Abschied im Streit : Darum verlässt Schulte-Bockum Vodafone

Abschied im Streit : Darum verlässt Schulte-Bockum Vodafone

, aktualisiert 19. Mai 2015, 15:53 Uhr
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Vodafone-Chef Jens Schulte-Bockum wirft hin.

von Thomas Kuhn, Jürgen Berke und Stephan Happel

Vodafone-Deutschland-Chef Jens Schulte-Bockum kehrt dem Mobilfunkriesen den Rücken. Er hinterlässt einen Konzern, der nach außen so gerne Harmonie betont, im Schockzustand.

Die Bombe platzte am Montagabend. Da informierte Jens Schulte-Bockum – bis dato Deutschland-Chef des Mobilfunkanbieters Vodafone – seinen Aufsichtsrat, dass er zur Bilanz-Pressekonferenz des Unternehmens am Dienstag seinen Rücktritt bekannt geben werde.

Seither herrscht Ausnahmezustand in der Führungsetage des – nach dem Zusammenschluss von Telefónica und E-Plus – nur noch drittgrößten deutschen Mobilfunkanbieters. Dort, im 17. Stock der neuen Deutschland-Zentrale im Düsseldorfer Stadtteil Heerdt, teilt sich Schulte-Bockum bisher ein Großraum-Büro mit seinen Geschäftsführungskollegen.

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Die Mitarbeiter auf dem Vodafone-Campus, heißt es aus dem Unternehmen, seien heute früh von der Exklusiv-Meldung der WirtschaftsWoche "komplett überrascht worden".

Vodafone Vodafone-Chef Jens Schulte-Bockum tritt zurück

Der Chef von Vodafone Deutschland, Jens Schulte-Bockum, verlässt überraschend den Konzern. Als Grund nennt er "unüberbrückbare Differenzen" mit der Spitze des Londoner Mutterkonzerns.

Völlig überraschend legt Jens Schulte-Bockum seinen Posten als Deutschland-Chef des Mobilfunkanbieters Vodafone nieder. Quelle: dpa

Denn ursprünglich hatte Vodafone am heutigen Dienstag nur im Rahmen der traditionellen Bilanz-Pressekonferenz die Geschäftszahlen des vergangenen Jahres vorstellen wollen. In der am frühen Morgen bereits verschickten Pressemitteilung fand sich noch das Zitat von Schulte-Bockum, "In diesem Jahr wollen wir unsere Kunden nachhaltig begeistern".

Zwist um die richtige Strategie

Tatsächlich wird es wohl kein sonderlich ausgiebiges gemeinsames Unterfangen mehr. Zwar teilte Vodafone inzwischen mit, Schulte-Bockum werde "das Unternehmen in der Übergangszeit weiter führen", doch de facto bestätigt das bloß, wie kurzfristig die Rücktrittsankündigung kam. Noch vor einer Woche hatte offenbar Schulte-Bockum selbst geglaubt, dass das Unternehmen auf einem guten Weg sei und er die Arbeit fortsetzen könne.

Doch es kam anders: Selbst für eine geordnete Vorbereitung des Führungswechsels, für eine koordinierte Nachfolgesuche, einen geregelten Übergang fehlte schlicht die Zeit.

Gegenüber der WirtschaftsWoche sprach Schulte-Bockum denn auch von "unüberbrückbaren Differenzen" mit der Konzernspitze. Und in einer internen E-Mail an seine Mannschaft und Geschäftspartner beklagt der Manager, ihm sei klar geworden, "dass ich meinen Kurs der nachhaltigen Verbesserung des Unternehmens nicht umfassend umsetzen kann". Es sei an der Zeit, sich Neuem zuzuwenden. "Ich vertraue auf eine starke Führungsmannschaft, die meine Mission fortführen kann - was für mich nicht mehr möglich schien", ergänzte er auf der Bilanzpressekonferenz am Dienstagmittag.

Der Rücktritt von Jens Schulte-Bockum

  • Die Abschieds-Mail im Wortlaut

    Liebe Freunde, Kollegen und Geschäftspartner,
    Dear friends, colleagues and partners,

    nach reiflicher Überlegung habe ich mich entschlossen, den Vorsitz der Geschäftsführung der Vodafone GmbH zum 30.6.2015 niederzulegen. Diese Entscheidung ist mir nach fast 12 Jahren erfolgreicher Tätigkeit an unterschiedlichen Stellen im Unternehmen nicht leichtgefallen. In den vergangenen Monaten wurde mir jedoch zunehmend klar, dass ich meinen Kurs der nachhaltigen Verbesserung des Unternehmens nicht umfassend umsetzen kann. Die Zeit ist nun reif, mich neuen Herausforderungen zu stellen.
    Mit der Akquisition und reibungslosen Integration von Kabel Deutschland und dem zügigen Ausbau des Festnetzgeschäfts ist Vodafone in Deutschland hervorragend für die konvergente Zukunft aufgestellt. Unsere angestammte Qualitätsposition und Wettbewerbsfähigkeit im deutschen Mobilfunkmarkt ist wiederhergestellt, und das Unternehmen weist eine deutlich verbesserte Effizienz auf.
    Ich bin stolz, diese Ziele seit meinem Antritt als CEO erreicht zu haben und danke meinem Team in der Geschäftsleitung und den so engagierten und leidenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sehr herzlich. Ich bin überzeugt, auf dieser Basis wird Vodafone zum führenden integrierten Premiumanbieter in Deutschland und schafft unseren Kunden das bestmögliche Kundenerlebnis. Allen Vodafonern wünsche ich Erfolg und Freude bei den vor ihnen liegenden Aufgaben.
    Selbstverständlich stehe ich für eine geordnete Übergabe der Unternehmensführung bereit.


    Ich hoffe, Sie können meine Entscheidung verstehen und respektieren und bin
    mit freundlichen Grüßen und besten Wünschen


    Ihr
    Jens Schulte-Bockum

Kern des Streits ist offenbar die Frage, wie Vodafone Deutschland den Rückstand zu den beiden größeren Netzbetreibern - der Telekom und Telefónica/E-Plus - aufholen soll. Während Schulte-Bockum stolz verkündet, die deutsche Tochter habe "alle vereinbarten Ziele übererfüllt - Umsatz, Gewinn und Cash-flow", hätte die Konzernmutter offenbar lieber ein höheres Tempo beim Kundenwachstum im Mobilfunk gesehen. Der scheidende Deutschlandchef jedoch verweigerte sich wohl dem Ansinnen der Zentrale, sich durch teure Marketingkampagnen, höhere Gerätesubventionen oder besonders aggressive Preise Marktanteile zu kaufen.

"Unsere Ergebnisse aus dem vergangenen Jahr belegen, dass wir - anders als die Konkurrenten - gleichermaßen Wert auf Wachstum wie auf Profitabilität legen", so Schulte-Bockum am Dienstag. Anscheinend aber stand er mit dieser Gewichtung der Prioritäten zuletzt alleine. Der Chef habe sich mit seiner Vorstellung "eines nachhaltigen Wachstums" wohl in London nicht durchsetzen können, heißt es aus dem Umfeld von Schulte-Bockum. "Und dann hat er seine Konsequenzen gezogen."

Paukenschlag aus Düsseldorf

Der Paukenschlag aus Düsseldorf und die Umstände der Rücktrittsankündigung werfen ein Schlaglicht auf den seit Jahren schwelenden Streit zwischen der britischen Konzernzentrale und ihrer wichtigsten Tochtergesellschaft. Zwar hatten sowohl das Mutterhaus als auch der deutsche Ableger in den vergangenen Monaten immer wieder die harmonische Zusammenarbeit betont. Doch in Wirklichkeit brodelte es offenbar fortwährend.

Die zehn umsatzstärksten Telekomkonzerne der Welt

  • AT&T (USA)

    AT&T (USA)
    Der US-amerikanische Telekommunikationskonzern AT&T Inc. war aufgrund seiner Monopolstellung in den USA und Kanada lange Zeit die größte Telefongesellschaft und Kabelfernsehbetreiber der Welt.
    Umsatz: 100 Mrd. Dollar

    Umsatz 2014, Werte gerundet; Quelle: Bloomberg

  • Verizon (USA)

    Verizon (USA)
    Das US-amerikanisches Telekommunikationsunternehmen Verizon Communications mit Hauptsitz in New York landet mit 96 Milliarden Dollar Umsatz im Geschäftsjahr 2014 auf Platz 2.
    Umsatz: 96 Mrd. Dollar

  • NTT (Japan)

    NTT (Japan)
    Die Nippon Telegraph and Telefone Corporation (NTT) ist in Japan der Marktführer unter den Telekommunikationsunternehmen. Mit 81 Milliarden Dollar im Geschäftsjahr 2014 ist das Unternehmen der drittumsatzstärkste Telekommunikationskonzern der Welt.
    Umsatz: 81 Mrd. Dollar

  • China Mobile (China)

    China Mobile (China)
    Nach Kundenzahl ist China Mobile Ltd. ist mit mehr als 815 Millionen Kunden (Stand: erstes Quartal 2015, eigene Angaben) der weltweit größte Mobilfunkanbieter der Welt. Im Geschäftsjahr 2014 erwirtschaftete das chinesische Unternehmen rund 79 Milliarden Dollar und landet damit auf Platz 4.
    Umsatz: 79 Mrd. Dollar

  • Deutsche Telekom (Deutschland)

    Deutsche Telekom (Deutschland)
    Die Deutsche Telekom AG ist eines der größten europäischen Telekommunikationsunternehmen. Mit über 150,5 Millionen Kunden (Stand: 2014, eigene Angaben) ist der Mobilfunk der größte Unternehmensbereich. Außerhalb Deutschlands bietet der Konzern Mobilfunkdienste in den USA, Großbritannien, den Niederlanden, Österreich, Tschechien, Ungarn, der Slowakei, Kroatien, Mazedonien, Montenegro, Griechenland, Rumänien und Polen an.
    Umsatz: 63 Mrd. Dollar

  • Telefónica (Spanien)

    Telefónica (Spanien)
    Das global agierende Telekommunikationsunternehmen Telefónica S.A. ist vorwiegend in Europa und Lateinamerika tätig, wo der Konzern vorwiegend unter der Marke Movistar auftritt. In Europa (außerhalb Spaniens) agiert Telefónica vor allem als O2. Auf dem spanischen Heimatmarkt und in Lateinamerika ist der Konzern Marktführer.
    Umsatz: 50 Mrd. Dollar

  • Softbank

    Softbank
    Die Softbank K.K. ist ein führender japanischer Telekommunikations- und Medienkonzern. Das Unternehmen ist vor allem im Bereich Telekommunikation tätig und verkauft damit einhergehend auch Mobilfunkgeräte und –Zubehör. Zum breiten Portfolio zählen aber auch die Entwicklung und Vermarktung von Online-Spielen, verschiedenen Internetdienstleistungen sowie Breitband-Technologien oder E-Commerce.
    Umsatz: 50 Mrd. Euro

  • Vodafone (Großbritannien)

    Vodafone (Großbritannien)
    Die Vodafone Group (ein Akronym aus voice, data und fone) ist ein international agierendes, britisches Mobilfunkunternehmen mit Hauptsitz in Newbury (Berkshire). Der Konzern ist auf fast allen europäischen Märkten präsent und erzielte einen Umsatz von 45 Milliarden Dollar im Geschäftsjahr 2014.
    Umsatz: 45 Mrd. Dollar

  • América Móvil (Mexiko)

    América Móvil (Mexiko)
    Das mexikanische Unternehmen mit Firmensitz in Mexiko-City ist mit 289 Millionen Kunden (Stand: viertes Quartal 2014, eigene Angaben) der größte Mobilfunkanbieter in Lateinamerika. Mit insgesamt 48 Milliarden Dollar Umsatz landet es weltweit auf Platz 8.
    Umsatz: 48 Mrd. Dollar

  • China Telecom

    China Telecom
    China Telecom Corp. Ltd. war einst ein staatseigener Monopolbetrieb und ist heute der größte Telekommunikationsanbieter in China. Mit 40 Milliarden Euro Umsatz im Geschäftsjahr 2014 landet die China Telecom auf Platz 10.
    Umsatz: 40 Mrd. Euro

Schon Schulte-Bockums Vorgänger, der langjährige Deutschland-Chef Fritz Joussen, hatte 2012 – nach Jahren des Konflikts und der Einflussnahme durch das britische Hauptquartier – entnervt die Brocken hingeworfen und war zum Tourismus-Konzern TUI gewechselt.

Gegenwärtig bemüht sich die Konzernspitze um Schadensbegrenzung. Artig lässt Vodafone-CEO Vittorio Colao, als dessen Wunschkandidat Schulte-Bockum vor drei Jahren an die Deutschland-Spitze gerückt war, Dank verbreiten. Schulte-Bockum habe in den vergangenen zwölf Jahren "einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung von Vodafone geleistet. [...] Ich danke ihm für seinen Beitrag in der Führung des Unternehmens und wünsche ihm für die Zukunft alles Gute."  Ein Wort des Bedauerns über den Abgang findet sich zumindest in Colaos Stellungnahme nicht.

Das äußert zumindest Aufsichtsratschef Philipp Humm. "Die Zusammenarbeit […] war hervorragend", lässt Humm verbreiten, und tritt damit zumindest in augenfälligen Kontrast zu Schulte-Bockums Beschreibung des Sachverhalts in der internen E-Mail.

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