Gottschalks letztes „Wetten dass“: Ein Brief an Thomas

Gottschalks letztes „Wetten dass“: Ein Brief an Thomas

, aktualisiert 04. Dezember 2011, 15:53 Uhr
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Die letzte Show: Thomas Gottschalk moderiert nicht mehr "Wetten dass".

von Oliver StockQuelle:Handelsblatt Online

Fernsehen funktioniert, wenn es echte Fernsehmacher machen. Einer von ihnen hat gestern seine beste Bühne verlassen. Handelsblatt Online schickt ihm zum Abschied einen Brief.

Lieber Thomas,

ich darf Du sagen. Herr Gottschalk klänge ja wirklich zu doof. Also Thomas, ich finde es schade, dass Du „Wetten dass“ verlässt. Ich hab zwar nur manchmal zugeschaut, aber ich habe Dich stets gegen Spott der Nachbarn verteidigt. Deine Quote war mir doch egal. Warum?

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Vielleicht soll ich sagen, dass ich mit Peter Alexander und Peter Frankenfeld aufgewachsen bin. Damals bei meinen Großeltern, die lange die einzigen in der Familie waren, die einen Fernseher hatten. Die Shows waren vor allem zu einem gut: zum lange aufbleiben. Außerdem wurden sie nicht vom wöchentlichen Fernsehguckbudget abgezogen, das bei zwei Stunden lag und zum Beispiel von „Paulchen Panther“ stark angeknabbert wurde. Deswegen habe ich sie geliebt, diese Shows. Ansonsten fand ich sie ein bisschen langweilig, vor allem das Fernsehballett. Aber egal. Später kam dann noch „Der große Preis“ und „Dalli Dalli“, aber das hat nicht an Peter die Großen herangereicht. Die haben niemals so lange überzogen und erinnerten Großmutter auch nicht an ihre Wiener Jugend.

Jahre danach, die Zeit von erstem, zweitem und drittem Programm und von verschneiter „Zone“ war längst Geschichte - da war Fernsehen echt uncool. Die Devise von „Fernsehen verblödet“ wirkte nach. Ich ging außerdem eher zwischenmenschlichen Angelegenheiten nach, die volle Konzentration erforderten. Dabei die Flimmerkiste laufen zu lassen, wäre das Eingeständnis des Scheiterns gewesen. In der Studentenbude gab’s keine Glotze, das gehörte zum intellektuellen Ton. Dass ich unter anderem deswegen ein bisschen öfter bei den Eltern meiner Freundin übernachtete, die einen ganz großen Fernseher hatten: geschenkt.

Und dann hast Du vor 23 Jahren dieses „Wetten dass“ übernommen. Das ist genau mein halbes Leben her. War möglicherweise eine ganz lustige Show damals, aber mit Moderatoren, die alles lustig fanden, nur sich selber nicht. Zusammengenommen mit jenen Moderatoren von privaten Kanälen, die sich vor allem über ihre Kandidaten lustig machten, hatte mich das dazu gebracht, nur dann den ererbten Fernseher einzuschalten, wenn es einen Spielfilm gab. Zappen ging nicht, die Fernbedienung war nicht mitvererbt.

Es hieß: Die großen Showformate haben sich überlebt. Es hieß auch: Fernsehen, so wie wir es kennen, mit Programmzeitschrift und Samstagabendshow hat sich überlebt. Und natürlich stand auch bei mir, der ich den Videoapparat übersprungen habe, irgendwann ein geschenkter DVD-Player herum. Er ist noch heute fast so jungfräulich wie am ersten Tag. Ich habe daraus gelernt, dass fürs Fernsehen das gleiche gilt, wie für alles Schönere im Leben: Wenn es einfach abrufbar ist, wird es fad. Ich zweifele deswegen am gnadenlosen Erfolg von TV on demand.

Und wenn das eine nicht stimmt, stimmt das andere vielleicht auch nicht: Ich zweifele auch daran, dass die große Show ausstirbt. Du, Thomas, Du hast bewiesen, dass auch die noch funktioniert, wenn sie den richtigen Entertainer findet. Wenn der ins Wohnzimmer passt, dann ist es egal, ob die Stars früher gehen müssen, weil sie grundsätzlich die Abendmaschine – wohin eigentlich? – erwischen müssen. Dann ist es auch egal, ob die 18. Baggerwette oder die 178. Ich-rate-mit-verbundenen-Augen-was-meine-Katze-vorgestern-gegessen-hat-Wette präsentiert wird.

Irgendwann, Thomas, warst Du - ganz ehrlich – nämlich auch nur noch einer von vielen Entertainern in meinem Wohnzimmer. Das war zu der Zeit, als Du die Wette mit den Eltern präsentiertest, die nur am Geräusch erkennen konnten, was für ein Spielzeug ihr Sprössling gerade aus dem Bett geworfen hat. Inzwischen lümmeln auf meinem Sofa ein paar mehr herum. Es sind solche darunter, die Filme aus dem Internet herunterladen und die dem Großvater eine Mail schicken, von der er nicht weiß, wie er sie aufkriegt. Dich haben sie gemocht. Vor allem für jede Minute, die Du überzogen hast. Sie konnten dann länger aufbleiben. Wetten, dass wir Dich vermissen?

Herzlichst

Oliver Stock, Chefredakteur Handelblatt Online

Quelle:  Handelsblatt Online
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