
Den Geschäftsführern der Firma Imbau in Neu-Isenburg bei Frankfurt am Main war die Überraschung ins Gesicht geschrieben: Ausgerechnet eine Frau sollte bei ihnen das Kommando übernehmen, in einem Betrieb mit 1800 Mitarbeitern, allesamt Männer vom Bau? „Die haben schnell verstanden, dass ich das Ruder führe“, erinnert sich Angelika Amend an ihren ersten Auftritt bei dem Betonteilehersteller.
Was die Rechtsanwältin aus dem benachbarten Kronberg bei Imbau vorfand, glich der schieren Hoffnungslosigkeit. Die Kasse so gut wie leer, lächerliche 100.000 Euro Barmittel standen fast 600 Millionen Euro Forderungen von Gläubigern gegenüber. Es gab kein ordentliches Controlling. Statt angesehener Kunden wie die Handelshäuser Ikea und Rewe, für die Imbau Hallen und Einkaufstempel baute, stand bei dem Unternehmen nur ein Auftraggeber dick in der Kreide: die bankrotte Konzernmutter Philipp Holzmann. Damit war auch Imbau pleite – und wohl dem Untergang geweiht.
Doch der niederschmetternde Eindruck täuschte. Anwältin Amend strafte alle Skeptiker Lügen. „Wir haben innerhalb von sechs Wochen neue Kunden gefunden“, erinnert sie sich. Heute, sieben Jahre später, ist die ehemalige Holzmann-Tochter zwar noch immer unter ihrer Regie, es laufen noch immer Prozesse, es kommen noch immer Forderungen.
Dafür ist Amend etwas Bemerkenswertes gelungen: Sie hat über 1000 der einst 1800 Arbeitsplätze gerettet, etwa indem sie die Imbau-Niederlassungen in ganz Deutschland einzeln an andere Unternehmen verkaufte. Und die Gläubiger können auf Begleichung ihrer Außenstände bei Imbau in Höhe eines zweistelligen Prozentbetrages rechnen – ein Vielfaches dessen, was üblicherweise bei Insolvenzverfahren übrig bleibt und zu verteilen ist. „Wenn ich in ein Unternehmen gehe“, sagt Amend, „will ich es sanieren, nicht zerlegen.“
Die grazile Anwältin rechnet sich zu einer kleinen, aber feinen Berufsgruppe, die anders als die vielen gescholtenen Top-Manager vor Selbstbewusstsein fast zu platzen scheint: die Insolvenzverwalter. Immer wenn ein Unternehmen zusammenbricht, weil die bisherigen Chefs sich verkalkuliert, übernommen oder einfach nur versagt haben, bricht für sie die hohe Zeit an. Dann zeigen sie, dass sie oft mehr können, als Unternehmen zu bestatten. Dann laufen sie, so ihr neues, in den vergangenen Jahren gereiftes Selbstverständnis, zu den heimlichen Sanierern der deutschen Wirtschaft auf.
Finanzkrise beschert der Insolvenzzunft Zulauf
Den vorläufigen Höhepunkt dürfte der Zunft die Wirtschafts- und Finanzkrise bescheren, die vielfach gesunde Unternehmen in die Zahlungsunfähigkeit stürzt, weil die Nachfrage abrupt abgebrochen ist oder die Banken die Kreditzufuhr stoppen. Da hoffen die Insolvenzverwalter besonders, versteckte Stärken ausspielen zu können. „Ein Unternehmen liquidieren, die Maschinen und Grundstücke veräußern ist keine besondere Herausforderung, Sanierung schon“, sagt der Düsseldorfer Insolvenzverwalter Horst Piepenburg.
Der renommierte Rheinländer, der die Modekette SinnLeffers und die Drogeriekette Ihr Platz rettete, zielt mit seinem Hieb auf die alteingesessenen Kollegen. Ihnen verdankte die Zunft bis vor wenigen Jahren den Ruf, in erster Linie Abwickler und Totengräber gestrauchelter Unternehmen zu sein. Doch seit 1999 die 120 Jahre alte Konkurs- durch eine neue Insolvenzordnung ersetzt und der Konkurs- in Insolvenzverwalter umbenannt wurde, haben sich Image und Tätigkeit der vermeintlichen Leichenfledderer gewandelt. Amend, Piepenburg und Co. zählen sich zu einer neuen Generation ihrer Zunft, die Pleitefirmen nur dann aufgibt, wenn gar nichts mehr geht.









