
ATLANTA. Die Zukunft der Kommunikation ist bereits hier. Sie wohnt in hohen, hellen Räumen in einem Bürogebäude in San Francisco, hat 60 Mitarbeiter und als Dekoration zwei Rehe aus grünem Plastik sowie eine Papiergirlande, auf der in blauen Lettern steht: "Jeder Tweet zählt".
Die Zukunft der Kommunikation hat 25 Millionen Nutzer, von Barack Obama bis Volker Beck, von der "New York Times" bis General Motors, von Touristen in New York bis zu Demonstranten in Teheran, die aus dem digitalen Untergrund telegrafenknappe Momentaufnahmen in alle Welt absetzen. Die Zukunft der Kommunikation ist mächtig - und macht keinen einzigen Dollar Umsatz.
Die Rede ist von Twitter, der hippen Online-Plattform, deren Nutzer Kurznachrichten, genannt Tweets, von maximal 140 Zeichen versenden. In Iran wurde Twitter jetzt wie andere Online-Netzwerke (Facebook, Flickr und Youtube) zur letzten Quelle unzensierter Information und damit so wichtig, dass das Außenministerium in Washington Twitter ersuchte, Wartungsarbeiten auszusetzen. Bei Twitter verbat man sich zwar die Einmischung, stimmte aber am Ende doch zu. "Wir glauben an den freien Fluss der Kommunikation", sagt CEO Evan Williams.
Eines Tages würden Williams, Jack Dorsey und Biz Stone - die drei Twitter-Gründer - in einem Atemzug genannt werden mit Samuel Morse, dem Erfinder des Morseapparats, Alexander Graham Bell, dem Erfinder des Telefons, und Microsoft-Gründer Bill Gates, schrieb das Magazin "Time" jüngst zur Begründung, warum es die Twitter-Jungs in seine legendäre Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten aufgenommen hatte. Vor zwei Wochen widmete "Time" dem Onlinedienst gar eine Titelgeschichte.
Was macht den Erfolg von Twitter aus? Seine Einfachheit. "Man muss nicht denken", sagt Jack Dorsey knapp. "Twittern" heißt "zwitschern", und das Logo des Onlinedienstes ist ein stilisiertes blaues Vögelchen. Dass sich ein soziales Netzwerk wie Twitter - siehe Iran - wegen der vielen angedockten Programmschnittstellen technisch kaum blockieren lässt, sorgt eher unbeabsichtigt für große Popularität.
Dorsey ist der Erfinder, das technische Mastermind von Twitter. Grafiker Biz Stone ist der kreative Kopf und CEO Evan Williams der Mann fürs Geschäft. Williams sagt über sich, er sei "ein Bauernjunge aus Nebraska, der unglaubliches Glück hatte". 1999 war er Mitbegründer von Pyra Labs, das die Software für Online-Tagebücher - oder Blogs - auf den Markt brachte. Er entwickelte die Software für die Weblog-Seite "Blogger.com". 2003 verkaufte er Pyra Labs an Google, arbeitete kurz im Hauptquartier der Suchmaschine im Silicon Valley und gründete dann die Podcasting-Firma Odeo, aus der schließlich Twitter hervorging.
Twitter ging 2006 an den Start. Drei Jahre später, im März 2009, verzeichnete die Plattform dem Marktforschungsdienst Nielsen.com zufolge binnen eines Jahres ein Wachstum von 1 382 Prozent. Das Wahlkampfteam von Barack Obama setzte Twitter im Präsidentschaftsrennen ein. Firmen wie der Computerhersteller Dell oder die Coffeeshop-Kette Starbucks nutzen Twitter als Vertriebskanal und Marketinginstrument. Dell gab an, drei Mio. Dollar Umsatz als Folge einer Twitter-Kampagne gemacht zu haben.
Twitter selbst verdient bislang keinen Cent. Der Dienst wird von Risikokapital finanziert. 55 Mio. Dollar kamen von Investoren, unter anderen Amazon.com-Chef Jeff Bezos. Facebook und Google boten Twitter 2008 angeblich 500 Mio. Dollar für einen Verkauf - doch die drei Gründer lehnten ab. Zum künftigen Geschäftsmodell will sich keiner der Twitter-Jungs äußern, vielleicht, weil es bislang nichts als ein paar vage Ideen gibt. Textanzeigen wie bei Google vielleicht. Oder Zusatzleistungen für bezahlte Abonnements. "Die Zukunft wird es zeigen", sagt Evan Williams.
Von den beiden anderen Twitter-Gründern sind lediglich Eckdaten bekannt. Jack Dorsey war bis 2008 CEO, übergab dann an Williams und fungiert seither als Präsident. Der Twitter-Erfinder ist ein schlaksiger junger Mann mit wildem braunem Haarschopf. Er studierte Informatik, brach das Studium ab. Geschadet hat ihm das nicht; das Wirtschaftsblatt "Business Week" nannte ihn "einen der klügsten Köpfe der Technologie-Branche". Als Dorsey Chef von Twitter wurde, heuerte er einen Business-Coach an und trennte sich von seinem Nasenring. "Die Zeit war irgendwie vorbei", sagt er und schmunzelt.
Grafiker Biz Stone blieb indes seinem Markenzeichen treu: Jeans, T-Shirt, darüber ein offenes Hemd. Er gibt sich als der Nonkonformist und Idealist der Truppe: "Bei Twitter geht es nicht um Geld und nicht um Technologie", sagt er. "Bei Twitter geht es um eine radikal neue Form der menschlichen Kommunikation."
Über deren Wert gehen die Meinungen allerdings auseinander. Die einen sehen in Twitter das ultimative Instrument der e-Diplomatie, eine Revolution des globalen Informationsflusses. Die jüngste Rolle von Twitter in Iran oder die atemlosen, in Echtzeit gesendeten Eindrücke von den Terroranschlägen in Mumbai 2008 spiegeln jenes Phänomen, das das Magazin "Forbes" als "Twitter-Moment" beschreibt. Andere sehen im Zwitscher-Dienst vor allem ein Medium für frustrierte Zeitgenossen, die aus Mangel an Ansprache das digitale Universum mit banaler Geschwätzigkeit unter Dauerbeschuss nehmen. Twitter ist wohl beides.
Man betrachte Janis Krums. Der Twitter-Nutzer aus Florida schickte das berühmte erste Foto vom notgewasserten US-Airways-Jet im Hudson River per Twitter in die Welt mit den Worten: "Da ist ein Flugzeug im Hudson. Ich bin auf der Fähre, die Leute einsammelt. Wahnsinn!" Im Gegenzug gab es ein paar Minuten Ruhm für Krums. Eine Woche später twitterte er wieder munter über seine Gewichtsprobleme. Auch das ist die Zukunft der Kommunikation.













