Internet: Cisco greift an

Internet: Cisco greift an

von Matthias Hohensee

Der amerikanische Netzausrüster Cisco will zur Großmacht rund ums Internet werden. Die neuen Wettbewerber des Konzerns heißen Hewlett-Packard, SAP, IBM und Google.

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Cisco-Chef John Chambers

John Chambers schießt aus seinem Büro, eilt zur Gemeinschaftsküche und zieht eine Dose Diet-Coke aus dem Kühlschrank, schon die dritte heute. Es ist neun Uhr morgens und der Chef von Cisco Systems wirkt so energiegeladen wie bei einer Aufwärmrunde im Boxring. Seit halb sieben ist er in der Zentrale im kalifornischen San José, hat schon drei Besprechungen hinter sich und gerade via Video mit Politikern in China konferiert.

„Ach, ist das wieder ein toller Tag heute“, jubelt Chambers und bittet in sein Büro. Die Schaltzentrale eines der einflussreichsten und bestbezahlten US-Manager entpuppt sich als etwas größerer Einbauschrank, etwa acht Quadratmeter klein, mit schmalem Schreibtisch und Fenster zum Großraumbüro. Dahinter ist ein Sitzungszimmer, in das maximal drei Leute passen, bevor die Luft knapp wird. Chambers’ Fenster zur Welt ist ein Flachbildschirm mit Videokamera und Mikrofon, der ihn mit 662 Videokonferenzeinrichtungen in 45 Ländern verbindet.

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Die Szene zeigt, was Chambers, Konzernchef seit 1995, in den kommenden Jahren will. Cisco soll zum größten Kommunikationsdienstleister des Internets aufsteigen, einer Art Microsoft des World Wide Web. Bisher verdient Cisco vor allem als „Klempner des Internets“ Geld, so nannte die Web-Gemeinde das Unternehmen lange Zeit. Mindestens zwei Drittel des weltweiten Datenverkehrs läuft über Router, Netzwerke oder Videokonferenztechnik von Cisco. Viel mehr Marktanteil in diesen Segmenten geht nicht – Cisco hat die Wachstumsgrenzen erreicht. Außerdem wird Cisco zunehmend von chinesischen Billigkonkurrenten attackiert.

Cisco läuft Gefahr sich zu verzetteln

Deshalb tritt Chambers die Flucht nach vorne an. Cisco soll expandieren: von der Internet-Infrastruktur aus in Datenzentren, Videokonferenztechnologie, Dienstleistungen für Medien, Produkte für Energiekonzerne bis hin zu Camcordern für Hobbyfilmer. In 30 Märkten, die alle an das Internet andocken, mischt Cisco bereits mit. Gleichzeitig will Chambers beweisen, dass sein Konzern so schnell agieren kann wie ein Startup. Gelingen soll das mit Übernahmen, mit selbst entwickelten Produkten und mit einer neuen Organisationsstruktur, mit der Cisco-Manager schnell auf Dutzende neuer Spielwiesen springen können. Bis zu 60 Geschäftsfelder soll Cisco künftig haben.

Doch das ist riskant, denn Chambers könnte sich verzetteln. Cisco will nicht mehr nur Firmenkunden, sondern auch Konsumenten beglücken, was ein völlig anderes Marketing erfordert. Zudem legt Chambers sich dabei mit mächtigen Wettbewerbern an – von HP über IBM bis Oracle, Microsoft und Google.

Cisco zählt zu den wenigen Unternehmen, die die Internet-Krise im März 2000 erst mit Ach und Krach, am Ende aber erfolgreich überstanden haben. Eine kurze Zeit war Cisco an der Börse 550 Milliarden Dollar wert und damit noch vor Microsoft die teuerste Firma der Welt. Im damaligen Internet-Boom konnte Cisco seine Router, die das Internet mit Datenzentren und Computern verbinden, gar nicht schnell genug herstellen. Firmen, die sich wie Internet-Adressen – dot.com – nannten, schossen aus dem Boden; Cisco wuchs jährlich um 70 Prozent.

"Das Netzwerk ist die neue Kommunikationsplattform"

Als die Dotcom-Blase platzte, brach ein Großteil der Aufträge weg. Bis September 2001 verlor Cisco rund 460 Milliarden Dollar an Wert. Das Unternehmen stand auf der Kippe. Chambers musste Personal entlassen. Rund zehn Jahre später ist Cisco zum Marktführer bei Infrastruktur aufgestiegen, finanziell stark wie nie und hat 35 Milliarden Dollar auf der hohen Kante – mehr als Apple, Google, HP, IBM oder Microsoft. Nur der Aktienkurs ist mit 23 Dollar weit von der einstigen Bestmarke 77 Dollar entfernt. Im Geschäftsjahr 2009 brach der Umsatz zudem um fast neun Prozent ein. Seit Herbst wächst Cisco wieder, allerdings nicht so rasch, wie die Anleger es gern hätten. In den vergangenen fünf Jahren lag die Wachstumsrate im Schnitt bei 9,2 Prozent. Die Krise bremst das Geschäft, die Unternehmen haben ihre Ausgaben für IT-Infrastruktur gedrosselt.

Deshalb hat Chambers eine neue Mission. Der 60-Jährige mit den schütteren blonden Haaren, der zehn Jahre jünger wirkt, ist ein genialer Kommunikator mit einer Prise missionarischen Eifers. Berühmt sind seine ohne Notizzettel gehaltenen Vorträge, bei denen er von der Bühne springt und Blickkontakt mit den Zuhörern sucht. „Das Netzwerk ist die neue Kommunikationsplattform“, predigt Chambers, wiederholt den Satz ein-, zwei-, dreimal, mit steigender Inbrunst.

Das tut er auch, wenn er wie im Dezember die Analysten zum jährlichen Treffen einlädt. Die wichtigste Frage nimmt er vorweg. „Stehe ich dazu, dass wir 12 bis 17 Prozent Wachstum jährlich schaffen?“, sagt er, starrt einem Analysten in die Augen und macht eine gewichtige Kunstpause. „Ja, ich bin so zuversichtlich wie noch nie.“ Er ist optimistisch, dass die Wirtschaft anzieht, heuert wieder Leute an.

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