IT-Branche: Oracle drängt an die Spitze

IT-Branche: Oracle drängt an die Spitze

von Matthias Hohensee und Michael Kroker

Der umstrittene Wechsel von Ex-Hewlett-Packard-Chef Mark Hurd an die Spitze des US-Softwareriesen Oracle bedeutet den Urknall für die weltweite IT-Branche in den kommenden Jahren.

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Mark Hurds Wechsel von HP zu Oracle bringt Veränderungen in der ganzen IT-Branche mit sich

Nächste Woche strömen wieder fast 50 000 Computerfachleute aus aller Welt an die US-Westküste. Ihr Ziel ist die Oracle Open World in San Francisco, die Hausmesse des amerikanischen Softwarekonzerns Oracle. Als größte Attraktion ist der Auftritt von Konzernchef Larry Ellison geplant. Der 66-Jährige zeigt sich ungern öffentlich; ihn groß anzukündigen ist bei seiner Berühmtheit überflüssig. „Larry Ellison ist Vorstandschef von Oracle, seit er das Unternehmen 1977 gründete. Er fährt außerdem Segelboot-Rennen, fliegt Flugzeuge, spielt Tennis und Gitarre“, heißt es kurz im Begleitheft zur Messe.

Die Superlativen mögen noch so zahlreich sein – reichster Mann der US-IT-Hochburg Silicon Valley, Unternehmer-Legende, letzter aktiver Software-Tycoon, streitlustig wie kaum ein anderer Vorstandschef: Hauptgesprächsthema auf der kommenden Oracle-Hausmesse wird Ellison diesmal wohl trotzdem nicht sein. Im Zentrum des Interesses, das wird er nicht verhindern, dürfte Mark Hurd stehen, der ehemalige Vorstandschef des weltgrößten IT-Konzerns Hewlett-Packard (HP). Ihn hat Ellison in der vergangenen Woche als neuen Stellvertreter, Aufsichtsrat und potenziellen Nachfolger engagiert – nicht einmal einen Monat nach dessen Rauswurf bei HP wegen Unregelmäßigkeiten bei Spesenabrechnungen.

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Mittelfeld der IT-Branche verschwindet

Auch wenn HP nun versucht, den Wechsel von Hurd an die Spitze von Oracle per Gericht zu verhindern – schon jetzt gilt die Personalie als Urknall für die gesamte IT-Branche in den kommenden Jahren. Denn der Schritt ist der endgültige Beweis für die Ambitionen von Oracle-Boss Ellison, in die IT-Champions-League mit den Giganten HP und IBM vorzudringen. „Oracle will genauso wie seine Erzrivalen zum Komplettanbieter avancieren, bei dem Unternehmenskunden ihre gesamte IT kaufen, angefangen bei Server-Computern über die darauf laufende Software bis hin zu begleitenden Dienstleistungen“, sagt Rüdiger Spies, Analyst beim Marktbeobachter IDC.

Genau in diese Richtung schob Hurd seinen früheren Arbeitgeber HP. Und genau entlang dieser Linie werden sich in Spies’ Augen langfristig alle IT-Unternehmen aufstellen: Auf der einen Seite die großen Vollsortimenter, auf der anderen Nischenanbieter, und das Mittelfeld verschwindet.

Auch und gerade der deutsche Softwareriese SAP wird sich an dieser Linie, die Hurd vermutlich durch die IT-Branche ziehen wird, messen müssen. Zwar wird Deutschlands Vorzeige-IT-Firma auch in Zukunft keine eigenen Computer anbieten, sondern weiterhin Software zur Unternehmenssteuerung. Doch damit ist es spätestens nach dem Oracle-Coup mit Hurd nicht mehr lange getan. Denn das IT-Geschäft geht in Richtung Cloud Computing. Das heißt, Kunden beziehen Software via Internet vom Anbieter und müssen sie nicht mehr im eigenen Unternehmen installieren. Dazu müssen die Softwarefirmen aber künftig mit leistungsstarken eigenen Rechnern aufwarten. Nicht von ungefähr betreibt SAP bereits heute eigene Rechenzentren.

Die Treiber dieser Entwicklung sind nun Hurd und ein weiteres Mal Ellison, das Enfant terrible der IT-Branche. Mit teils ruppigen Methoden hat er Oracle in den vergangenen zehn Jahren zielstrebig in einem Mix aus feindlichen und friedlichen Übernahmen von einem reinen Spezialisten für Datenbanken zu einem Technologiekonzern ausgebaut. Spätestens seit der Übernahme des Silicon-Valley-Computerherstellers Sun Microsystems, den Ellison im April 2009 für 7,4 Milliarden Dollar überraschend IBM-Chef Sam Palmisano direkt vor der Nase wegschnappte, kann Oracle den Rivalen IBM und HP das Wasser reichen. Denn dadurch hat der einstige Datenbankspezialist nun im Programm, was Experten als wichtiges künftiges Geschäft der Computer- und Softwarebranche sehen: gebündelte Produkte mit Hardware und Software aus einem Guss, abgerundet durch Service-Dienstleistungen.

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