Carrier IQ: AT&T und Sprint bestätigen Einsatz von Schnüffelsoftware

Carrier IQ: AT&T und Sprint bestätigen Einsatz von Schnüffelsoftware

, aktualisiert 02. Dezember 2011, 08:06 Uhr
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Carrier IQ ist in der Lage, Inhalte von SMS und Positionsdaten zu speichern

von Axel PostinettQuelle:Handelsblatt Online

Flucht nach vorne: Die US-Mobilfunkprovider AT&T und Sprint haben den Einsatz der Schnüffelsoftware Carrier IQ bestätigt. Sie beteuern, dies nur im Sinne der Kunden getan zu haben. Doch der Fall wirft Fragen auf.

San FranciscoDie US-Mobilfunkprovider AT&T und Sprint haben eingeräumt, die Schnüffelsoftware Carrier IQ verwendet zu haben. Sie bestehen aber auf der Feststellung, dass Daten nur zu Zwecken der Verbesserung der Netzqualität erhoben würden. Etwa, um die Zahl von Gesprächsabbrüchen zu verringern oder den Datendownload zu verbessern. Doch warum wird dann der ganze andere Rest an Informationen erhoben?

AT&T ist sauer. „In Übereinstimmung mit unseren Datenschutzrichtlinien benutzen wir Carrier IQ ausschließlich um unser Mobilfunknetz zu verbessern und die Servicequalität zu erhöhen“, erklärt AT&T-Sprecher Mark Siegel schmallippig in einer E-Mail an das Handelsblatt. Mehr Informationen gibt es aber nicht.

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Was an Daten gesammelt wird, wird nicht bekanntgegeben. Der Telefonriese fühlt sich ertappt wie ein Kind mit den Fingern im Bonbonglas, seit bekannt wurde, dass sich eine Diagnosesoftware namens Carrier IQ auf vielen AT&T-Mobiltelefonen befindet. Sie ist in der Lage, eine erhebliche Menge an Daten zu sammeln  und wird vom Software-Experten Trevor Eckhart als „Rootkit“ bezeichnet. Das ist eine besonders üble Form von Schadsoftware, weil sie sich unbemerkt auf einem Rechner einnistet und tief in das Betriebssystem eingreift.

Deutsche Telekom und Vodafone Deutschland hatten am Donnerstag die Installation die Nutzung der Software auf deutschen Smartphones ausgeschlossen. Auch ein Expertenteam des IT-Mobilfunkspezialisten Karsten Nohl konnte in einer Stichprobe keine Version von Carrier IQ entdecken.

Rootkits haben in der breiten Öffentlichkeit eine traurige Berühmtheit erlangt, als Sony Music 2005 ungefragt ein solches Programm auf Windows-Computern von Kunden installiert hatte, um Raubkopien zu verhindern. Die Software war auf Musik-CDs versteckt, installierte sich automatisch und war nicht mehr zu entfernen.

Schlimmer noch: Sie stellte ein Sicherheitsrisiko dar, weil Hacker begannen sich darauf zu spezialisieren, in das Programm und damit die Computer einzudringen.  Nach einem öffentlichen Aufschrei stoppte Sony Ende 2005 die Aktion, entschädigte die Käufer der CDs und lieferte Software, um die Kopieschutzprogramme zu entfernen.

Im aktuellen Fall hatte der Software-Hersteller, die Firma Carrier IQ aus Mountain View, zunächst von dem Software-Experten verlangt, seine Behauptungen zurückzunehmen, sonst würde er verklagt. Die Drohung wurde allerdings zurückgenommen, nachdem sich die mächtige Verbraucherorganisation Electronic Frontier Foundation hinter den 25-jährigen Blogger gestellt hatte.


Andere Unternehmen distanzieren sich

In einem Video demonstrierte Eckhart, dass Carrier IQ in der Lage ist, Inhalte von SMS, Adressen von aufgerufenen Webseiten, Tastaturanschläge und Positionsdaten eines Geräts zu speichern, letzteres sogar gegen den ausdrücklichen Willen des Besitzers, zum Beispiel wenn er die Funktion beim Browsen deaktiviert.

Sprint-Sprecherin Stephanie Vinge Walsh zeigte sich gegenüber der Webseite Computerworld.com offener als ihr Kollege von AT&T: „Wir sammeln genug Informationen um zu verstehen, was Probleme unsere Kunden mit ihren Geräten mit unserem Netzwerk haben und wie wir diese lösen können. Unsere Software ist nicht in der Lage, irgendwelche Inhalte von Mitteilungen, Fotos oder Videos anzusehen und das wollen wir auch nicht.“

Andere Unternehmen distanzieren sich derweil von Carrier IQ: Der Mobilfunkbetreiber Verizon setzt die umstrittene Software nach eigenen Angaben nicht ein, entsprechende Berichte seien falsch. Die Gerätehersteller RIM (Blackberry) und HTC betonen, dass sie weder mit Carrier IQ zusammenarbeiten noch Daten von der Software erhalten.

Laut HTC „bestehen aber einige US-Mobilfunkanbieter“ auf der Installation. Auch Samsung betont, dass  nur auf Anforderung von Mobilfunkbetreibern die Software installiert wird.  RIM erklärt, dass Carrier IQ nicht ab Werk aufgespielt wird und kein Mobilfunkbetreiber die Erlaubnis habe, das Programm vor dem Verkauf an den Endkunden zu installieren.

Ungeklärt bleibt die Frage, warum das Start-Up-Unternehmen Carrier IQ seine Software mit dermaßen umfangreichen Datensammelfunktionen ausgerüstet hat, wie sie Eckhart anscheinende nachweisen konnte. In seiner Analyse weist er darauf hin, dass das Programm jederzeit umgearbeitet werden könne, um zum Beispiel immer bei vordefinierten Schlüsselsignalen – zum Beispiel Eintreffen an einem bestimmten Ort oder Nutzung einer bestimmten Software -  eine Mitteilung an den Netzwerkbetreiber abzusetzen.

Dadurch wird Carrier IQ natürlich zu einem potenziell äußerst nützlichen Werkzeug für Strafverfolgungsbehörden oder Geheimdienste. Das Unternehmen bestreitet in einer schriftlichen Erklärung, dass seine Software alle Funktionen ausführen könne, wie sie Eckhart beschreibt.

Vor allem würden keine Tastatureingaben (zum Beispiel Passwörter) mitgeschnitten. Alle Angaben dienten nur der Verbesserung von Netzwerkdiensten und seien vertraulich. Ein Weiterverkauf an Dritte sei ebenfalls kategorisch ausgeschlossen. Verbraucherschützer fordern jetzt, dass den Nutzern ein Wahlrecht eingeräumt werden muss, ob sie der Datensammelung zustimmen wollen oder nicht.

Quelle:  Handelsblatt Online
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