
DüsseldorfWenn acht von zehn Studenten innerhalb eines Semesters mindestens ein Mal schummeln und jeder Fünfte mindestens ein Plagiat abgibt, wie Soziologen der Universitäten Bielefeld und Würzburg in einer Umfrage herausfanden; wenn renommierte Vollblut-Wissenschaftler unter Plagiatsverdacht stehen, wie auf der Onlineplattform Vroniplag dokumentiert; wenn in einzelnen Fächern etwa jeder dritte Promovend seine Arbeit gar nicht mehr selbst schreibt, sondern schreiben lässt, wie Experten schätzen - dann führt das zwangsläufig zu dem Schluss, dass Plagiate und Tricksereien nicht nur Randerscheinungen einiger überlasteter Nebenbei-Doktoranden sind, sondern als Phänomen tief im Wissenschaftsbetrieb verwurzelt.
Aber ist dieser Schluss richtig? Sind Tricksereien nur ein Kavaliersdelikt?
"Der Umgang mit Texten scheint verlernt, beziehungsweise gar nicht erst korrekt vermittelt worden sein", sagte Debora Weber-Wulff, Professorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin und engagierte Plagiatsjägerin, vor kurzem in einem Interview in der Fachzeitschrift "Forschung und Lehre". Drastischer drückt es Manuel René Theisen, BWL-Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München aus, der seit langem Plagiate anprangert: "Kopieren und einfügen läuft doch bei vielen Studenten und Doktoranden unter dem Stichwort Kavaliersdelikt."
Deshalb will der Deutsche Hochschulverband stärker abschrecken - und hat vor kurzem gefordert, aus diesem vermeintlichen Kavaliersdelikt einen Straftatbestand Wissenschaftsbetrug zu machen. Jedoch wendet sich der nicht gegen all jene, die sich der Texte anderer bedienen, ohne dies kenntlich zu machen, sondern nur gegen jene, die gleich die komplette Arbeit schreiben lassen. Ghostwriter und sogenannte Promotionsberatungen will der Verband damit ebenso zu fassen bekommen wie den Auftraggeber, der für eine ganze Doktorarbeit bis zu mehrere Zehntausend Euro bezahlt.
Bernhard Kempen, Präsident des Hochschulverbandes, hofft, dass dies Besserung bringt: "Wenn wir den Straftatbestand hätten, würden sich die Promotionsberater ihr Geschäft überlegen." Der Münchener Professor Theisen ergänzt: "Heute kann Ghostwriting für den Kunden maximal eine Geldstraße bedeuten. Und mal ehrlich, da fürchten etliche Leute zwei Punkte in Flensburg mehr als eine Geldstrafe."
Doch geht die Forderung nicht eigentlich am Kern vorbei? "Die Hauptleistung des Promotionsberaters ist doch, den willigen Doktorvater zu vermitteln, und nicht das Schreiben der Arbeit selbst", sagt Theisen. Das Geschäft funktioniert nur so lange, wie sich Professoren finden, die von den Beratern angepriesene Kandidaten auch nehmen. "Wir wollen den Schwarzen Peter nicht weiterschieben, wir wissen schon, dass es unsere allererste Aufgabe ist, in den Unis saubere Arbeiten zu haben", sagt Verbandspräsident Kempen.
Ghostwriter und Kunden zu ertappen ist schwer, weil keiner von beiden ein Interesse daran hat, aufzufliegen. Plagiate aufzuspüren ist einfacher - aber auch mühsame Arbeit, vor der viele Professoren noch immer zurückschrecken.
Hochschulen tun sich schwer mit Sündern
Doch selbst wenn die Hochschulen von ertappten Sündern erfahren, tun sie sich oft schwer damit. Martin Heidingsfelder hat einst die Plattform Vroniplag gegründet, und verdient heute mit dem Aufspüren von Plagiaten Geld.
Wenn er einen Doktor des Plagiats überführt, reagieren die Hochschulen oft ähnlich: "Bitte lassen Sie uns das diskret behandeln." Es kam schon vor, dass sich der Ombudsmann der Universität schützend vor den Doktorvater gestellt hat.
"Der Doktorvater ist doch ein angesehener Professor, heißt es dann, das kann gar nicht sein, das sind bestimmt nur Fehler, keine Plagiate", hieße es dann, sagt Heidingsfelder. Härtere Strafen, glaubt er, braucht es dennoch nicht. "Die Aberkennung des Titels ist im Internetzeitalter Strafe genug", sagt Heidingsfelder. Bei Plagiatsjägerin Weber-Wulff klingt das ähnlich: "Wir brauchen eine Kultur des Zitierens, nicht weitere Regeln und Vorschriften."
Noch diskutiert die Wissenschaftsgemeinschaft nur über Plagiate und Ghostwriter. Doch immer wieder wundern sich Heidingsfelder und Weber-Wulff, wie dünn und inhaltlich schwach Doktorarbeiten sind. Vroniplag beurteile die Arbeiten nicht inhaltlich, sagt Weber, selbst eine der Aktiven auf der Plattform, "obwohl es mir schon auf den Nägeln brennt, wenn ich sehe, dass die "Super-Illu" als Quelle für die Bevölkerungsstatistik angegeben wird oder eine preiswürdige Dissertation Übernahmen aus der Wikipedia enthält", sagte sie im Interview.
Auch wenn die große Mehrheit der Professoren die Beurteilung der Absolventen sehr ernst nehme, fordert Heidingsfelder ein Umdenken: "Ein härteres Verfahren, weniger Doktoranden, mehr Qualität." Sein Vorschlag: geloste Gutachter, die weder den Namen des Autors noch den des Doktorvaters kennen, die Arbeiten lesen.
























