Internet: Stadtwerke attackieren die Telekom

Internet: Stadtwerke attackieren die Telekom

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Techniker der deutschen Telekom AG beim Verlegen von Glasfaserkabeln.

von Jürgen Berke

Stadtwerke bauen superschnelle Glasfasernetze. Damit untergraben sie die Führungsrolle etablierter Anbieter – und betreiben die Rückverstaatlichung von Telekommunikationsnetzen.

Rolf Fußhöller gehört zu den Politikern, die gern mal Tacheles reden. „Der Markt hat versagt, die Liberalisierung der Telekommunikationsmärkte ist gescheitert“, sagt der erste Bürgermeister von Villingen-Schwenningen im Schwarzwald. Die Schuld gibt Fußhöller den etablierten Anbietern wie der Deutschen Telekom, Vodafone und der im Südwesten sehr starken Fernsehkabelgesellschaft Kabel Baden-Württemberg. Keines dieser Privatunternehmen sei bereit, in die Internet-Zukunft zu investieren und alle 55 000 Haushalte der Kreisstadt mit superschnellen Glasfaseranschlüssen zu versorgen.

CDU-Mitglied Fußhöller greift deshalb zur Selbsthilfe – mit öffentlichen Geldern – und schafft damit Fakten. Die Stadtwerke von Villingen-Schwennigen sollen noch im Herbst den Großauftrag für den Bau einer kommunalen Glasfaserinfrastruktur bekommen. 83,5 Millionen Euro stellt die 80 000-Einwohner-Gemeinde für das Prestigeprojekt im Kommunalhaushalt bereit – pro Wohnung 1500 Euro. Auf einer der nächsten Sitzungen will Fußhöller dem Gemeinderat seinen endgültigen Geschäftsplan vorlegen. Ein Ratsbeschluss sei dann nur noch Formsache, hofft der Lokalpolitiker.

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Widerstand der Marktführer

Villingen-Schwenningen ist bald überall in Deutschland. Die Stadtwerke entdecken die Telekommunikation – und treten damit eine Debatte über die Rückkehr des Staates in die Telekommunikationsbranche los. Weit mehr als 100 Mitglieder, ergab eine Umfrage des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU), wollen künftig außer Strom, Wasser und Gas auch noch Bits and Bytes zu den Endverbrauchern transportieren. Mittelfristig, heißt es beim VKU, dürften sich wohl alle kommunalen Versorger mit dem Betrieb von Glasfasernetzen ein neues Geschäftsfeld erschließen. Gefördert wird das Engagement auch durch eine neue Technologie: Der Trend zu sogenannten intelligenten Stromnetzen, die Verbrauchsdaten auswerten und elektronische Geräte steuern, überzeugt auch Skeptiker, dass ein Einstieg der Stadtwerke in die Telekommunikation attraktiv sein kann. Vielen von ihnen gehören bereits die Stromleitungen auf dem Gemeindegebiet.

Damit stoßen die Stadtwerke allerdings auf den Widerstand etablierter Anbieter wie der Deutschen Telekom und der Fernsehkabelnetzbetreiber, die allesamt selbst einmal in öffentlicher Hand waren. Harald Rösch etwa, Chef des TV-Kabelnetzbetreibers Kabel Baden-Württemberg, wirft dem Bürgermeister vor, eine staatliche Parallelinfrastruktur aufzubauen, die sein eigenes, nicht viel langsameres TV-Kabelnetz entwerte. „Die Kommune müsste durch Niedrigpreisangebote Kunden von Kabel Baden-Württemberg abwerben“, heißt es in einem Schreiben an den Bürgermeister, das der WirtschaftsWoche vorliegt. „Angesichts der ordnungspolitisch ausdrücklich gewünschten Privatisierung der Telekommunikation ist das ein äußerst problematischer Ansatz.“

Nach Röschs Berechnungen sind nur etwa 3800 der rund 55 000 Haushalte in Villingen-Schwenningen und Umgebung nicht an das inzwischen internetfähige TV-Kabelnetz angeschlossen, welches mit Spitzengeschwindigkeiten von rund 100 Megabit pro Sekunde das DSL-Netz der Deutschen Telekom längst überholt hat. Sein Vorschlag: „Für ein weit geringeres Investitionsvolumen von rund sieben bis acht Millionen Euro wäre es möglich, die derzeit unversorgten Gebiete mit Glasfasern zu erschließen und an unser Netz zu koppeln. Ein bedarfsorientierter Ausbau wäre also um 76 Millionen Euro günstiger als der Ausbau einer Parallelinfrastruktur.“

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6 Kommentare zu Internet: Stadtwerke attackieren die Telekom

  • Durch berichte über das internet weltweit und in Ländern, die aus deutscher Sicht wohl noch zu den Entwicklungsländern zählen, bin ich immer wieder überrascht über deren Super-internet-Möglichkeiten.
    Und wenn ich meine eigenen Erlebnisse bei meinen bemühungen im Rahmen eines T-fon-Umzugs durch die Telekom schildern sollte, bräuchte ich etliche Seiten, um eine für mich unfassbare Rückständigkeit der Telekom aufzuzeigen. Ganz abgesehen davon, dass ganze Gebiete in Deutschland total internet-mäßig unterversorgt sind, kommt noch hinzu, dass auch noch eine vollkommen ungenügende 2000-er- Geschwindigkeit in vielen Gebieten das Maximum darstellt. Auch hiervon mal abgesehen: Was ich an Hintergrund-bürokratie und Abwicklungs-Verwaltung erlebt habe, ist kaum zu beschreiben. ich habe daher umgestellt auf einen USb-Mobil-Stick, mit dem ich einigermaßen leben und arbeiten kann.

  • Es ist gut, daß die Stadtwerke das jetzt endlich machen. Die Kabel-TV-betreiber wollen nur die veralteten Koaxialkabel weiter vermarkten und die Telekom will Omas Klingeldrähte nutzen, alles technisches Stonehenge.

    Kohärente Optische Nachrichtentechnik im Weitverkehr und inkohärente Optische Nachrichtentechnik im Ortsnetz, so geht es. Punkt. Der Funk ist ebenfalls eine techn. Fehlgriff im Ortsnetz.

    Aber was nutzt alles, wenn sich die Gesellschaft bei uns dazu entschieden hat, nicht Fachleute, sondern Kaufleute und politiknahe Leute die Zukunft entscheiden zu lassen - also komplette Voll-Laien.

    Das ist in den aufstrebenden Staaten der Welt natürlich völlig anders. Da wäre es eine Schande, nichts zu wissen, aber entscheiden zu wollen. Dort entscheiden letztlich diejenigen, die das Wissen des 21. Jahrhunderts haben.

    Deshalb ist die infrastruktur zur informationstechnik z.T. in der 3. Welt besser als bei uns. Wer hier nicht neben der Vermittlungsstelle wohnt, hat daher schlechte Karten, weil sich Omas Klingeldraht eben für das internet etwa so gut eignet wie eine Metallplatte sich als Fensterscheibe eignet. Es geht zwar, wenn man die Scheibe sehr dünn macht (einige Angström - kein Problem). beim Klingeldraht geht es ja auch, man muß direkt neben der Vermittlungszentrale wohnt (am besten drinnen).

    So sieht eben eine hochtechnisierte Gesellschaft aus, in der Laien über Energieversorgung, informationstechnik usw. entscheiden. Chaos an allen Ecken und Enden.

  • internet: Stadtwerke attackieren die Telekom

    inzwischen begreift jeder, wie rückständig die Deutsche Telekom und andere etablierte Anbieter sind. im Rückblick lässt sich erkennen, wie die bürger über Jahrzehnte vom Staat abgezockt wurden. Über den mangelnden Daztenschutz ist kein Wort zu verlieren.

    Durch die Anbindung an schnelle Kommunikationsnetze wird sich auch vieles im Arbeitsalltag verändern, warum noch 100 km pro Tag pendeln, wenn über Videokonferenzen sich eine Kommunikation verwirklichen lässt, als wenn man sich gegenüber sitzt in einer besprechung. Ja das ist sinnvoll, sofern man einfache Kommunikationsregeln beherrscht !

    Anderes Thema: Staat, Monopol, Ausbeutung: www.merlin-it.org

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