Apple-Markencheck: Für Überstunden gibt es etwas mehr als 1 Euro

05. Februar 2013, aktualisiert 05. Februar 2013, 06:28 Uhr
Die ARD-Reihe „Markencheck“ befasste sich am Montag mit Apple. (Bild: WDR/Klaus Görgen)Bild vergrößern
Die ARD-Reihe „Markencheck“ befasste sich am Montag mit Apple. (Bild: WDR/Klaus Görgen)
von Carina Groh-Kontio Quelle: Handelsblatt Online

iPhone, iPad, iPod: Die Produkte des Computerriesen Apple haben die ganze Welt erobert. Doch trotz aller wirtschaftlicher Erfolge muss der US-Konzern mit Kritik leben – vor allem wenn es um die Arbeitsbedingungen geht.

DüsseldorfViele Marken haben Fans, Apple hat „Jünger“. Sie campen vor Geschäften, um ein neues Smartphone oder nur ein T-Shirt mit dem Firmenlogo zu ergattern. Wie ist dieser Hype zu erklären?

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Mit dem Apple-Check setzte die ARD am Montagabend ihre Reihe fort, in der populäre Marken und ihre Firmenpolitik unter die Lupe genommen werden. Diesmal auf dem Prüfstand: die laut Experten wertvollste Marke der Welt. An der Börse ist der US-Konzern ungefähr so viel wert, wie BASF, Siemens, SAP, VW und Bayer zusammen.

Cool, einfach zu bedienen und sicher – das bringt man mit Apple-Produkten in Verbindung. Doch haben die viel gepriesenen Geräte tatsächlich einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz? Wie gut ist der Service in Apple Stores? Und was geht im Gehirn eines eingefleischten Apple-Fans vor?

Der Apple-Check geht diesen Fragen nach und hat sich auch im Apple-Produktionsland China umgeschaut: Wurden die Arbeitsbedingungen dort wie versprochen verbessert?

Wie infiziert Apple?

Um dem Phänomen Apple auf die Spur zu kommen, unternimmt der Berliner Gehirnforscher Jürgen Galliant einen Versuch mit 25 Personen. Alle Probanden sehen über eine Video-Brille in einem Magnetresonanz-Tomographen (MRT) dieselben Bilder etwa von Smartphones oder Tablets. Die Reaktionen im Gehirn sind bei beiden Marken jedoch völlig unterschiedlich.

So sprechen die Bilder von Samsung-Produkten im Mittelwert aller Probanden signifikant mehr den präfrontalen Kortex an, „ein Hirnareal, das mit Entscheidungsfindung, Abwägung, planerischem Handeln, Nachdenken etc. verknüpft ist“, so Forscher Gallinat.

Die Apple-Bilder aktivierten hingegen gleich mehrere Hirnregionen, die normalerweise auf den Anblick von Gesichtern ansprechen. Vor allem überraschte die Aktivierung von Hirnregionen im Temporallappen und Frontallappen, die unter anderem für das Erkennen von Gesichtern und emotionale Bewertungen bedeutsam sind. Professor Gallinat: „Das ist außergewöhnlich, denn Apple hat kein Gesicht, Apple ist ein technisches Produkt.“ So gelingt es dem Konzern, ein Gerät zu vermenschlichen.

Eine enorme Rolle spielt auch die Art und Weise, wie der Konzern neue Produkte vermarktet. Vor allem durch das Anstacheln von Gerüchten sorgt Apple immer wieder gekonnt für die nötige Neugier bei Analysten und Fans. „Apple kündigt an, wann Apple etwas ankündigt“, fasst der Markenexperte Karsten Kilian die Strategie zusammen.

Entscheidend bei der Vermarktung sind auch die Apple-Präsentationen, die immer ein wenig wie Gottesdienste wirken und die emotional aufgeladenen Produkte zu Objekten der Begierde machen.
Und die Medien machen mit und infizieren die Menschen durch ihre Berichterstattung mit dem Apple-Fieber, für das der kalifornische Konzern nichts zahlt. Und im Kino? 2011 setzten 40 Prozent aller Hollywood-Blockbuster ein Apple-Produkt ins Bild.

Urteil: Apple infiziert stark.

Wie einfach ist Apple wirklich?

Als nächstes nimmt der Markencheck die beworbene Einfachheit von Apple-Produkten unter die Lupe. Natürliche Bewegungen statt abgehacktem Tippen auf einer Tastatur: Das suggeriert leichten und intuitiven Gebrauch. Aber wie einfach ist beispielsweise das iPad wirklich zu bedienen?

Am Institut „Mensch – Maschine – Interaktion“ der RWTH Aachen lassen die Reporter drei aktuelle Tablets untersuchen. Die Frage für das Forscherteam: Bei welchem Gerät ist für jemanden, der sich kaum mit Technik auskennt, die Menge an neu zu erlernenden Anwendungen ziemlich klein? Im Check: das iPad 4, das Surface von Windows und das Samsung Galaxy.

Bei letzterem fällt den Experten sofort die Vielzahl an Symbolen auf dem Bildschirm auf. Außerdem haben mehrere davon die gleiche Bedeutung und der Nutzer muss sowohl Sachen für Samsung eingeben als auch für Google. Das verwirrt den Nutzer, der denkt, er hätte es mit zwei verschiedenen Systemen zu tun.

Beim Windows-Gerät bemängeln die Experten die verwirrende Farbgestaltung der Symbole. Immerhin: Die Benutzeroberfläche wirkt elegant und hat ein „cooles Design“. Besonders lästig für unerfahrene Nutzer: Schaltet man das Gerät ein, bekommt man keinen Hinweis angezeigt, wie sich der Bildschirm entsperren lässt, um das Tablet überhaupt bedienen zu können.

Das iPad überzeugt die Experten durch wenigen und logische Symbole, sowie mit dem klaren Hinweis im Display, wie sich das Gerät entsperren lässt. Einziger Nachteil: Internet weißt hier Safari. Für jemanden der das nicht kennt schwer zu erraten.

Das Fazit der RWTH Aachen: Das iPad ist einfacher als das, was es sonst am Markt gibt und schneidet gegenüber der Konkurrenz am besten ab.

Trotzdem hat der Rentner Dieter Gripp, dem die Markencheck-Autoren ein iPad zum Testen der Benutzerfreundlichkeit gegeben haben, Probleme. Er will wissen, wie er seine Fotos aus dem letzten Urlaub vom iPad auf den iPod überträgt und macht sich auf den Weg in einen Apple-Store.

Am Ende fühlt sich Herr Gripp eigentlich gut beraten, viele Fragen wurden beantwortet. Allerdings hat er – zumindest wenn es nach Apple geht - nun ein ganz anderes Problem: „Ihr Gerät ist veraltet, damit haben Sie keinen Zugriff auf die iCloud.“ Das große Fragezeichen, was das nun wieder ist, steht dem Herren förmlich ins Gesicht geschrieben. Ein neues Gerät will er auf keinen Fall anschaffen. Es muss einen anderen weg geben.

Am Ende hilft ihm das Markencheck-Team dabei, die Daten ganz klassisch mit einem Kabel vom einen auf das andere Gerät zu übertragen – das, so Herr Gripp, habe man ihm bei Apple nicht erklärt. „Man muss nur die richtigen Leute kennen“, lacht der Rentner in die Kamera und ist sichtlich zufrieden.

Urteil: Apple ist ziemlich einfach.

Ist Apple seinen Preis wert?

Als nächstes brauchen Apple-Jünger und Samsung-Fans starke Nerven: Die Reporter simulieren in einer Bar einen typischen Unfall in feuchtfröhlicher Runde. Sie versenken ein iPhone- und ein Samsung-Handy in vollen Biergläsern. Flüssigkeit – der häufigste iPhone-Killer.

Hintergrund: Während sich das Samsung-Gerät anschließend gut auseinander bauen und trocken lässt, kann man beim iPhone lediglich die SIM-Karte aus dem Gerät fischen. Der Akku ist, anders als bei anderen Herstellern, fest mit dem Gerät verklebt und kann weder getrocknet noch ausgetauscht werden.

Ein Fall für die Garantie? Weit gefehlt. Seit 2006 baut der Hersteller Wassersensoren in seine iPhones und iPads, die sich rot oder rosa Färben, wenn die Geräte mit Flüssigkeit in Kontakt kommen. Solche Schäden sind nicht durch die Garantie abgedeckt, heißt es auf der Homepage.

Das hat für den Verbraucher oft teure Konsequenzen. Denn entweder muss das Gerät neu angeschafft oder eine kostspielige Dienstleistung in Anspruch genommen werden. Apple pocht darauf, dass das mit einem besonderen Produktdesign zu tun hat. Außerdem würde so verhindert, dass die Akkus im Hausmüll landen. Minuspunkt für Apple.

Und die Qualität bei Apple? Laut Stiftung Warentest ist sie gut. Aber die Produkte sind oft, gemessen an der rein technischen Leistung, vergleichsweise teuer.

Daneben konfrontieren die Reporter in einer Fußgängerzone Verbraucher mit den hübsch anzusehenden Smartphones mit dem stilisierten Apfel auf der Rückseite: Wie teuer denn die Einzelteile wie zum Beispiel die Kamera sind, wollen die Markencheck-Autoren wissen.

Präsentiert wird das billigste iPhone 5, das für 679 Euro brutto verkauft wird. „Dann ratet doch mal, was das Touchscreen und das Display wert sind“, heißt es anschließend und die Passanten dürfen mit kleinen roten Zahlen puzzeln. 40 Euro, 100 Euro, 150 Euro: Es ist alles dabei. Und die Kamera? 60 oder doch 85 Euro? Die Auflösung überrascht, denn viele haben gedacht, dass die Bestandteile teurer sind.

So kosten aber Display und Touchscreen im iPhone 5 nur 34 Euro, die Kamera 14 Euro, der Prozessor ist 13,50 Euro wert, der 16 GB Speicherchip 8 Euro und der Akku 3,50 – um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Insgesamt liegen die Materialkosten laut Markencheck bei 152 Euro. „Da macht ja die Firma nur Gewinn“, kommentiert eine verblüffte Frau das Ergebnis. Die Gewinnspanne: Für die Verbraucher kaum nachvollziehbar.

Urteil: Apple ist seinen Preis kaum wert.

Wie fair ist Apple?

Und wie sieht es in puncto Fairness aus? Das erfahren die Zuschauer im letzten Schwerpunkt des Beitrages, der sich mit der Produktion in Fernost beschäftigt. Wie die meisten Handyhersteller – das erwähnt der Markencheck an dieser Stelle leider nicht – produziert auch Apple vornehmlich in China.

In der Stadt Shenzhen baut Apples größter Zulieferer Foxconn, der bis vor kurzem noch mit einer Serie von Mitarbeiterselbstmorden von sich reden machte, iPhones und iPads zusammen. Übrigens, auch das lässt die ARD unerwähnt, lassen hier unter anderem auch Samsung, Nokia, Sony, Intel, HP, Dell und Nintendo produzieren.

Die Reporter treffen eine Frau, die 2011 ein paar Wochen lang für den Elektronikzulieferer gearbeitet hat. Sie zeigt dem Kamerateam Wohnheime für Foxconn-Mitarbeiter mit vergitterten Fenstern. Sie sollen die Arbeiter davon abhalten, sich umzubringen – denn das kratzt schließlich am Image von Apple.

Der Mindestlohn der Fabrikarbeiter liege anfangs 215 Euro pro Monat; das sind sogar 35 Euro mehr, als das Gesetz vorschreibt. Doch das reiche trotzdem nicht, erzählen viele den Reportern. Denn nach den Skandalen hat Foxconn, auch auf Anweisung von Apple, die Arbeitszeit gekürzt: Auf 60 Stunden pro Woche. Deswegen müssen die Arbeit nun möglichst viele Überstunden machen, um überhaupt ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können.

In einer schriftlichen Antwort an die ARD heißt es von Apple, dass Foxconn, erst vom Sommer an „die Arbeitszeiten auf das rechtliche Maximum von 49 Stunden pro Woche, inklusive Überstunden, beschränken“ werde. Außerdem soll es eine Kompensation beim Grundlohn geben. Bis dahin sind die von Apple akzeptierten Arbeitszeiten nach wie vor illegal.

Und was ist mit den anderen Zulieferern wie Ri-Teng und QSMC? In Shanghai werden die Reporter mit unzumutbaren Arbeitsbedingungen konfrontiert. Ein Ri-Teng-Arbeiter, der unerkannt bleiben will, berichtet von monotonen Schichten am Fließband und zwölf bis 15 Stunden pro Tag bei sechs oder sieben Arbeitstagen pro Woche.

Dann geben sich die Reporter mit falschen Visitenkarten als Vertreter eines Elektronik-Start-ups aus, um Zutritt in eine weitere Zuliefererfabrik zu bekommen. Der Stundenlohn, so erfahren sie, beträgt hier 1 Euro. „Überstunden werden etwas besser bezahlt.“

Bei dem Zulieferer QSMC gelingt es den Reportern, Bildmaterial aus einem Frauen-Arbeiterwohnheim zu beschaffen, das in „erbärmlichem Zustand“ ist. Wohn-, Schlaf- und Waschraum: Ohne Fenster. In engen Zimmern wohnen bis zu 14 Frauen. Weil sich die Arbeiterinnen für ihren schmalen Lohn oft keine eigene Bleibe leisten können, sind sie auf diese Heime angewiesen. „Nach der Arbeit fühle ich eigentlich nichts mehr“, erzählt eine müde 19-Jährige, die sich hier nach über viel zu langen Schicht schlafen legt.

Urteil: Apple ist nicht fair.

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