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Intelligente Stromversorgung: Konzerne drängen auf mehr Hilfe durch die Politik

von Miriam Olbrisch Quelle: Handelsblatt Online

Mindestens dreißig Prozent des nationalen Strombedarfs soll bis zum Jahr 2020 aus erneuerbaren Energien kommen, wenn es nach der Bundesregierung geht. Ohne Smart Grid, ein intelligentes Stromnetz, wird das aber kaum funktionieren - und auch nicht ohne die richigen Anreize der Politik.

Windenergieanlage nahe Brandenburg: Smart Grids sind Voraussetzung für sinnvolle Nutzung erneuerbarer Energien. Quelle: dpa
Windenergieanlage nahe Brandenburg: Smart Grids sind Voraussetzung für sinnvolle Nutzung erneuerbarer Energien. Quelle: dpa

KÖLN. Wo sonst Wanderer durch einsame Wälder streifen, plant RWE den nächsten Schritt zur intelligenten Stromversorgung. Tief in der Eifel, im idyllischen Landkreis Bitburg-Prüm, investiert der Essener Energiekonzern derzeit drei Millionen Euro in ein Pilotprojekt. Hier wird die bestehende Infrastruktur in ein Smart Grid umgerüstet, ein intelligentes Stromnetz. "Das ist bisher einmalig in Deutschland", sagt Andreas Breuer, Leiter der Sparte Neue Technologien bei RWE. Im Mai soll der Betrieb starten. Neben dem Versorger sind der Mannheimer Spezialist für Automationstechnik ABB und die Beratung Consentec beteiligt.

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Bis zum Jahr 2020 will die Bundesregierung den deutschen Strombedarf zu mindestens 30 Prozent aus erneuerbaren Energien decken. Zentrale Voraussetzung ist der Aufbau des Smart Grid: Denn nur damit kann Energie aus erneuerbaren Quellen im großen Stil eingespeist werden.

Haushalte als Energiespeicher

Alleine können die Stromversorger das Vorhaben nicht stemmen. Um den Strom aus wetterabhängigen Wind- oder Solaranlagen aufnehmen zu können, ist eine ausgeklügelte Steuerung nötig - und die liefern Spezialisten der Telekommunikations- und IT-Branche.

"Im Moment fließt der Strom nur in eine Richtung, nämlich vom Stromerzeuger zum Verbraucher", erläutert Reimar Süß, Projektmanager bei Eon Westfalen-Weser. Im Stromnetz der Zukunft muss die Energie jedoch in beide Richtungen strömen: Dann könnte jeder Haushalt nicht nur Verbraucher, sondern auch Lieferant sein - mit einer Solaranlage auf dem Dach oder einem kleinen Blockheizkraftwerk im Keller. Es ist sogar denkbar, dass Haushalte bei einem Stromüberschuss Energie speichern, um sie später zu verbrauchen oder ins Netz zurückzuschicken.

Noch ist nicht klar, wie die Infrastruktur genau beschaffen sein muss. "In welchem Ausmaß das bestehende Netz umgebaut werden muss, wissen wir noch nicht", sagt Süß. In sogenannten Ortsnetzstationen, landläufig unter dem Namen Trafohäuschen bekannt, sammelt Eon Westfalen-Weser derzeit Informationen für diese richtungsweisende Entscheidung. Zur Unterstützung hat Eon den IT-Spezialisten Cisco ins Boot geholt: Dieser hat im vergangenen Frühjahr erstmals Router und Switches für Stromleitungen auf den Markt gebracht. Die kleinen Geräte sollen das Netz intelligent machen - sie verteilen den Strom und werden derzeit in den Umspannwerken von Eon getestet. Die Konkurrenz schmiedet ebenfalls Allianzen: EnBW etwa mit dem Softwarehersteller SAP bei einem Pilotprojekt in Karlsruhe und Stuttgart; der Mannheimer Energieversorger MVV kooperiert mit IBM.

Auch die Bundesregierung unterstützt - die Pläne mit dem Förderprogramm E-Energy, das sechs Pilotprojekte umfasst. 140 Millionen Euro sollen bis 2013 fließen. Angesichts der bevorstehenden Milliardeninvestitionen fordern die Versorger jedoch ein stärkeres Engagement. "Wir könnten schon viel weiter sein, wenn die Politik die richtigen Anreize setzen würde", sagt Andreas Breuer von RWE. Weitere Fördermittel für Entwicklung und Umsetzung von Pilotprojekten und Investitionssicherheit für den Aufbau der Netze seien dringend nötig.

Die Stromkonzerne haben Sorge, auf den Kosten sitzen zu bleiben - das sorgt für enorme Verzögerungen. "Wir erwarten, dass die Kosten für die Integration der neuen Technologie von der Regulierungsbehörde anerkannt werden", fordert Eon-Projektmanager Süß.

Vorreiter USA

Andere Länder geben den Takt vor: "Die USA haben uns längst überholt", sagt Rolf Adam, Leiter der Smart-Grid-Sparte von Cisco in Europa. US-Präsident Barack Obama hat versprochen, 3,4 Milliarden Dollar für den Ausbau des Smart Grid bereitzustellen. Auch in Italien, einem Vorzeigeland in Sachen intelligenter Stromnetze, fördere der Staat massiv.

Wann das flächendeckende Smart Grid in Deutschland Wirklichkeit wird, mag angesichts technischer und finanzieller Unsicherheiten niemand vorhersagen. Für die Kunden soll der Aufbau ohne viel Aufsehen geschehen. Der Alltag der Bewohner im Landkreis Bitburg-Prüm etwa ändert sich nicht, wenn spannungsgeregelte Ortsnetzstationen errichtet oder Biogasanlagen an das neue Netz angeschlossen werden. "Wenn der Kunde nicht mitbekommt, dass hier ein Umbruch stattfindet", sagt Andreas Breuer von RWE, "dann haben wir unsere Sache gut gemacht."

E-World

Branchentreff Mehr als 500 Aussteller aus 48 Ländern kommen vom 8. bis 10. Februar zur Messe E-World Energy & Water in die Essener Messehallen. Im Fokus stehen Themen wie Smart Energy, Offshore-Windkraft, Gashandel und CO2-Speicherung. Die Veranstalter erwarten täglich rund 3000 Besucher.

Innovationen Der IT-Konzern IBM zeigt, wie Versorger durch Smart Metering ihr Geschäftsprozessmanagement optimieren können. SAP demonstriert unter anderem neue Technologien im Bereich E-Mobility. Die Deutsche Telekom stellt neue Instrumente zur Analyse von CO2-Emissionen im gewerblichen Bereich vor.

Arunjai Mittal: "Das Smart Grid ist ein Muss"

Arunjai Mittal, Chef der Industriesparte bei Infineon, über die Rolle der Chip-Industrie im Energiesektor.

Handelsblatt: Was kann Ihre Branche zum Smart Grid beitragen?

Arunjai Mittal: Ohne Halbleiter wird es kein Smart Grid geben. Sie sind in jeder Stufe der Wertschöpfungskette für elektrische Energie vertreten: von der Erzeugung, über den Transport bis hin zur Verbrauchssteuerung mithilfe intelligenter Stromzähler.

Handelsblatt: Der IT-Branchenverband Bitkom fordert, Kohlesubventionen in den Aufbau erneuerbarer Energieerzeugung und intelligenter Netze umzuleiten. Stimmen Sie zu?

Mittal: Das Smart Grid ist ein Muss, wenn der wachsende Energiebedarf gestillt und erneuerbare Quellen ausgebaut und effizient ins Stromnetz integriert werden sollen. Unser Geschäftserfolg hängt jedoch nicht primär davon ab, da unsere Produkte bereits heute in den meisten Netzkomponenten vertreten sind. Für Systemintegratoren wie Siemens ist die Frage wichtiger. Grundsätzlich ist immer hilfreich, wenn die Politik die Entwicklung neuer Technologien fördert, die der gesamten Gesellschaft nutzen.

Handelsblatt: Halten Sie auch Subventionen für sinnvoll?

Mittal: Die Politik sollte langfristig orientierte Rahmenbedingungen setzen. Die frühzeitige Entscheidung, den Solarsektor zu fördern, hat sich etwa als weitsichtig erwiesen und dem Standort wichtige Impulse gegeben.

Autor: Thomas Mersch

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