In der verstreichenden Zeit verschlechterten sich die Investitionsbedingungen dramatisch. Neue Großabnehmer wie China und Indien sorgten für eine weltweite Knappheit an Stahl und anderen Grundmaterialien für die Ölindustrie. Der Ausbau der Shell-Raffinerie in Texas sollte ursprünglich nur die Hälfte kosten. Der Bau einer Großraffinerie in Kuwait steht laut Simmons derzeit in Frage, weil die geschätzten Kosten auf 15 Milliarden Dollar gewachsen seien. „Die Summen sind so gewaltig, dass niemand seine Karriere darauf verwetten will, dass die Ölpreise weiter so hoch bleiben wie jetzt“, sagt Simmons. Dies gilt auch für den Branchenprimus Exxon. Eine Konzernstudie kommt zu dem Schluss, dass der Benzinverbrauch in den USA 2020 seinen Höhepunkt erreicht und dann sinkt. Außerdem müsse damit gerechnet werden, dass alternative Biokraftstoffe den Ölpreis negativ beeinflussen. Bei Exxon gibt es derzeit keine Planungen für neue Raffinerien. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaft, hält die Sorge vor fallenden Preisen für unbegründet. „Ich glaube, dass die Konzerne hier schon seit Jahren einer Fehleinschätzung unterliegen“, sagt die Energieexpertin. Die 2007 oft geäußerte Branchenweisheit, der Ölpreis werde sich wieder auf 50 Dollar pro Barrel zubewegen, habe sich nicht bestätigt. Kemfert: „Ich rechne mittelfristig eher mit 100 Dollar.“ Die Meinung der Ökonomin wird von Analysten geteilt. Obwohl der Ölpreis in relativ kurzer Zeit von 20 auf mehr als 70 Dollar gestiegen ist, habe dies das Wirtschaftswachstum kaum beeinflusst, sagt Andy Sommer von der HSH Nordbank. Die Branche habe lange gebraucht, um ihre Sorge vor einem Rückschlag abzulegen. Nun aber würden die Pläne angepasst. Der französische Konzern Total habe in seiner Investitionskalkulation den durchschnittlichen Ölpreis gerade um 50 Prozent heraufgesetzt. Mehrere Konzerne sprächen derzeit von Raffinerieerweiterungen. Shell aber agiere am schnellsten. Vielleicht sogar schnell genug, um die Konkurrenz zu lähmen. Analyst Fadel Gheit von der Investmentbank Oppenheimer & Co. weist darauf hin, dass der Verbrauch in Asien zwar am schnellsten wächst, der US-Markt aber die höchsten Raffineriemargen der Welt biete - sie liegen doppelt so hoch wie in Asien. Sollte es Shell gelingen, die Raffinerie in Texas in der vorgesehenen Zeit auszubauen, könnte der Konzern die Sahne vom US-Markt abschöpfen und Wettbewerber dazu zwingen, die eigenen Projekte mangels fehlender Aussichten wieder zu kippen.
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