EU-Kommissarin Neelie Kroes: "Die Telekombranche muss mit dem Jammern aufhören"

InterviewEU-Kommissarin Neelie Kroes: "Die Telekombranche muss mit dem Jammern aufhören"

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Mit Roaming-gebühren schaden sich die Telekommunikationsunternehmen nur selbst

von Silke Fredrich und Silke Wettach

EU-Kommissarin Neelie Kroes rät Telekom-Unternehmen in Europa, sich auf den kompletten Wegfall des Roaming einzustellen. "Roaming ist nur ein Krücke, die bisher die Unternehmen davon abhält, neue Geschäftsmodelle zu übernehmen", sagt sie im Interview mit WirtschaftsWoche Online. Die Niederländerin fordert die Branche auf, konstruktiver auf die Umbrüche zu reagieren, statt zu lamentieren.

WirtschaftsWoche: Die Telekombranche sieht Ihren Vorstoß zur Abschaffung der Roaming-Gebühren sehr kritisch und betreibt heftig Lobbyarbeit dagegen. Warum glauben Sie, dass Sie sich trotzdem damit durchsetzen können?

Neelie Kroes: Weil eine sehr starke Logik hinter dem Vorschlag steht. Zunächst einmal eine politische Logik: In einem Binnenmarkt ergibt eine künstliche Hürde wie das Roaming keinen Sinn. Die wirtschaftliche Logik besagt, dass Verbraucher mehr telefonieren werden, wenn sie sich um die Rechnung keine Sorgen machen müssen. Mein Vorschlag enthält aber auch eine auf die  Branche abgestimmte Logik. Das Roaming ist für die Anbieter nur eine Krücke, die bisher die Unternehmen davon abhält, neue Daten-Geschäftsmodelle zu übernehmen. Dazu müssen sie aber übergehen, um erfolgreich zu sein. Wenn die Unternehmen über Cash-Cows wie Roaming verfügen, werden sie sich so lange wie möglich darauf stützen und sich damit selbst schaden.

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Ihre Pläne sehen unter anderem vor, dass Kunden im Ausland ohne Simkarten- und Rufnummernwechsel einen anderen Telefonanbieter nutzen können. Die Abrechnung soll wiederum der Vertragskonzern übernehmen. Was ist denn daran neu, das ist doch bereits im EU-Recht für 2014 festgeschrieben?

EU-Kommissarin Neelie Kroes Quelle: REUTERS

EU-Kommissarin Neelie Kroes

Bild: REUTERS

Was Sie gerade beschreiben ist der Plan B, der eintritt, wenn der Verbraucher bei seinem Anbieter nicht auf die die bessere Lösung Zugriff hat, die „Roam-like-at home“ heißt. Dabei würde der Verbraucher überall in der EU dieselben Konditionen wie im Inland genießen, ohne mehr bezahlen zu müssen. Wenn das Telekomunternehmen dies nicht anbietet, dann gilt die Rückfallposition.

Kritiker Ihrer Pläne bemängeln die Gefährdung der Netzneutralität, weil Anbieter von Internetinhalten Vereinbarungen mit den Telekommunikationsanbietern schließen dürfen. Was sagen Sie denen? Dass das nicht passieren wird und alle Datenpakete gleich behandelt und weitergeleitet werden?

Wir müssen uns zunächst einmal vergegenwärtigen, dass heute 96 Prozent der Europäer keinerlei Schutz haben mit Blick auf Netzneutralität. Die meisten Europäer kommen in den Genuss davon, aber sie könnten die Netzneutralität von heute auf morgen verlieren, wenn der Anbieter das so entscheidet. Bisher haben schon über 100 Millionen, möglicherweise bis zu 200 Millionen Europäer keinen vollständigen Zugang zum Internet, weil ihr Anbieter bestimmte Dienstleistungen wie Skype drosselt oder komplett blockiert. Oft passiert das, ohne dass der Verbraucher es weiß.

Mit ihrem Gesetzespaket soll das Blockieren und Drosseln von Internetinhalten verboten werden. In Deutschland hat die Deutsche Telekom für ihre Drosselungspläne viel Kritik geerntet, begründet ihr Vorgehen aber mit massiven Verlusten durch Vielsurfer und ihren hohen Netzausbaukosten. Beschneiden Sie durch das Gesetz nicht die Einnahmemöglichkeiten der Anbieter?

Jede Regulierung dieser Art schränkt die Einnahmemöglichkeiten ein – aber sie schafft auch neue Chancen und verhilft der Gesellschaft zu mehr Freiheit. Es ist dumm zu behaupten, dass Unternehmen nur investieren, wenn sie Dienstleistungen wie Skype blockieren dürfen. Es gibt für eine solche Auffassung schlicht keine Beweise. Analysten haben in ihrer Einschätzung unseres Gesetzespakets übrigens ausdrücklich unterstrichen, dass es Unternehmensgewinne berechenbarer macht und dass es die Aussichten für Investitionen verbessert. Außerdem glaube ich, dass die Leute immer bereit sein werden, einen angemessenen Betrag zu zahlen, wenn sie das bekommen, was sie wollen. Und sie wollen das offene Internet in seiner Gänze.

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