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Interview mit SNCF-Chef Guillaume Pépy: "Das wirkt doppelzüngig"

von Gerhard Blaeske (Paris)

Der Chef der französischen Staatsbahn SNCF, Guillaume Pépy, über seinen Streit mit der Deutschen Bahn und die Sorgen um die Zuverlässigkeit des ICE.

Der Chef der französischen Staatsbahn Guillaume Pépy Quelle: Andreas Licht für WirtschaftsWoche
Der Chef der französischen Staatsbahn Guillaume Pépy Quelle: Andreas Licht für WirtschaftsWoche
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WirtschaftsWoche: Herr Pépy, nichts geht mehr zwischen der französischen Staatseisenbahn SNCF und der Deutschen Bahn. Deren Vorstandschef Hartmut Mehdorn beschwert sich lautstark, dass Wettbewerber in Frankreich vom Schienenverkehr ferngehalten werden. Was ist los? Ich glaube, man muss das richtig einordnen. Die SNCF und die Deutsche Bahn sind die beiden wichtigsten Eisenbahnbetreiber in Europa. Wir haben gemeinsam sehr gute Kooperationen bei grenzüberschreitenden Zügen wie Alleo und Thalys und haben das Railteam-Bündnis, eine Allianz großer europäischer Bahnbetreiber zur Verbesserung des Services im Hochgeschwindigkeitsverkehr, aufgebaut. Unsere Beziehungen zur Deutschen Bahn sind loyal und ernsthaft.

Aber es gibt Konflikte, etwa um die Vergabe des öffentlichen Nahverkehrs in Bordeaux. Mehdorn hat die Vergabe des Auftrags an die SNCF erfolgreich gerichtlich angefochten. Ich habe die jüngsten Äußerungen der Deutschen Bahn, vor allem diesen Einspruch nach der Vergabe an die SNCF-Tochter Kéolis, nicht verstanden. Alle Beteiligten waren über die Ausschreibung informiert.

Der Erfolg gibt Mehdorn aber doch recht. Meiner Ansicht nach zeigen die Konflikte, dass es Konkurrenz gibt. Ich wünsche mir, dass sie in loyaler Form stattfindet.

Presseberichten zufolge will die Deutsche Bahn nun die britischen Anteile am Eurostar-Konsortium übernehmen, das den gleichnamigen Hochgeschwindigkeitszug zwischen Frankreich und England betreibt. An dem Konsortium hält aber die SNCF die Mehrheit. Die Bahn sagt, sie wolle den Service verbessern und Verbindungen nach Deutschland einrichten. Ist das nicht legitim? Den Service verbessern? Mit Zügen, die zu 92 Prozent pünktlich ankommen und einen Marktanteil von 75 Prozent gegenüber dem Flugzeug haben, ist das eine der besten Dienstleistungen in Europa. Als Präsident von Eurostar bedauere ich es, diesen Vorschlag der Presse entnehmen zu müssen. Am selben Tag hatten wir in Köln über den Hochgeschwindigkeitsverkehr in Europa diskutiert. Ich finde es schade, dass wir über diese Absichten, sofern sie denn wirklich bestehen, nicht informiert worden sind. Das bedauere ich, denn ich glaube, dass unsere Beziehungen Besseres verdienen als Äußerungen unserer deutschen Freunde, die doppelzüngig wirken.

Stimmt es denn nicht, dass etwa der deutsche und italienische Eisenbahnmarkt für Ausländer offen stehen, andere Märkte, darunter der französische, dagegen keine Konkurrenz zulassen? Es sind französische Gesetze, die das französische Eisenbahnsystem regeln, und die SNCF macht diese Gesetze nicht. In Europa gibt es noch keine Verpflichtung, den Personen-Regionalverkehr zu öffnen. Das kann man uns nicht vorwerfen. Außerdem hat unser Staatssekretär für Transport, Dominique Bussereau, erklärt, offen für den Vorschlag des französischen Senats zu sein, den Regionalverkehr schrittweise zu öffnen, mit einer Testphase in einer Übergangszeit und unter der Bedingung, die Modalitäten genau festzulegen.

In dieser Zwischenzeit greifen Sie jedoch vom geschützten französischen Heimatmarkt aus mit Ihrem Nahverkehrsunternehmen Kéolis die Deutsche Bahn in Deutschland an. Die Konkurrenz wird Realität werden. Sie soll den Kunden nutzen, nicht den Rechtsanwälten. Im Schienengüterverkehr haben wir das Dresdner Eisenbahnunternehmen ITL übernommen, während umgekehrt die Deutsche Bahn in Frankreich über ihre Tochter EuroCargoRail aktiv ist. Im Hinblick auf den Regionalverkehr kann ich nur sagen: Schauen Sie mal auf unsere Marktanteile in Deutschland: Die sind minimal.

Wird sich die SNCF künftig an allen Ausschreibungen in Deutschland beteiligen? Wir legen nicht jedes Mal ein Angebot vor. Wir machen da mit, wo die Märkte per Gesetz offen sind wie in Italien, Großbritannien und Deutschland. Niemand kann uns daran hindern, hier Angebote vorzulegen. Wir werden uns an weiteren Ausschreibungen im Personenschienenregionalverkehr beteiligen. Das Gleiche gilt für den öffentlichen Personennahverkehr, wo unser Know-how vor allem bei fahrerlosen U- und Straßenbahnen liegt.

Es gibt keine Konkurrenz im grenzüberschreitenden Verkehr

Werden Sie die Deutsche Bahn nach der EU-weiten Öffnung des grenzüberschreitenden Fernverkehrs 2010 auch im Hochgeschwindigkeitsverkehr angreifen? Derzeit haben wir auf diesem Gebiet ausschließlich Kooperationen mit der Deutschen Bahn. Es gibt keine Konkurrenz im grenzüberschreitenden Verkehr. Wir haben auch eine Zusammenarbeit auf der neuen Rhein-Rhône-Strecke angeboten, die Deutschland von 2011 an mit Lyon und dem Mittelmeer verbinden wird. Wir warten immer noch auf die Antwort. Die Deutsche Bahn hat 15 ICE-Zugpaare für den grenzüberschreitenden Einsatz auf dieser Strecke bestellt. Werden wir nun kooperieren oder konkurrieren? Unsere Kollegen müssen sich schnell entscheiden, denn in drei Jahren soll es losgehen.

In Italien hat sich die SNCF schon entschieden. Sie werden die Staatseisenbahn FS im Hochgeschwindigkeitsverkehr direkt angreifen. Zunächst einmal haben wir eine gut funktionierende Kooperation mit FS im grenzüberschreitenden Verkehr. Italienische Gesetze erlauben die Schaffung neuer Anbieter. Und es stimmt, dass die Entscheidung des italienischen Bahnunternehmens NTV, die SNCF zum Partner und Aktionär zu machen, für uns eine einzigartige Chance bietet, unsere Kompetenzen bei einem neuen Akteur einzubringen, auf einem Markt, der sehr vielversprechende Entwicklungsmöglichkeiten bietet.

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3 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 09.01.2009, 07:14 UhrAnonymer Benutzer: Christopher-Benjamin Marxen

    ich weiß nicht, warum irgendwelche Menschen die sich mit irgendwelchen Kameras neben irgendwelche Schienen stellen oft meinen zu wissen wie der bahnverkehr in Frankreich abläuft. Genauso wenig, irgendwelche vollgefressenen Mehdornis, die sich nur für den (lukrativeren) Güterverkehr interessieren und den Personenverkehr seit Jahren vernachlässigen. Soll Herr Mehdorn doch der SNCF Konkurrenz machen, wenn er dort die deutschen Fahrpreise nimmt, mit dem gleichen "hochkompetenten" Personal an den Start geht und ebenso oft seine Züge Verspätung haben werden, wird er sich noch wünschen den Kooperationsvertrag unterzeichnet zu haben.
    Derzeit bekomme ich eine Fahrt mit dem Eurostar ab 20 Euro, ich schätze diesen Zug sehr, er gilt als führender Europas. Sauber. Freundliches, motiviertes Personal das einen immer anlächelt und erstklassige Menüs in der ersten Klasse. Nicht der imbiss-Fraß aus dem Db-Speisewagen. Man möge sich nur mal ansehen, was die Db aus der einstigen Top-bahn Chiltern Railways gemacht hat.
    im Güterverkehr mag Herr Mehdorn die Nase vorn haben, aber gegen Airlines hat er doch schon längst verloren. Und mal ehrlich, personalmäßig ist er doch bestens aufgestellt..

    ich fahre täglich mit dem metronom und bin jeden Tag aufs neue zufrieden. Erst recht wenn ich die Züge der grade erst neu eingeführten S-bahn nach Stade sehe, die meistens verunreinigt sind, kein Personal an board haben und laufend verspätet.

    Leute, fahrt mal nach Frankreich! Fahrt mit diesem wunderbaren Zug namens TGV und ihr werdet begreifen warum die Db ihre Schmutzfinder von ihm lassen soll!

  • 22.12.2008, 07:35 UhrAnonymer Benutzer: Peter

    Nicht, dass hier eine falsche Stimmung aufkommt: Deutschland schützt sein Markt sehr wohl in dem es sehr strenge technische Auflagen für bahnfahrzeuge macht, die aber nicht wirklich zu Sicherheit beitragen. Spezielle Forderungen wären da z.b. dass die Fahrzeuge keine Rücksehspiegel haben dürfen und die Steuerwagen mit einer Sandugnsanlage ausgerüstet sein müssen. Weiter fordert Deutschland kürzere bremswege als die restlichen bahnen in Europa, was wiederum nur mit einer sicherheitsrelevanten elektrischen bremse möglich ist.

  • 20.12.2008, 01:08 UhrAnonymer Benutzer: DeuFra2009

    Als alter "Hoechster" kann ich mich nur immer wieder über die Arroganz dieser französischen Manager ärgern. Eigentlich noch mehr über die Naivität der deutschen Politiker. Die SNCF macht natürlich die Gesetze nicht, aber der frabzösische Staat greift auch hier massiv zum Vorteil der eigenen industrie ein. Es ist leicht aus einem geschützten Heimatmarkt in einem freien Markt anzugreifen, die finanzielle Last wird im Zweifel im Staatshaushalt versteckt. Es dürften nur Staaten bei ihren Nachbarn aktiv werden, wenn gleiche bedingungen herrschen. Warum ist das in der EU nicht durchsetzbar? Die Mauer ist doch wirklich schon lange weg, oder haben die Unseren das noch nicht verstanden und müssen sich immer noch unserer Stärken schämen? Wie war das doch als Siemens den TGV kaufen wollte?

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