_

E-Books: Raubkopierer versetzen Buchbranche in Angst und Schrecken

von Hans-Peter Siebenhaar Quelle: Handelsblatt Online

Mit dem Siegeszug der elektronischen Bücher nimmt die Zahl der illegalen Downloads zu. Verleger und Händler fordern die Politik auf, endlich zu handeln - und finden bereits prominente Unterstützer.

Das Kindle Fire von Amazon: Die neue Technik lockt Betrüger. Quelle: Reuters
Das Kindle Fire von Amazon: Die neue Technik lockt Betrüger. Quelle: Reuters

FrankfurtDie Buchbranche ist verunsichert. Der illegale Download von E-Books jagt Verlegern und Buchhändlern Angst ein. "Durch den Siegeszug des E-Books wächst die Gefahr von Diebstählen im Netz", sagte Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, dem Handelsblatt. Denn mit der wachsenden Zahl elektronischer Bücher wird es immer leichter, Romane, Sachbücher und Fachliteratur illegal zu kopieren. Nach Einschätzung des Börsenvereins ist die Piraterie längst zur größten Gefahr für die fast zehn Milliarden Euro schwere Branche geworden. "Schätzungsweise werden zwei Drittel aller E-Books illegal erworben", sagt Skipis, der den Markt seit vielen Jahren kennt. Auch die vor Monaten vorgelegte Pirateriestudie im Auftrag des Bundesverbandes Musikindustrie, des Börsenvereins und der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen kommt zu dem Ergebnis, das von 23 Millionen E-Books rund 60 Prozent illegal aus dem Internet heruntergeladen worden seien.

Anzeige

Schäden in Milliardenhöhe

Verleger und Buchhändler fordern angesichts der dramatischen Situation die Politik jetzt auf, energisch gegen die Bücherpiraten vorzugehen. "Wir sind seit Jahren mit der Politik im Gespräch über geistigen Diebstahl. Nun wird es Zeit, dass der Gesetzgeber endlich handelt, um die Geschäftsgrundlage von Verlagen und Handel nicht zu gefährden", warnt Skipis eindringlich. "Wir mahnen an, endlich einen verlässlichen Rechtsrahmen zu schaffen, um gegen Piraterie effektiver vorgehen zu können."

Der Börsenverein schlägt vor, bei einem illegalen Download automatisch eine Warnung vor der Urheberrechtsverletzung folgen zu lassen. Sie soll Täter künftig abschrecken. Sollte sich der Pirat aber von Warnhinweisen unbeeindruckt zeigen, fordert der Verband schnelle und effektive Sanktionen für die Verletzung von Urheberrechten.

Der Gesamtschaden, der durch Piraterie der Kreativindustrie entsteht, ist nach Einschätzung unabhängiger Marktexperten gewaltig. In einer Studie zur digitalen Wirtschaft prognostizierte die Unternehmensberatung Tera Consultants für die deutsche Kreativwirtschaft bereits vor drei Jahren Umsatzeinbußen von rund 1,2 Milliarden Euro. Durch die wachsende Zahl elektronischer Bücher wächst diese Zahl nach Meinung von Marktteilnehmern nun stark an.

Wie Insider berichten, sei die Bereitschaft in der Politik, zu handeln, groß. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) gilt als der größte Unterstützer der Branche. Der Börsenverein geht davon aus, dass im nächsten Jahr entsprechende gesetzliche Vorkehrungen gegen den Missbrauch von Urheberrechten im Web getroffen werden.


Das E-Book erreicht den Massenmarkt

Das E-Book hat unterdessen in diesem Jahr erstmals den Massenmarkt erreicht. Der Onlinehändler Libri.de verkaufte beispielsweise im Oktober erstmals mehr elektronische Bücher als gebundene Bücher. "Damit erreichen wir einen neuen Meilenstein im Geschäft mit elektronischen Büchern", sagte Geschäftsführer Per Dalheimer. Und die Verlagsgruppe Weltbild meldete erst gestern, dass am ersten Weihnachtsfeiertag 17 500 Kunden digitale Bücher geordert hätten. So viele Bestellungen für E-Books hatte die Buchhandelskette noch nie an einem Tag. "Die E-Reader, die in den letzten Wochen gekauft wurden, sind nun ausgepackt", sagte Weltbild-Geschäftsführer Klaus Driever. Vor Weihnachten habe das Unternehmen eine "hohe sechsstellige Zahl" seiner Lesegeräte abgesetzt.

Auch der Börsenverein spürt den E-Book-Boom. Die Umsätze der E-Book-Tochter Libreka hätten sich in diesem Jahr auf kleiner Basis verzehnfacht. Noch spielt das E-Book eine bescheidene Rolle. In diesem Jahr haben sich die Umsätze nach Schätzungen des Börsenvereins zwischen ein bis zwei Prozent der Gesamterlöse bewegt. Nach einer Studie von Pricewaterhouse Coopers beträgt der Anteil der elektronischen Bücher in Deutschland derzeit 1,4 Prozent. Doch das soll sich bald ändern. "Wir erwarten im E-Book-Bereich 2012 eine Verdopplung, vielleicht auch eine Verdreifachung der Umsätze", prognostiziert Skipis.

Schwieriges Marktumfeld

Auch nach Weihnachten gehen die Kampagnen für digitale Lesegeräten von Amazon, Weltbild, Thalia, aber auch mittlerweile vom Börsenverein weiter. Der Branchenverband bietet den Buchhandlungen, die bei ihm Mitglied sind, ein Lesegerät zum Endverkaufspreis von knapp 100 Euro. Selbst für Fachleute wird der Markt, der einst mit dem Lesegerät Kindle von Amazon und dem iPad von Apple seinen Anfang nahm, immer undurchschaubarer. Marktteilnehmer erwarten eine Konsolidierung bei den vielen Lesegeräten.

Die Branche bewegt sich unterdessen in einem schwierigen Umfeld. Nach Jahren des Wachstums sagt der Börsenverein für dieses Jahr einen Umsatzknick voraus. "Ich erwarte für 2011 ein kleines Minus im deutschen Buchmarkt von etwa einem Prozent", sagt Börsenvereins-Chef Skipis. Die Ursachen liegen auf der Hand: "In diesem Weihnachtsgeschäft haben die großen Bestseller wie Harry Potter gefehlt." Auch im Sachbuchbereich wurden Selbstläufer wie das xenophobe Buch "Deutschland schafft sich ab" von Thilo Sarrazin schmerzlich vermisst.

Entgegen optimistischer Erwartungen hat die Buchbranche doch nicht die Umsatzgrenze von zehn Milliarden Euro in diesem Jahr geknackt. 2010 verbuchten Verleger und Händler Erlöse von insgesamt 9,7 Milliarden Euro. In den vergangenen Jahren hatte es stets ein Umsatzwachstum gegeben, teilweise bis zu drei Prozent. Selbst die Krisenjahre 2009 und 2010 konnten dem moderaten Wachstum nichts anhaben. Gerade in Krisenzeiten gibt es offenbar ein großes Bedürfnis nach dem Medium Buch.

weitere Fotostrecken

Blogs

Wie HP-Chefin Whitman ihren Mitarbeiter die anstehenden Massenentlassungen erläutert
Wie HP-Chefin Whitman ihren Mitarbeiter die anstehenden Massenentlassungen erläutert

In einer internen Videobotschaft an die HP-Beschäftigten gibt Meg Whitman mehr Details zu dem geplanten Abbau von 27.000...

Das Aktuelle Heft

Wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 21 vom 21.05.2012

iTunes Vorschau - WirtschaftsWoche
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.