Interview mit Star-Architekt Hans Kollhoff: "Erinnerung kann höchst fortschrittlich sein"

Interview mit Star-Architekt Hans Kollhoff: "Erinnerung kann höchst fortschrittlich sein"

Bild vergrößern

Hans Kollhoff, Präsident der Internationalen Bauakademie Berlin

Hans Kollhoff, Präsident der Internationalen Bauakademie Berlin, über das Risikio und die Notwendigkeit von Rekonstruktionen in der modernen Architektur.

WirtschaftsWoche: Warum war und ist kein anderes Bauvorhaben so umstritten wie der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses?

Kollhoff: Weil dieses Projekt den unreflektierten Fortschrittsgeist der Nachkriegsmoderne rigoros in Frage stellt. Es zwingt unsere hyperventilierende Gesellschaft, innezuhalten und sich einen Augenblick zu erinnern.

Anzeige

Was ist Ihrer Ansicht nach das zentrale Motiv für das zunehmende Interesse an Rekonstruktionen?

Ohne Zweifel die Unzufriedenheit mit der zeitgenössischen Architekturproduktion, die - den Idealen der Moderne entfremdet -  zu einem vernachlässigbaren Nebenprodukt des Marketings für alles und nichts degeneriert ist.

Könnte es sein, dass sich in der Welle von Rekonstruktionsvorhaben auch ein verändertes Verhältnis zur architektonischen Überlieferung  und zur Vergangenheit überhaupt ausdrückt? Eine nostalgische Sehnsucht nach der alten Stadt, nach Kontinuität und Geschichte?

Genau das.

Dokumentiert sich darin auch die Enttäuschung an der architektonischen Moderne?

Die Moderne ist eine Tatsache, eine durchaus segensreiche, deren Begleitumständen wir uns nicht entziehen können, so schmerzhaft das bisweilen auch sein mag. Sie ist halt oft in guten Absichten steckengeblieben und wurde dann für Zwecke, die ihren ursprünglichen Intentionen diametral entgegengesetzt sind, missbraucht. Ich habe viel Sympathie für die frühe Moderne, aber ich missbillige, was aus ihr geworden ist, besonders in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Es stellt sich nun die Frage, welche Energien die Erinnerung freisetzen kann. Jede Renaissance in der Menschheitsgeschichte hat erlahmte Avantgardismen überwunden und im Blick zurück Zukunftsperspektiven eröffnet. Erinnerung kann höchst fortschrittlich sein.

Warum hat für einen großen Teil des Publikums das überkommene, vormoderne Formenvokabular größere Anziehungskraft als die Sprache der Moderne?

Weil es konventionellen Charakter hat im Gegensatz zu belanglosen individualistischen Einfällen, die der spätmoderne Geniekult zutage fördert. Die Menschen spüren, dass da etwas von weit her kommt, sich über Generationen herausgebildet und verfeinert hat und Sie ahnen die Hybris zeitgenössischer "Visionäre", die sich am Ende doch nur als Handlanger und Profiteure hemmungslosen Marketings entpuppen.

Kommen traditionelle Stile dem Wunsch nach Schönheit und Geborgenheit eher entgegen als moderne?

Sicher, weil sie ihre unendliche Wandlungsfähigkeit ebenso unter Beweis gestellt haben wie ihre vollendete Schönheit.

Muss man vielleicht differenzieren zwischen gelungenen und missratenen Rekonstruktionen?

Ja, das Risiko, das in Rekonstruktionen steckt, wird man aber eingehen müssen, um wieder einer verallgemeinerbaren Architektursprache näher zu kommen. Gleichzeitig sollte man das Rekonstruktionsbedürfnis als notwendigen Schritt sehen, hin zu einer selbstbewussten Architektur, die den Vergleich mit der Überlieferung nicht länger scheuen muss, vor allem auch in ihrer physischen Qualität - und die in Zukunft Rekonstruktionen überflüssig macht.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%