Cyberabwehr: Europa droht der Ausverkauf bei Spionagetechnik

Cyberabwehr: Europa droht der Ausverkauf bei Spionagetechnik

von Jürgen Berke

Europäische Unternehmen forschen an neuen Techniken für ein superschnelles und sicheres Internet. Doch der Ausverkauf der IT-Sicherheitsanbieter in die USA läuft bereits.

Wenn Forscher der Weltöffentlichkeit Bahnbrechendes vorstellen, wählen sie gern einen Ort mit historischem Flair. Die Berliner Kalkscheune, fünf Gehminuten vom Brandenburger Tor entfernt, ist so gesehen ein idealer Schauplatz. In der aufwendig restaurierten und denkmalgeschützten Fabrikhalle eröffnete der Unternehmer Johann Caspar Hummel zu Beginn des 19. Jahrhunderts die erste Berliner Maschinenfabrik – ein Wegbereiter der industriellen Revolution.

Gestern wurden die alten Backsteinmauern erneut Zeuge einer Pioniertat, die Eingang in die deutsche Wirtschaftsgeschichte finden könnte. Vertreter von 61 in Europa ansässigen Unternehmen und Forschungseinrichtungen gaben erstmals Einblick in ihre bislang geheimen Entwicklungsarbeiten. Seit zwei Jahren tüfteln sie an einem superschnellen und zugleich supersicheren Internet, das gegen Spionageangriffe ausländischer Geheimdienste gewappnet ist. Ein Jahr nach den Enthüllungen des ehemaligen NSA-Agenten Edward Snowden wollen die Forscher demonstrieren, dass Europa die Vormachtstellung der Amerikaner untergraben und ein Internet ohne Schwachstellen und Hintertüren aufbauen kann.

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Die Überwachungspraktiken der NSA

  • Die Überwachungspraktiken des US-Auslandsgeheimdiensts NSA stehen seit der Enthüllung durch den Informanten und IT-Experten Edward Snowden in der Kritik. Einige Beispiele, über die Medien berichtet haben.

  • Internet I

    Nach Snowdens Enthüllungen zapfen die USA die Rechner von Internet-Firmen an, um sich Zugang zu Videos, Fotos, E-Mails und Kontaktdaten zu verschaffen. Der Datenhunger betrifft auch die Kommunikation in Europa, darunter Deutschland und Frankreich. Die Möglichkeit dazu bietet unter anderem das Spionageprogramm „Prism“.

  • Internet II

    Der Geheimdienst NSA und sein britischer Gegenpart GCHQ sollen in der Lage sein, einen Teil der Verschlüsselung und der Datentunnel im Internet zu knacken. Das soll nicht nur Online-Banking und Internet-Shops betreffen, sondern auch Internet-Dienstleister wie Microsoft, Yahoo, Google, Facebook, AOL, YouTube, Skype, AOL und Apple.

  • Telefon I

    Telefon- und Videoverbindungen gelten ebenfalls als nicht sicher. So soll die NSA die Vereinten in New York abgehört und deren Videokonferenzanlage angezapft haben. Betroffen sei auch die EU-Vertretung bei der Uno.

  • Telefon II

    Der Geheimdienst soll auch Millionen chinesischer Mobilfunknachrichten sowie wichtige Datenübertragungsleitungen der Tsinghua-Universität in Peking ausspioniert haben. In Frankreich sollen Wirtschaft, Politik und Verwaltung betroffen sein - allein Ende 2012 und Anfang 2013 rund 70,3 Millionen Datensätze von Telefonverbindungen. In Mexiko sollen Regierungsmitglieder bespitzelt worden sein.

Das Projekt ist nur Insidern in der IT-Szene ein Begriff und firmiert unter dem Kürzel Saser (Safe and Secure European Routing). Dahinter verbirgt sich das derzeit wohl prestigeträchtigste Projekt zur Wiedererlangung der europäischen Souveränität im Internet. Zum ersten Mal wollen die beteiligten Unternehmen Komponenten für supersichere Routing-Verfahren zeigen, die ohne die durch die NSA-Affäre in Verruf geratenen amerikanischen Web-Giganten auskommen. Nur: Zwei beteiligte Firmen wurden bereits in die USA verkauft.

Das ursprünglich mit rein europäischen Unternehmen besetzte Konsortium – mit von der Partie sind die Deutsche Telekom und Orange (ehemals France Télécom) sowie Netzausrüster wie Nokia, Alcatel-Lucent und der Münchner Glasfaserspezialist Adva – soll die Vormachtstellung von Router-Herstellern aus den USA (Cisco, Juniper) und aus China (Huawei, ZTE) brechen. Router sind Netzwerkgeräte, die Datenpakete im Internet weiterleiten.

IT-Sicherheit Die Gefahr sitzt vor dem Rechner

Wenn es um Computer geht, sind die Deutschen manchmal regelrechte Trottel. Technisches Halbwissen und Naivität von Unternehmen können zur echten Gefahr werden.

Quelle: dpa

Dabei versuchen die Europäer nicht, den Technologievorsprung führender Router-Hersteller wie Cisco durch einen besseren Router aufzuholen. Ziel sei, so Hermann Rodler, Sprecher der Geschäftsführung der Netzwerksparte von Nokia in Deutschland, „eine völlig neue, softwarebasierte Netzarchitektur zu schaffen, die wichtige Funktionalitäten vom Router in die Cloud verlagert“. Zentrale Aufgaben der Router, die bisher den Datenverkehr steuern und kontrollieren, wandern also als Programme in die Rechenzentren.

Im neuen Gigabit-Zeitalter sollen alle Schwachstellen in den Telekommunikationsnetzen ausgemerzt sein, ohne dass die Bedienbarkeit leidet. In einer völlig vernetzten Welt, in der sich auch Maschinen über das Internet gegenseitig automatisch steuern, darf es keine Hintertüren für Sabotageakte und Spionageangriffe geben. „Wir wollen an die alten Erfolge der Europäer beim Bau von Kommunikationsnetzen anknüpfen“, sagt Nokia-Manager Rodler. Saser sei dafür ein „wichtiger Baustein“. Auch der bei Alcatel-Lucent zuständige Koordinator Eugen Lach ist zuversichtlich: „Die Projektziele werden erreicht.“

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