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Interview Carl Christian von Weizsäcker: "Wie Zwangsernährung"

von Franz Rother und Jürgen Rees

Warum der Ökonom Carl Christian von Weizsäcker das Energie-Einspeise-Gesetz für verfassungswidrig hält und auf Kernenergie und saubere Kohle setzt.

Carl Christian von Weizäcker
Carl Christian von Weizäcker
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WirtschaftsWoche: Professor von Weizsäcker, würde sich auf dem Dach Ihres Wohnhauses hier in Bonn nicht eine Solaranlage gut machen?

Carl Christian von Weizäcker: Finden Sie? Ich bin mir da nicht so sicher: Im Winter kommt die Sonne über die Bäume des angrenzenden Waldes nicht hinweg. Die Installation würde sich deshalb für uns wohl nicht rechnen.

Die Bundesregierung drängt derzeit die Bürger massiv, etwas für den Klimaschutz zu tun – etwa durch die Montage von Solarzellen. Das Energie-Einspeise-Gesetz (EEG) sorgt dafür, dass sich Investitionen in Umwelttechnik lohnen.

Ja, leider. Ich war von Anfang an dagegen, das so zu machen. Das ist ja eine Art Zwangsernährung, die wir da praktizieren: Wer eine Windmühle aufstellt, hat das Recht, die Ware entgegen den sonstigen Gepflogenheiten der Marktwirtschaft zu einem Preis abzuliefern, über den gar nicht mehr verhandelt werden muss. Der ist vom Gesetzgeber garantiert und liegt obendrein weit über dem Marktpreis. Das ist eine Subventionierung, die solange weitergetrieben wird, wie es das Netz aushält.

Braucht man nicht eine solche Förderung, um Wind- und Solarkraft zum Durchbruch zu verhelfen?

Eine Anschubfinanzierung kann sinnvoll sein. Nur sollte man die Finanzierung dann über den Staatshaushalt laufen lassen. So wie bei der Kernenergie. Da hat der Bund praktisch sämtliche Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten finanziert und es den Kraftwerksherstellern so ermöglicht, rentable Anlagen anzubieten. Die Förderung der erneuerbarer Energien hingegen ist eigentlich nicht verfassungskonform, denn sie ist eine Steuer für die Stromverbraucher, die am Staatshaushalt vorbeigelenkt wird. Das gleiche Manko hatte der in den Sechzigerjahren eingeführte Kohlepfennig, den auch am Haushalt vorbei einseitig nur die Stromkunden zahlen mussten. Es hat sich zwar noch niemand getraut, das EEG für verfassungswidrig zu erklären. Aber es ist das gleiche Finanzierungsschema wie beim Kohlepfennig. Und der wurde für verfassungswidrig erklärt.

Aber würde der Strom denn billiger, wenn die Entwicklung der erneuerbaren Energien aus Steuermitteln finanziert würde?

Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Aber es würde für fairen Wettbewerb zwischen den Energieträgern sorgen.

Fair? Sonnen-, Wind- oder Wasserkraft würden massiv ins Hintertreffen geraten!

Das kommt darauf an, wie man die einzelnen Energien bewertet. Erneuerbare Energien könnten einen Bonus bekommen, weil sie Ressourcen schonen und weniger Treibhausgase in die Atmosphäre blasen. Klimaschädliche Energien hingegen würden belastet. Es gäbe eine Fülle von Möglichkeiten, über eine echte Klimapolitik und durch einen Zertifikatehandel für fairen Wettbewerb zu sorgen. Aber diese Energien müssten sich am Markt bewähren und wären nicht durch einen Heiligenschein geschützt. Stattdessen haben wir heute die Situation, dass ein Energieträger umso höher subventioniert wird, je ineffizienter er ist. Solarstrom beispielsweise wird deutlich höher subventioniert als die Windenergie, obwohl der Klimaeffekt gleich groß ist und der Strom aus Sonnenenergie in unseren Breitengraden niemals wirtschaftlich sein wird. Unter fiskalisch-ökonomischen Gesichtspunkten sollten alle erneuerbaren Energien gleiche Startbedingungen haben. Auch die Zwangsernährung mit Biosprit ist abzulehnen.

Ökonomische Aspekte interessieren derzeit weniger als die Rettung des Weltklimas. Was können die erneuerbaren Energien dazu beitragen?

Weder Deutschland noch Europa allein können Klimapolitik machen. Und retten werden wir die Welt schon einmal gar nicht. Die Umsetzung des Kyoto-Protokolls senkt die CO2-Emissionen weltweit um sechs Prozent – das ist in etwa das Wachstum der Emissionen von drei Jahren. Im Klartext: Kyoto rettet nichts, sondern schafft uns nur drei Jahre Luft beim Anstieg der Emissionen. Der direkte Klimaeffekt von Kyoto ist praktisch gleich null. Wir brauchen ein echtes weltweites Klimaabkommen.

Welcher Energieträger ist aus Ihrer Sicht am ehesten geeignet, die Belastungen des Klimas mit Treibhausgasen zu reduzieren?

Am besten geeignet wäre die Kernenergie, aber die ist hierzulande ja leider nicht salonfähig. Sie hat sicherlich auch Nachteile, aber immerhin emittiert sie kein Kohlendioxid. Um uns herum hat man das längst erkannt und plant eifrig neue Kernkraftwerke. Nur in Deutschland nicht.

Könnte sich die Stimmung noch einmal ändern?

Das ist keine Frage für einen Ökonomen, sondern für einen Demoskopen. Aber ich denke schon, dass sich das wandeln wird – wenn sich die Strompreise weiter so wie bisher entwickeln und wir vielleicht ein Problem mit der Versorgungssicherheit bekommen. Wenn es plötzlich dunkel wird in Deutschland, schlägt die Stimmung sicher schlagartig um.

Kernenergie allein wird die Energie- und Klimaprobleme auch nicht lösen können.

Die erneuerbaren Energien aber auch nicht. Nach den neuesten Prognosen der Internationalen Energie-Agentur wird die weltweite Energienachfrage bis zum Jahr 2030 um 55 Prozent zunehmen – und der Einsatz der fossilen Energien um die gleiche Größenordnung. Das heißt, die CO2-Emissionen werden weiter kräftig wachsen, obwohl der Anteil der erneuerbaren Energien weiter steigt und auch wieder stärker auf Kernenergie gesetzt wird. Der Grund ist der stärkere Einsatz von Kohle zur Energiegewinnung. Kohlekraftwerke emittieren zwar besonders viel CO2. Dafür ist der Investitionsaufwand für die Produktion einer Energieeinheit hier um den Faktor fünf niedriger als bei Öl und Gas. Und das vor allem zählt für eine aufstrebende Nation wie etwa China.

Was kann man dagegen tun?

Die Antwort heißt Clean Coal, also Kohlekraftwerke mit CO2-Abscheidung.

Die Technik ist weit entfernt vom Großeinsatz. Ist der Ausbau von Wind-, Wasser- und Sonnenenergie daher nicht viel sinnvoller?

Ich habe ja gar nichts dagegen, dass man dies ordnungspolitisch korrekt über den Staatshaushalt fördert. Aber wir können doch in Deutschland nicht alles auf diese Karte setzen und uns aus Kohle- und Kernenergie zurückziehen. Das ist völlig unsinnig.

Die Förderung der Fotovoltaik in Deutschland würden Sie also einstellen?

In der heutigen Form schon. Die Sonnenenergie bringt keine positiven Effekte für das Weltklima. Andererseits schaffen Kohle und Öl negative Effekte. Aus Sicht des Ökonomen hat es keinen Sinn, etwas zu fördern, das keinen positiven Effekt schafft. Wesentlich sinnvoller wäre es, das zu verteuern, was negativ wirkt. Deshalb müssen wir weltweit ein CO2-Handelssystem mit ordentlichen Preisen etablieren. Dann lohnt es sich vielleicht, Windmühlen dort zu betreiben, wo steter Wind weht – und Solarstrom dort zu produzieren, wo ausreichend Sonne scheint. Die Vielfalt ist immer ein gutes Prinzip, das zeigt die Evolutionslehre. Also erneuerbare Energien im fairen Wettbewerb zueinander, dazu Kernenergie, Clean Coal, später wahrscheinlich Fusionsenergie. Und wenn der technische Fortschritte es hergibt, wird vielleicht auch die Solarenergie eine Zukunft haben, vielleicht auch Wasserstoff. Bis dahin ist eines vordringlich....

...nämlich?

Energie sparen. Das ist die billigste Form, dem Klimawandel zu Leibe zu rücken.

6 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 18.04.2008, 15:09 UhrAnonymer Benutzer: Nachtrag

    sehr interessant ist auch welche interessn den Herr Weizäcker vertritt:

    im Wirtschaftsbeirat der RWE AG sitzen unter anderem Dr. Heinrich von Pierer, Vorstandsvorsitzender des Atomkraftwerksherstellers Siemens, Dr. h.c. Martin Kohlhaussen, Aufsichtsratsvorsitzender der Commerzbank AG, Dr. Alfons Friedrich Titzrath, ehemaliges Vorstandsmitglied und Aufsichtsratsvorsitzender der Dresdner bank, Alfred Freiherr von Oppenheim, Aufsichtsratsvorsitzender des bankhauses Sal. Oppenheim, Dr. Gerhard Cromme, Aufsichtsratsvorsitzender der ThyssenKrupp AG, Prof. Dr. Jürgen Strube, ehemaliger Vorstandsvorsitzender und derzeitiger Aufsichtsratsvorsitzender der bASF AG, Jürgen Dormann, Aufsichtsratsvorsitzender von Aventis, Dr. Udo Oels, Vorstandsmitglied der bayer AG und Dr. bernd Pischetsrieder, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG. Darüber hinaus bindet RWE über seinen Wirtschaftsbeirat zwei Energiewissenschaftler ein: Prof. Dr. Dieter Schmitt, Lehrstuhl für Energiewirtschaft der Universität Duisburg-Essen, und Prof. Dr. Carl Christian von Weizsäcker, ehemaliger Direktor des Energiewirtschaftlichen instituts an der Universität Köln.

  • 18.04.2008, 12:54 UhrAnonymer Benutzer: Rolf Klee

    Kann dem Artikel so überhaupt nicht zustimmen, DA Uran und die Kohle auch SEHR ENDLiCH SiND, sprich einfach nicht mehr lange verfügbar. Peak Uran, Peak Kohle und Peak Oil. Nein meine Herren - das ist nicht im Sinne unserer Kinder und Nachfolgenerationen gedacht. Atomenergie, Kohle und Öl sind eine reine Sackgasse! Nur ein beispiel: vor ca. 6 Wochen sind an den Weltbörsen ca. 4 billionen Dollar an buchgeld vernichtet worden. Dieser betrag hätte ausgereicht, um eine Solaranlage zu installieren, die ganz EUROPA dauerhaft UND völlig umweltfreundlich mit Strom versorgen könnte. Es würde gehen wenn man nur wollte. Wir vernichten mit ALLEN nicht erneuerbaren Energieträgern, die wir aus der Erde holen - über Jahrmillionen aufgebaut und innerhalb von 200 Jahren aufgebraucht - unser Klima und unsere EiNZiGE Lebensgrundlage.

    Das sollten die Herren - auch und gerade ein Professor Weizäcker endlich mal anerkennen. Sie reden große Worte aber eine wahre Einsicht, ein neuer Weg, ist nicht zu erkennen. Diese wäre aber zum Wohle unserer Kinder sehr nötig. Wir feiern seit 150 Jahren eine "große Party der Energieverschwendung" aus gespeicherter Sonnenenergie und machen weiter und weiter, bis diese so nicht mehr vorhanden ist! So einfach sind die realen Tatsachen. bitte einfach mal den gesunden Menschenverstand zu Grunde legen und dies überlegen.

    Rolf Klee

  • 18.04.2008, 10:56 UhrAnonymer Benutzer: F.-C.Tischer

    Die Aussagen des Artikels teile ich weitestgehend. Eine Verteufelung der Atomenergie ohne Verfügbarkeit wirklich ausreichender und wirtschaftlich vertretbarer Alternativen ist eine moderne Form von Harakiri. Die Klimadiskussion ist zwar notwendig, aber nicht in der jetzigen hysterischen Art und auf dem völlig sinnlosen und im Zweifel extrem klimaschädigenden Klimagipfel mit 11000 sicher weitgehend inkompetenten Teilnehmern auf bali.

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