menschen in der Umgebung Arbeit gibt.

Herrscht in Indien plötzlich Ärzteschwemme?

Välikangas: (lacht). Natürlich nicht. Der Trick: Der gesamte Prozess der Operation wird völlig neu gedacht: So wie in den 1930er Jahren bei Ford die Autoproduktion am Fließband stattfand, wird in diesem indischen Krankenhaus diese Operation in so viele kleine Schritte zerlegt, die jeder für sich so leicht beherrschbar sind, dass nicht spezialisierte Augenchirurgen, sondern medizinische Laien diese Operationen ausführen können. So profitieren alle davon: Das Krankenhaus verdient genug Geld, die Patienten werden wieder gesund und eine Menge Menschen stehen in Lohn und Brot. Davon können wir in den entwickelten Ländern ruhig eine Scheibe abschneiden.

"Über die Systematik nachdenken"

Gleich schlagen Sie noch vor, dass wir damit unser malades Gesundheitssystem sanieren können...

Välikangas: So einfach ist es natürlich nicht. Aber zumindest lohnt es, über die Systematik nachzudenken, die dahinter steckt – und zwar nicht nur in Bezug aufs Gesundheitssystem. Auch andere Branchen können von diesem Ansatz profitieren, gerade in Krisenzeiten. Ein bisschen mehr Hirnschmalz verwenden, um auf einfache Lösungen zu kommen statt einfach nur mehr Geld oder andere Ressourcen zu verpulvern, um eine Lösung für ein Problem zu finden. Es muss darum gehen, eingefahrene Prozessketten aufzubrechen und neu zu denken. Das war übrigens schon früher so.

Woran denken Sie?

Välikangas: Etwa an das Prinzip des Lean Manufacturing, das die Japaner entwickelt haben – eine Methode, die es möglich machte, nicht auf Halde, sondern immer nur so viel von einem Produkt zu produzieren, wie wirklich im Markt benötigt wurde – einfach deswegen, weil sie generell keinen Platz für große Lager haben. Und an ein Beispiel aus meiner finnischen Heimat, das schon Jahrzehnte zurückliegt: Ein Stahlproduzent, der Ende der 1940er Jahre, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, ständig mit Energieknappheit zu kämpfen hatten. Weil sie nicht einfach ein neues Kraftwerk bauen konnten, machten die Mitarbeiter aus der Not eine Tugend – und entwickelten einen neuen Schmelzprozess, der bis heute bei vielen Stahlproduzenten weltweit angewandt wird: Anstatt die Energie, die beim Schmelzen des Eisens frei wird, verpuffen zu lassen, wird sie genutzt, um das Eisenerz abzuschöpfen. Ein großer Durchbruch für die gesamte Stahlindustrie, geboren aus der schieren Not. Eine im doppelten Sinne nachhaltige Lösung.

Vielleicht war es vor 60, 70 Jahren einfach noch leichter, neue Lösungen zu finden...

Välikangas: Quatsch, im Gegenteil. Wir leben schließlich in einer Art Innovationsdemokratie.

Was soll das sein?

Välikangas: Eine Gesellschaft, in der letztlich jeder die Chance, aber auch die Verantwortung hat, mit seinen Ideen dazu beizutragen, Lösungen für die großen und kleinen Probleme unserer globalisierten Welt zu finden. Gerade die ärmsten Menschen unter uns sind doch hoch innovativ – sonst könnten sie gar nicht überleben.

Inwiefern?

Välikangas: Ich bin neulich durch Brasilien gereist, habe auch einige Slums besucht. Die Menschen dort werfen nichts weg, alles wird noch mal benutzt, da sind diese Menschen unheimlich kreativ. Sie arbeiten zusammen, helfen sich gegenseitig. Wer wie wir in der Überflussgesellschaft aufgewachsen ist, könnte das gar nicht leisten. Aber von diesen Fähigkeiten können wir auch in Europa profitieren – gerade in Krisenzeiten wie diesen.

Wie denn?

Välikangas: Zum einen beginnen Unternehmen wie General Electric, Entwicklungszentren in diesen Ländern aufzubauen. Einen Schritt weiter ist etwa der französische Lebensmittelkonzern Danone etwa hat für Bangladesh einen Joghurt entwickelt, der in kleineren Größen als für hiesige Konsumenten üblich portioniert wird und vor allem mit deutlich weniger Kühlung als vergleichbare Produkte auskommt. Der Joghurt ist damit auch deutlich günstiger. Und mittlerweile auch in Supermärkten in Frankreich ein richtiger Verkaufsschlager.

Warum gibt es nicht mehr Beispiele?

Välikangas: Weil in den Unternehmen das richtige Innovationsklima fehlt. Viele Menschen sind von ihrer Arbeit gelangweilt, ihnen fehlt schlicht der Spaß – auch, weil sie oft an der falschen Stelle eingesetzt werden. Unter solchen Umständen kann einem auch nicht viel Neues einfallen. Klingt banal, aber damit schwächen sich Unternehmen unnötig selbst – schließlich ist die Innovationskraft entscheidend für die Überlebensfähigkeit eines Unternehmens.

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