Googles Probleme: Das Wettbewerbsverfahren ist der Anfang vom Abstieg

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Googles Probleme: Das Wettbewerbsverfahren ist der Anfang vom Abstieg

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EU-Kommissarin Vestager hat den Internet-Riesen Google im Visier

von Matthias Hohensee und Silke Wettach

Wer in den Fokus der EU-Kartellwächter gerät, hat seine besten Jahre hinter sich. Das war so bei Intel und Microsoft – und dürfte nun auch für den Internet-Riesen Google gelten.

Er reiste aus London mit dem Zug an, mit acht Mitarbeitern im Schlepptau, fast alles Ingenieure. Als Google-Verwaltungsratschef Eric Schmidt Anfang März EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager traf, wusste er, dass er sich nicht auf seinen Charme verlassen konnte, mit dem er ihren Vorgänger Joaquín Almunia eingewickelt hatte. Die Kommissarin wollte Fakten, Schmidt brachte Fachleute mit.

Der große Auftritt im zehnten Stock des Kommissionssitzes hat Google jedoch wenig genutzt. Am vergangenen Mittwoch gab Europas oberste Wettbewerbshüterin bekannt, dass ihre Mitarbeiter genügend Beweise dafür haben, dass Google seine marktbeherrschende Stellung unter den Suchmaschinen ausnutzt.

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Zudem wird untersucht, ob Google sein mobiles Betriebssystem Android missbraucht, um seine eigenen Apps auf Smartphones in den Markt zu drücken und Wettbewerber auszubremsen. Im Extremfall droht Google eine Geldbuße von bis zu zehn Prozent des Umsatzes, der sich 2014 auf 66 Milliarden Dollar belief.

Hier dominiert Google den Suchmaschinenmarkt

  • Europa

    In Europa hat Google sage und schreibe 92,8 Prozent des Suchmaschinenmarkts inne.„Aussichtsreichster“ Konkurrent ist mit 2,5 Prozent die Microsoft-Suchmaschine Bing, gefolgt von Yahoo mit 2,1 Prozent.

  • Deutschland

    In Deutschland hält Google einen Marktanteil von 94 Prozent. Bing ist auch hier der größte Konkurrent – und liegt weit abgeschlagen mit zwei Prozent Marktanteilen auf Platz zwei. T-Online, eine der am meisten besuchten deutschen Webseiten, hat gerade einmal 1,1 Prozent des Suchmaschinenmarkts inne.

  • Italien

    Google vereint in Italien 95 Prozent der Marktanteile auf sich. Yahoo und Bing verfügen insgesamt über vier Prozent des Markts. Ask, die viertgrößte Suchmaschine der USA nach Google, Yahoo und Bing kommt in Italien auf 0,3 Prozent der Marktanteile.

  • Großbritannien

    Googles Marktmacht ist für Google Verhältnisse relativ gering. Lediglich 90 Prozent des Markts hat der US-Konzern inne. Bing und Yahoo beanspruchen gemeinsam acht Prozent des Markts für sich – für europäische Verhältnisse ein vergleichsweise hoher Wert.

  • Polen

    Polen hat seine eigene Suchmaschine – Onet. Die hält allerdings nur 0,4 Prozent der Marktanteile – Google dagegen kommt auf einen Wert von 97 Prozent. Yahoo und Bing vereinen 1,8 Prozent auf sich.

6,6 Milliarden Dollar wären Rekord. Bisher hält den Chipgigant Intel mit 1,06 Milliarden Euro. Selbst diese Strafe könnte Google aus seiner mit etwa 65 Milliarden Dollar gefüllten Kasse ohne Probleme begleichen.

Doch der Schaden könnte viel höher ausfallen: Die Gefahr ist, dass Google-Chef Larry Page und seine Truppe durch die EU-Ermittlungen und mögliche Auflagen in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt werden und so Wettbewerber nicht konsequent abwehren können.

Mehr noch: EU-Zwangsgelder und Strafen sind ein guter Indikator dafür, dass ein Unternehmen entweder bereits in geschäftlichen Schwierigkeiten steckt oder gerade in sie hineinschlittert. Das gilt für Google derzeit ebenso wie einst für Microsoft und Intel.

Verlorenes Jahrzehnt

Im März 2004 verhängte der damalige EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti fast 500 Millionen Euro Strafe gegen Microsoft, wegen Missbrauchs der marktbeherrschenden Stellung des Betriebssystems Windows. Brüssel befürchtete unter anderem, dass Microsoft mit der Beigabe der Abspielsoftware Media Player den noch jungen Markt für Online-Videos an sich reißen wolle. Später legte die EU mit noch höheren Strafen nach, etwa als Microsoft versuchte, seinen Internet-Browser via Windows durchzudrücken.

Mittlerweile gilt die Periode unter der Ägide des damaligen Chefs Steve Ballmer als verlorenes Jahrzehnt. Nicht wegen der Rekordstrafen, die konnte auch Microsoft aus der Portokasse zahlen. Sondern weil es dem Konzern nicht gelang, unter den Argusaugen der Wettbewerbshüter Fuß im Internet zu fassen. Microsofts Suchmaschine Bing hat heute weltweit nur drei Prozent Marktanteil. Und Googles YouTube ist die global führende Videoplattform.

Schlimmer noch: Microsoft schaffte es trotz seiner Windows-Dominanz nicht, den boomenden Markt für mobile Geräte zu besetzen. So spielt Windows mit unter drei Prozent Marktanteil bei Tablets keine Rolle mehr. Die neuen Größen sind Apples iOS und Googles Android.

Smartphone statt Suchmaschine

Ähnlich erging es Intel. Im Mai 2009 verhängte die EU-Kommission eine Strafe von 1,06 Milliarden Euro gegen den Chipgiganten, weil dieser seine marktbeherrschende Stellung bei Computerprozessoren missbraucht hatte, um Konkurrenten wie AMD kleinzuhalten. Zwar dominieren Intels Prozessoren weiter den Markt für PCs und Server. Doch bei Mobilprozessoren hat Intel nie richtig Fuß fassen können. Der Wachstumsmarkt wurde von Qualcomm, ARM und Samsung aufgerollt.

Ein ähnliche Schlappe droht nun Google. Auf den ersten Blick steht der Konzern blendend da. Seine Suchmaschine vereint in Europa 96,6 Prozent der Suchanfragen auf sich, in Nordamerika laut Marktforscher Comscore rund 67 Prozent. Trotzdem sinken seit drei Jahren die Preise, die Google für die neben den Suchresultaten platzierten Anzeigen verlangen kann. Denn viele Internet-Nutzer sind auf Smartphones und Tablets umgestiegen.

Die Marktanteile der Smartphone-Betriebssysteme

  • Android

    2005 kaufte Google Andy Rubins Start-Up Android für 50 Millionen Dollar. Was damals innerhalb der Branche nur auf Unverständnis stieß – wofür brauchte ein Suchmaschinenbetreiber einen Handy-Software-Entwickler? – zahlte sich zwei Jahre später aus, als Apple das iPhone auf den Markt brachte. Google konnte schnell mit einem eigenen Betriebssystem für Smartphones nachziehen – das mittlerweile das verbreitetste der Welt ist. Lag der Marktanteil weltweit im April 2014 noch bei knapp 50 Prozent, ist er mittlerweile auf 63 Prozent gestiegen.

    Besonders verbreitet ist Android in China (73 Prozent) und in Deutschland (69 Prozent). Was Android so attraktiv macht: Google vergibt die Lizenzen für das Betriebssystem gratis. So sparen Hersteller wie Samsung das Geld ein, was Apple benötigt, um ein eigenes Betriebssystem zu entwickeln. Dementsprechend günstiger können sie ihre Smartphones anbieten. Googles Vorteil dabei: Das Unternehmen bekommt Zugang  zu den Daten der Android-Nutzer.

    Ein Dorn im Auge von Google: Im Heimatland, den USA, hat Android nur 47 Prozent des mobilen Markts inne – und damit nicht die Marktführerschaft inne.

    Quelle: statcounter

  • iOS

    iOS ist das Apple-Betriebssystem. Im Gegensatz zur Konkurrenz, die ihre mobilen Betriebssysteme auch für andere Hersteller lizensieren, ist iOS den Apple-Geräten vorenthalten.

    Die erste Version (damals noch iPhone OS) wurde im Juni 2007 mit dem ersten iPhone gelauncht. Aufgrund des hohen Preises der iPhones ist die Verbreitung im Gegensatz zu Android relativ gering: Im April 2014 hatte iOS noch einen Marktanteil von 23 Prozent weltweit – im April 2015 waren es nur noch 21 Prozent.

    In Ländern wie Deutschland (28 Prozent) und China (25 Prozent) ist iOS im Vergleich zu Android chancenlos. In den USA ist iOS dafür das am weitesten verbreitete Betriebssystem mit einem Marktanteil von 50 Prozent.

  • Windows Phone

    Seit Anfang 2011 ist Windows Phone das bevorzugte Betriebssystem auf Nokia Smartphones. Es gibt auch einige wenige Samsung- und HTC-Modelle, die mit dem Microsoft Betriebssystem laufen. Allerdings schaffte Microsoft es nicht, in den vergangenen Jahren nennenswerte Marktanteile zu erlangen. Weltweit sanken die Anteile von 2,4 Prozent im April 2014 auf 2,35 Prozent im April 2015. In Deutschland liegt der Marktanteil bei 2,5 Prozent, in den USA bei 1,79 Prozent und in China bei mageren 0,64 Prozent.

    Der Hauptgrund, warum sich das Windows-Betriebssystem nicht durchsetzt: Aufgrund der geringen Marktanteile ist es für App-Entwickler wenig attraktiv, Apps für Windows Phone zu entwickeln. Aufgrund der geringen Anzahl an Apps haben wiederum weniger Kunden Interesse an Smartphones mit dem Betriebssystem.

Bei denen spielt die Suche keine so große Rolle mehr, die gewünschten Informationen werden in Form von Apps präsentiert. Online-Händler Amazon etwa ist so nicht mehr auf Google angewiesen, um auf sich aufmerksam zu machen, sondern kann Nutzer über eigene Apps und Online-Dienstleistungen adressieren.

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2 Kommentare zu Googles Probleme: Das Wettbewerbsverfahren ist der Anfang vom Abstieg

  • Nun,,Google wird sich sortieren, in Amerika ist die Google-Lobby die Größte und konnte sich bisher durchsetzen.
    In Europa wird auch diesbezüglich aufgerüstet, auf dem Programm stehen wie üblich Beraterverträge für Schwergewichte europäischer Politik, das sind viele offen dafür und Parteispenden etc.
    Dann geht es in den Bereich der Medienbeeinflussung und auch Jounrnalisten, sagen nicht immer nein, wenn es sich lohnt.
    Bei Microsoft hatte mich gewundert, dass die sich nicht auf ähnliche Weise herausgewunden haben, aber Steve Ballmer war halt auch nicht der Geschickteste für dergleichen.
    Das witzige ist, dass der Einkäufer einer Firma schon angeklagt werden kann, wenn er sich einen teuren Whisky schenken läßt, doch es geht auch eleganter, da ist legalisierte Korruption, sprich Beraterverträge, ein gerne gesehenes Mittel.
    Zuletzt wurde mit dieser Artellerie, nebst Parteispenden, das Ampelsystem für Lebensmittel verhindert, dass in Ländern, womes eingeführt wurde eine sehr positive Wirkung hatte, schließlich sind die wenigsten Verbraucher Lebensmittelchemiker.
    Ich glaube, im Falle Google versus Verstager wird sich Letztere wohl einfangen lassen, denn es werden ihr auch eigene Parteigenossen in den Rücken fallen und Juncker muß ohnehin nach der Pfeife der internationalen Finanindustrie tamzen, seither man ihn mit dem Juncker-Luxenburg-Skandel fast vom Sessel gepustet hat, also wirde von dort auch keine Hilfe kommen.

  • APPs sind ein moderner Mythos. Ich betreibe ein Portal mit 500.000 Besuchern im Monat. Fast 70 % unserer User kommen via Smartfon und zwar fast alle über Google oder Bing. Die Wettbewerber die auf APPs setzten sind bedeutungslos.

    Diese Aussage ist Unsinn:
    "Bei denen spielt die Suche keine so große Rolle mehr, die gewünschten Informationen werden in Form von Apps präsentiert."

    Eine APP ist in Wirklichkeit eine Marktzugangsbarriere die die Webdienst Anbieter selber aufbauen. Steve Jobs hat das APP Meme nachweislich in umlaufgebracht, weil er vor zwei Problemen stand.

    1. Die Sicherheit von iOS war nur sicherzustellen wenn die zu installierende Software vorher geprüft wird.
    2. Partizipierung an Softwareumsätzen der Entwickler.

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