Deutsche Telekom: Warum Höttges den Neustart wagt und zwei Vorstände entlässt

Deutsche Telekom: Warum Höttges den Neustart wagt

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Telekom-Chef Höttges duldet keine Rückschläge.

von Jürgen Berke

Konzernchef Timotheus Höttges steht unter Druck: Im Boommarkt USA will er fusionieren – und in Europa die Krisensparte T-Systems aufspalten. Für den Neustart müssen zwei Vorstände gehen. Reicht das?

Wenn der Telekom-Chef seine Führungskräfte in der Bonner Konzernzentrale auf alte und neue Ziele einschwört, klingt das schon mal wie die letzten Worte eines Bundesligatrainers vor dem Spiel. „Ich hasse es zu verlieren, ich kann einfach nicht verlieren“, ruft Timotheus Höttges gerne. „Ich möchte gewinnen“, spornt der 55-Jährige sein Team dann an und fügt, fast schon entschuldigend, noch einen Satz hinzu: „Deswegen gucke ich auch manchmal etwas grimmig, wenn das nicht sofort gelingt. Aber dann arbeiten nur meine Prozessoren.“

In den vergangenen Wochen waren Höttges’ Gehirnzellen stark gefordert. Er verhandelt wieder mit dem Rivalen Sprint über eine Fusion unter Führung der Telekom, ein Zusammengehen würde ihm helfen, in den USA Kosten zu sparen. Und intensiv hat der Vorstandschef darüber nachgedacht, ob sein Vorstandsteam in Bonn noch richtig zusammengesetzt ist.

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Als Ergebnis wechselt er nun gleich zwei langjährige Weggefährten aus. Reinhard Clemens, Chef der Geschäftskundensparte T-Systems, muss ebenso vorzeitig zum Jahresende gehen wie der für Deutschland zuständige Vorstand Niek Jan van Damme. Trotz aller noch vor wenigen Wochen abgegebenen Treueschwüre hat Höttges beiden offensichtlich nicht mehr zugetraut, die Marktanteilsverluste bei Großkunden zu stoppen und die Trendwende im deutschen Festnetz einzuleiten.

Zahlen und Fakten zum Mobilfunk-Markt

  • Absatzrekord trotz schwächerem Wachstum

    Im vergangenen Jahr wurden rund 1,5 Milliarden Smartphones verkauft. Das war ein Wachstum von zwei bis fünf Prozent im Vergleich zu 2015 - die Berechnungen einzelner IT-Marktforscher weichen etwas voneinander ab.

  • Smartphonemarkt auf Wachstumskurs

    Noch im Jahr davor war der Absatz um mehr als zehn Prozent gewachsen. Als zentrale Auslöser für die Abkühlung gelten die wirtschaftlichen Turbulenzen im größten Smartphone-Markt China sowie anderen Ländern wie Russland.

  • Samsung nicht zu schlagen

    Samsung blieb auf das gesamte Jahr gerechnet der größte Smartphone-Anbieter mit einem Marktanteil von gut 20 Prozent, Apple ist die Nummer zwei mit knapp 15 Prozent.

  • Trendwende im Weihnachtsgeschäft

    Im Weihnachtsgeschäft wurden die Apple-Verkäufe aber vom iPhone 7 beflügelt und bei Samsung schlug das Batterie-Debakel beim Galaxy Note 7 auf den Absatz. Im Ergebnis schob sich Apple in dem Quartal mit 78,3 Millionen verkauften iPhones knapp an Samsung vorbei.

  • China boomt

    Anbieter aus China haben sich - vor allem dank der Größe des heimischen Marktes - weltweit in die Spitzengruppe vor. Die drei Hersteller Huawei, Oppo und BBK schließen nach Samsung und Apple die globale Top 5 ab und kamen zusammen auf gut 20 Prozent Marktanteil.

  • Android und iOS hängen alle anderen ab

    Bei den Smartphone-Betriebssystemen dominiert Googles Android-Software mit einem Marktanteil über 80 Prozent. Den Rest füllt weitgehend das iOS von Apples iPhones aus. Andere Betriebssysteme wie Windows Phone oder Blackberry OS sind inzwischen praktisch bei Null angekommen. Dabei wurde mit ihnen einst die Hoffnungen verbunden, dass sie zur starken Nummer drei im Markt werden könnten.

  • Weltweit mobil

    Im vergangenen Jahr gab es nach Berechnungen von Experten weltweit rund 7,4 Milliarden Mobilfunk-Anschlüsse. Zum Jahr 2020 dürfte ihre Zahl auf knapp 8,4 Milliarden ansteigen, prognostiziert der IT-Marktforscher Gartner.

Schaffen sollen das jetzt Dirk Wössner, der nach drei Jahren als Vorstand bei Rogers Communications in Kanada zur Telekom zurückkehrt, und ein namentlich noch nicht bekannter „männlicher IT-Manager, den niemand auf der Rechnung hat“, wie es im Unternehmen heißt.

Zum ersten Mal seit seinem Aufstieg zum Vorstandsvorsitzenden vor vier Jahren steht Höttges unter Druck. Mit seiner Strategie, mit dem „besten Netz“ und dem „besten Kundenerlebnis“ den „führenden Telekommunikationskonzern in Europa“ mit einer wachsenden Zahl von Privat- und Geschäftskunden aufzubauen, kommt er nicht so schnell voran wie geplant. Zwar eilt die US-Tochter T-Mobile von Erfolg zu Erfolg, übertrifft alle internen Wachstumsvorgaben. Doch die guten Zahlen aus Amerika übertünchen die Problemzonen im deutschen und europäischen Kerngeschäft kaum. Statt wie geplant zu wachsen, sackten die Umsätze hier von 2014 bis 2016 um 1,3 Milliarden Euro auf 44,9 Milliarden Euro ab.

Umsatzentwicklung weltweit und in Europa seit dem Amtsantritt von Telekom-Chef Tim Höttges.

Umsatzentwicklung weltweit und in Europa seit dem Amtsantritt von Telekom-Chef Tim Höttges.

Im ersten Halbjahr 2017 schlossen die Sparten Deutschland und Europa zwar mit einem kleinen Umsatzplus ab. Dafür brach der Umsatz mit den Großkunden noch stärker ein. Das gefällt auch Anlegern nicht. Nach einem Zwischenhoch von 18 Euro im Mai war der Kurs wieder auf 15 Euro gefallen – stieg zuletzt aber wieder, seit die Fusionsverhandlungen mit Sprint durchsickerten.

Geschäftslage bei T-Systems wird schwieriger

Zugespitzt hat sich die Geschäftslage vor allem bei T-Systems. Dabei sollte die Sparte „führend bei Geschäftskunden“ werden, sich als „Digitalisierer der deutschen Wirtschaft“ profilieren und gemeinsam mit der heimischen Industrie das „Wirtschaftswunder 4.0“ schaffen. Die Anfang 2015 vorgelegte interne Mittelfristplanung sieht deshalb ein jährliches Umsatzplus von durchschnittlich drei Prozent vor. Doch das Geschäft mit externen Kunden geht zurück – und das, obwohl der IT-Markt mit Lösungen rund um Trendthemen wie Cloud Computing und Internet der Dinge zweistellig wächst.

Einige gescheiterte IT-Projekte haben das Ansehen von T-Systems bei den IT-Verantwortlichen großer Konzerne empfindlich lädiert. Bei zwei Großvorhaben mit deutschen Konzernen, die nicht genannt werden wollen, schlugen die Telekom-Alarmsysteme sogar so spät an, dass T-Systems Strafen wegen nicht rechtzeitig gelieferter Leistungen zahlen musste. Clemens hat das verlorene Vertrauen kaum zurückgewonnen. Zwar sprach der Spartenchef selbst unermüdlich bei potenziellen Kunden vor. Aufträge brachte er von seinen Ausflügen aber zu wenig mit, um die Einbußen auszugleichen.

Auch sein noch unbekannter Nachfolger dürfte es schwer haben. Die Lage ist so verfahren, dass der Telekom-Vorstand erneut über einen schon früher heiß diskutierten Plan nachdenkt. Danach könnte er T-Systems in zwei unabhängige Sparten aufspalten: in eine für das klassische Outsourcing von Rechenzentren verantwortliche IT-Tochter und einen näher an Vernetzungsthemen rund um die Fabrik 4.0 und das Internet der Dinge arbeitenden Geschäftsbereich „Digital und Telecommunications“.

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John Legere führt T-Mobile als rebellischer Chef aus der Krise. Doch bei der Suche nach Fusionspartnern läuft es für ihn gerade nicht so gut.

Quelle: dpa

Zusammen mit einem strategischen Partner oder Finanzinvestor könnte vor allem die abgespaltene IT-Tochter schneller die Trendwende schaffen. Das Konzept der gemeinsamen Sanierung und des anschließenden Verkaufs hat die Telekom schon bei der Scout-Gruppe praktiziert.

Mit der Suche nach einem geeigneten Partner hat Höttges seinen Vertrauten Thorsten Langheim betraut. Der ehemalige Manager der Private-Equity-Gesellschaft Blackstone orchestriert als „Generalbevollmächtigter Unternehmensentwicklung“ alle Verkäufe und Übernahmen. Als Aufsichtsrat von T-Systems kennt er sich mit den Problemen bestens aus. IT-Experten der Telekom bezweifeln jedoch, dass sich überhaupt ein Investor für den Sanierungsfall findet. Die Telekom teilte auf Anfrage mit, die Pläne zur Aufspaltung seien „Spekulation“ und will sich nicht weiter äußern.

Markenwerte der wertvollsten Telekommunikationsmarken

  • Platz 1

    AT&T
    115,11 Milliarden US-Dollar

    Quelle: Millward Brown
    Zur Studie:
    Die Statistik zeigt die Markenwerte der zehn wertvollsten Telekommunikationsmarken weltweit im Jahr 2017.

  • Platz 2

    Verizon
    89,28 Milliarden US-Dollar

  • Platz 3

    China Mobile
    56,54 Milliarden US-Dollar

  • Platz 4

    Xfinity
    41,81 Milliarden US-Dollar

  • Platz 5

    Deutsche Telekom
    38,49 Milliarden US-Dollar

  • Platz 6

    Vodafone
    31,6 Milliarden US-Dollar

  • Platz 7

    Movistar
    22 Milliarden US-Dollar

  • Platz 8

    NTT
    20,2 Milliarden US-Dollar

  • Platz 9

    Orange
    17,18 Milliarden US-Dollar

  • Platz 10

    BT
    16,03 Milliarden US-Dollar

Vor zehn Jahren, kurz nach dem Amtsantritt von Höttges’ Vorgänger René Obermann, hatte die Bundesregierung die ersten Verkaufspläne von T-Systems noch gestoppt. Berlin fürchtete, dass ein neuer, womöglich ausländischer T-Systems-Eigner Einblicke in die geheimen Datentransfers der Regierung bekommt. Die Gefahr besteht nun nicht mehr. Denn anstelle einer privaten Gesellschaft soll künftig die Bundesanstalt für Digitalfunk der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BDBOS) den Datenaustausch zwischen den Behörden steuern. Das Gesetz dazu hat der Bundestag bereits im Frühjahr verabschiedet.

Mobilfunk gut, Festnetz schlechter

Vor einem Neuanfang steht auch der kommende Deutschlandchef Wössner. Dabei hat Vorgänger van Damme im Mobilfunk im ersten Halbjahr 2017 die besten Zahlen in der Geschichte der Telekom abgeliefert. Er habe „mit einem Marktanteil von 37,3 Prozent den größten Abstand aller Zeiten zu Vodafone realisiert“, heißt es lobend in einer internen Quartalsanalyse.

Dafür läuft es im Festnetz umso schlechter. Hier muss Wössner einen gefährlichen Trend stoppen. Die immer schnelleren Internetanschlüsse der konkurrierenden Glasfaseranbieter und TV-Kabelnetzbetreiber sorgen dafür, dass die Telekom zu wenig Neukunden gewinnt. Mit 13 Millionen DSL-Kunden und einem Marktanteil von knapp über 40 Prozent liegt die Telekom bundesweit zwar immer noch auf Platz eins. Doch in Ballungszentren ist der Kundenschwund so groß, dass ihr Marktanteil auf Werte zwischen 18 und 30 Prozent gefallen ist.

In Hamburg etwa hat das Duo der beiden Regionalanbieter Wilhelmtel und Willytel schon so viele Kunden angelockt, dass die Telekom heute nur noch jeden fünften Kunden versorgt. In München hat Dorit Bode, Geschäftsführerin der Stadtwerke-Tochter M-Net, angekündigt, dass sie noch in diesem Jahr Marktführer werden will. In Köln beansprucht die Stadtwerke-Tochter Netcologne mit insgesamt 240.000 Glasfaserkunden die Führungsposition schon seit ein paar Jahren für sich.

Deutsche Telekom Mit Darth Vader raus aus der Servicewüste

Ferri Abolhassan gilt als rabiater Manager. Ausgerechnet er soll dafür sorgen, dass die Servicemitarbeiter umdenken und endlich alle Kunden zufrieden machen. Sein Plan in vier Schritten.

Neuer Chef des Service-Centers der Deutschen Telekom. Quelle: Robert Poorten für WirtschaftsWoche

Selbst Lockangebote von monatlich 19,95 Euro im ersten Jahr helfen der Telekom bisher wenig. Im ersten Halbjahr hat sie die Planvorgaben beim Netto-Neukundenzuwachs nicht erreicht. Und schon jetzt zeichnet sich ab, dass sie ihr 2015 ausgerufenes Ziel von 13,6 Millionen Breitbandkunden bis Ende 2018 ebenfalls verfehlen wird. 600.000 Neukunden müsste die Telekom in den kommenden 15 Monaten netto dazugewinnen. Solch eine Aufholjagd ist nicht mehr zu schaffen. „Breitband ist noch nicht auf Zielkurs“, räumt das Unternehmen selbst in einer internen Bilanzanalyse ein.

Ähnlich schwach läuft das prestigeträchtige TV-Produkt Entertain, mit dem die Telekom das zeitversetzte Fernsehen im Wohnzimmer etablieren will. Trotz Runderneuerung und Wechsel des Technologielieferanten erobert die konzerneigene TV-Plattform bisher nicht den Massenmarkt. Pro Jahr gewinnt die Telekom lediglich 200.000 Kunden hinzu – viel zu wenig, um das angestrebte Ziel von weit über vier Millionen Kunden bis Ende 2018 noch zu erreichen.

Quartalszahlen Deutsche Telekom profitiert weiter von US-Geschäft

Der Bonner Telekommunikationsriese hebt seine Gewinnprognose dank des starken US-Geschäfts an. Der Finanzvorstand ist überzeugt: Auch in den nächsten Jahren dürfte es weiter bergauf gehen.

Quelle: dpa

Verantwortung dafür trägt auch Höttges. Die Strategie, den Bau von echten Glasfasernetzen bis in die Gebäude hinauszuzögern und die technischen Möglichkeiten der alten Kupferkabel so lange wie möglich auszureizen, trägt seine Handschrift. Dass die Kunden nun zum schnelleren Netz der Konkurrenz überlaufen, hat er so nicht erwartet. In seinen bislang nicht korrigierten Hochrechnungen reicht ein 200-Megabit-Anschluss für einen Vier-Personen-Haushalt bis einschließlich 2025 aus, doch die Konkurrenz bietet mehr.

Vielleicht bringt Wössner eine Lösung aus Kanada mit. Etwa die, Glasfaser mit Konkurrenten zu verlegen. Das könnte auch die Telekom zurück auf die Spur bringen. Dann hätte Höttges eine Sorge weniger – und müsste nicht mehr so grimmig schauen.

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