Einblick: Die Märkte haben ein feines Gespür

kolumneEinblick: Die Märkte haben ein feines Gespür

Kolumne von Miriam Meckel

Der IT-Konzern Alphabet wird wertvollstes Unternehmen der Welt. Wetten auf die Zukunft der digitalen Wirtschaft beflügeln die Börse. Eine Kolumne.

Mit Volldampf voraus, in jede Richtung, gerne auch in alle gleichzeitig. So wurde die einstige Internettraditionsmarke Yahoo in den vergangenen drei Jahren durch den rasanten Wandel der digitalen Wirtschaft navigiert. Eine Navigation ohne klare Koordinaten und also auch nicht erfolgreich. Erfolg, das wäre in Zeiten der schnellen Internetwirtschaft nicht weniger als eine Neuerfindung von Yahoo gewesen. CEO Marissa Mayer hat nach erneut enttäuschenden Zahlen verkündet, sie werde 15 Prozent der Belegschaft entlassen, Büros schließen und „strategische Alternativen“ ausloten. Der kundige Übersetzer liest dies als das, was es ist: eine strategische Kapitulationserklärung und der Anfang vom Ende von Yahoo. 30 Prozent hat die Aktie allein im vergangenen Jahr verloren. Die Kapitalmärkte haben ein feines Gespür dafür, was mit einem Unternehmen los ist.

Google-Imperium: Das ist die Alphabet-Holding

  • Alphabet

    Das Dach der einzelnen Google-Einheiten bildet in Zukunft die neue Holding Alphabet. Larry Page wird CEO und Sergey Brin Präsident. Ruth Porat, bislang Googles Finanzchefin, wird Finanzvorstand der Dachgesellschaft.

  • Google

    Unter dem angestammten Namen des Konzerns werden die Internet-Suchmaschine, das Werbe-Geschäft sowie YouTube und Android gebündelt. Das neue, leicht abgespeckte Google wird eine Tochterfirma von Alphabet. Noch immer ist Google aber der wichtigste und wirtschaftlich stärkste Bereich.
    Leitung: Sundar Pichai

  • Google X

    In Googles Innovationslabor werden unter anderem selbstfahrende Autos, Drohnen und Ballons zur Internet-Versorgung entlegener Gebiete aus der Luft entwickelt. Investoren hatten sich zuletzt schon Sorgen gemacht, dass die Zukunftsprojekte viel Geld verschlingen.
    Leitung: Google-Mitbegründer Sergey Brin

  • Nest

    Das Automatisierungsunternehmen Nest baut vernetzte Thermostaten, die über Apps gesteuert werden können. Auch Rauchmelder sind im Programm. Google kaufte das Unternehmen Anfang 2014 für mehr als drei Milliarden Dollar.
    Leitung: Tony Fadell

  • Calico

    Die Gesundheitsfirma Calico - kurz für California Life Company - soll vor allem das Altern erforschen - um es eventuell bremsen zu können. Das Unternehmen wurde 2013 von Google gegründet.
    Leitung: Arthur Levinson

  • Fiber

    In den USA bietet der Konzern unter diesem Namen in rund einem halben Dutzend Städten ultra-schnelle Internet-Zugänge über Glasfaser-Anschlüsse an.
    Leitung: Craig Barratt

  • Sidewalk Labs

    Der Spezialist Sidewalk ist auf die Infrastruktur moderner Städte fokussierte. Es soll unter anderem darum gehen, den Verkehr effizienter zu machen, Energieverbrauch und Lebenshaltungskosten zu senken oder die Stadtverwaltung zu verbessern. 
    Leitung: Dan Doctoroff

  • Google Ventures

    Über Google Ventures investiert der Konzern in Start-ups, unter anderem den umstrittenen Fahrdienst-Vermittler Uber.
    Leitung: Bill Maris

Das Gespür der Märkte hat Apple bislang perfekt bedient. Das Unternehmen steht mit dem iPhone für den Übergang von der industriellen in die digitale Wirtschaft. 2011 löste Apple damit den Ölkonzern ExxonMobil als wertvollstes Unternehmen der Welt ab. Geradezu genial hat Steve Jobs seine Produkte auf die Kundenbedürfnisse in Zeiten des mobilen Internets ausgerichtet. Die aktuellen Quartalszahlen allerdings haben viele Investoren enttäuscht. Apple ist noch immer hochprofitabel und meldet weiter Rekordzahlen. Aber CEO Tim Cook hat die Märkte nun zum ersten Mal auf künftige Umsatzrückgänge eingestimmt. Apples Umsatz hängt zu 60 Prozent am iPhone. In einem zunehmend gesättigten Markt werden weniger Wachstumssprünge als Preis- und Margenkämpfe die Unternehmensgeschichte fortschreiben. Die Apple-Aktie ist in den vergangenen zwölf Monaten um 20 Prozent gefallen. Die Kapitalmärkte registrieren mit Röntgenblick, wie viel Licht am Ende des Tunnels leuchtet.

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Alphabet hat Apple vom Spitzenplatz verdrängt und ist nun das am höchsten bewertete Unternehmen der Welt. Zum ersten Mal konnten Investoren einen detaillierteren Blick in die Quartalszahlen von Alphabet, der Muttergesellschaft von Google, werfen. Und sie sahen Erfreuliches: ein Umsatzplus von 18 Prozent und einen Nettogewinn von knapp fünf Milliarden Dollar. Die entstehen wesentlich aus dem hochprofitablen Kerngeschäft von Suchmaschine, wachsender mobiler Werbung und der Video-Plattform YouTube. Die übrigen bei Alphabet gebündelten Projekte zur Haushaltsvernetzung, zum selbstfahrenden Auto, zur virtuellen Realität und künstlichen Intelligenz machten in 2015 hohe Verluste von 3,6 Milliarden Dollar.

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Diese sogenannten „other bets“ sind unternehmerische Wetten auf die Zukunft. Keiner weiß, ob sie aufgehen. Warum lassen die Kapitalmärkte sich davon nicht negativ beeindrucken? Weil die digitale Wirtschaft an der Schwelle zu ihrer nächsten Evolutionsstufe steht: der vollständigen digitalen Vernetzung unseres Lebens. Alphabet wettet auf diese Zukunft und kurbelt damit kräftig die Fantasie der Investoren an. Die Aktie hat in einem Jahr um mehr als 40 Prozent zugelegt. Nichts ist in der digitalen Wirtschaft so öde wie ein Unternehmen von gestern. Und nichts ist so monoton wie eine Strategie, die immer dieselbe bleibt. Wer nicht auf die Zukunft wettet, realisiert künftige Verluste schon in der Gegenwart.

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1 Kommentar zu Einblick: Die Märkte haben ein feines Gespür

  • Die nächste Evolutionsstufe "der vollständigen digitalen Vernetzung unseres Lebens. Alphabet wettet auf diese Zukunft und kurbelt damit kräftig die Fantasie der Investoren an" wird wohl an Deutschland vorbeigehen. Zu groß sind die weissen Flecken in der digitalen flächendeckenden Vernetzung. Alphabet wird sich also auf andere Länder konzentrieren.
    Solange diese handlungsbeschränkte Bundesregierung es nicht schafft, ihr seit 14 Jahren propagiertes "flächendeckendes schnelles Internet" umzusetzen, wird Deutschland sich den digitalen Zug der Evolution als unbeteiligter Zuschauer ansehen dürfen und international erheblich verlieren. Nur reden hilft da nicht; es ist effektives Handeln gefragt.

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