Hackathon der Verlagsgruppe Handelsblatt: Piraten für die digitale Zukunft

Hackathon der Verlagsgruppe Handelsblatt: Piraten für die digitale Zukunft

, aktualisiert 12. Juni 2016, 15:29 Uhr
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Der Hauptpreis ging an die Entwickler von „Unaite“, einem Chatbot für Nachrichtenseiten. Von links: Fritz Lasnia, Michael Markowski, Kerstin Dämon, Delf Danckwerts und Stephan Happel.

von Lars Ophüls und Martin DowideitQuelle:Handelsblatt Online

Beim ersten Hackathon von Handelsblatt und Wirtschaftswoche wurden unter dem Motto „Mission: Economy“ 48 Stunden lang neue mediale Ideen entwickelt. Heraus kamen ein Chatbot, Comic-Nachrichten und viel mehr.

DüsseldorfAnar Huseynov wollte schon immer Computerspiele entwickeln. Doch mit seinen Ersparnissen von weniger als zehntausend Euro war ihm der Einstieg ins Digitalgeschäft zunächst zu gewagt. Also startete der heute 27-Jährige vor zwei Jahren als Franchisenehmer einer Gebäudereinigungskette in Düsseldorf. Und mit den Einnahmen verwirklichte er seine Idee. Ein erstes Handyspiel hat der Aserbaidschaner mit seinem pakistanischen Geschäftspartner Majid Mahmood auf den Markt gebracht, 2.000 Downloads sind völlig ohne Marketing bereits zusammengekommen.

Zweieinhalb Tage lang saßen die beiden nun beieinander und brüteten über einer neuen Idee: Nachrichten in der virtuellen Realität. Wäre es nicht super, für diese neue, emotionale Form von Videos eine Plattform zu schaffen, auf der sie von verschiedenen Anbietern zusammengetragen werden? 48 Stunden arbeiteten die beiden beim ersten Hackathon von Handelsblatt und „Wirtschaftswoche“ an ihrem Projekt. Verstärkt wurden sie durch den Düsseldorfer Studenten Paul Tschischik. „Ich kann mir vorstellen, Gründer zu sein, und suche hier Inspiration und Kontakte“, sagte der 22-Jährige.

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Unter dem Motto „Mission: Economy“ tüftelten rund 80 Journalisten, Gründer, Konzepter, Animationsexperten, Filmemacher, Entwickler und Designer gleichzeitig an einem Dutzend weiterer Ideen. Diese sollten während dieses kreativen Workshops möglichst zum Prototyp-Stadium entwickelt werden. Das Ziel: Gemeinsam und doch unabhängig neue digitale Ideen umzusetzen – und im Idealfall ein Preisgeld für die gelungene Umsetzung abzustauben. Auch SAP, Sixt oder der NDR haben das Format bereits ausprobiert.

Gleich zu Beginn schwor Dirk Herzbach, Chef der Start-up-Beratung Next Media Accelerator, auf 48 Stunden intensive Arbeit ein. „Ich möchte, dass ihr euch ein bisschen wie Piraten fühlt und auf Angriff schaltet“, verkündete er mit dem Säbel in der Hand. In einminütigen Vorträgen mussten die Ideengeber um Mitstreiter werben. Nur die Projekte, für die sich jemand begeisterte, wurden angegangen.

Vorrangiges Ziel eines Hackathons sei nicht, perfekte und sofort einsetzbare Produkte entstehen zu lassen, erklärte Léa Steinacker, Digital Scout der „Wirtschaftswoche“. „Es geht um Networking und Ideengeneration, um den Austausch von Gedanken, aber auch von Arbeitsweisen.“ Die Veranstaltung habe nicht ohne Grund im Foyer des Verlagsgebäudes stattgefunden; möglichst viele sollen von der offenen und kreativen Atmosphäre angesteckt werden. „Es ist ein Experiment, auf das wir uns freudig und neugierig eingelassen haben“, sagte Steinacker.

„In kurzer Zeit eine Idee durchzudeklinieren und vielleicht auch zu verwerfen, das ist ein tolles Verfahren“, ergänzte Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart. „Vieles, was wir nicht prämiert haben, kreist als Idee weiter in den Köpfen hier im Verlagshaus.“

Kapuzenpullis, dicht beklebte Laptops und Kabelsalat ließen tatsächlich einen Hauch von Freibeutertum durch das Verlagsgebäude wehen. Doch trotzdem ging es oft erstaunlich leise zu, zwischen Getränkeflaschen und bunten Klebezeichen wurde konzentriert und emsig gewerkelt. „Wir haben bis zwei Uhr in der Nacht gearbeitet – wir waren so euphorisch“, sagte die Designerin Mela Chu. Einige verbrachten sogar die Nächte auf zusammengeschobenen Stühlen. „Bitte nicht vor 9 Uhr stören“, hieß es auf einem Zettel an der Tür. Immer wieder wurde in den Gruppen leise und ernsthaft diskutiert, über die Bildschirme flitzten Codezeilen.

Beim Hackathon geht es aber auch darum, die Ideen schon zu einem frühen Zeitpunkt darauf abzuklopfen, ob sie Chancen bei der Zielgruppe haben. „Das ist oft die Achillesferse für Start-ups“, sagte Dirk Herzbach. „Wenn man eine Idee hat, wie sich ein Problem lösen lässt, sollte man sich zunächst fragen: Haben auch andere Leute das Problem?“ Er hielt während der gesamten zweieinhalb Veranstaltungstage Kontakt zu den Gruppen und gab Ratschläge, wie sich die Vermarktbarkeit testen lässt. „Nicht jeder Kunde ist überall“, bemerkte Dirk Herzbach. So schickte er einige Hackathon-Gruppen zu Umfragen auf die Straße. Doch das sei dann kein probates Mittel, wenn sich das Produkt beispielsweise an Unternehmenskunden richte.


„Eine Achterbahnfahrt der Emotionen“

Für Michael Peters, Mitglied der Geschäftsführung bei 3M Deutschland, ist ein Hackathon eine Chance, neue Ideen zu finden. Der Industriekonzern, der vor allem für seine Post-it-Klebezettel einer breiten Öffentlichkeit bekannt ist, habe ein Ziel: 40 Prozent des Umsatzes mit Produkten zu machen, die nicht mehr als fünf Jahre alt seien. Die Vermarktung von Industrieprodukten über digitale Kanäle sei eine große Herausforderung, für die es neuer Ideen bedürfe. „Wir erlauben unseren Forschern, 15 Prozent ihrer Arbeitszeit für Projekte einzusetzen, die sie gerne betreiben möchten, von denen wir aber nicht von Anfang an überzeugt sind“, sagte Peters. Veranstaltungen wie den Hackathon zu unterstützen ist ein weiterer Baustein.

Ein Designer aus seinem Unternehmen, Deniz Schöne, hatte sich an den beiden Tagen einem eigenen Projekt verschrieben: eine Plattform zu schaffen, auf der in kürzester Zeit Umfragen im Freundeskreis oder auch öffentlich erstellt werden können. „So können dann schnell Stimmungsbilder zu allen Themen von Mode über Handys bis zu Musik erfasst und geteilt werden“, erklärt der 29-Jährige.

Zum Abschluss müssen alle Teams ihre Ideen einer Jury präsentieren – in drei Minuten. Dabei geht es darum, zu proben, wie sich potenzielle Investoren überzeugen lassen. Wie wecke ich die Neugier eines Geldgebers? Stimmt die Story, die ich in meiner Präsentation erzähle? Welche Informationen müssen vermittelt werden, was kann außen vor bleiben? Alle diese Fragen werden in Trainingssitzungen vor der Präsentation gemeinsam mit Experten gestellt, jede Folie wird abgeklopft. Manche haben bereits eine eigene Website erstellt, ein Team läuft sogar mit spontan gedruckten T-Shirts auf.

Dann geht es los. Drei Minuten haben die Teilnehmer für ihre Argumente, danach hakt die Jury kritisch nach. Ein echter Härtetest für die Teams. Nicht jeder schafft es innerhalb der vorgegebenen Zeit.

Gleich zwei Auszeichnungen, darunter den Hauptpreis, räumte das Team „Unaite“ ab. Sie erdachten einen Chatbot für Nachrichtenwebseiten, der Leserfragen mit Hilfe künstlicher Intelligenz beantwortet – und bastelten auch noch ein Maskottchen aus Pappe. Je drei Journalisten und Entwickler gingen die Idee aus unterschiedlichen Perspektiven an. In dieser Mischung lag aus Sicht von Teammitglied Michael Markowski aus Hamburg auch das Erfolgsrezept: „Alle waren im Flugmodus, jeder hatte seinen Platz.“ Wenn der Chatbot bei einer Anfrage nicht weiterweiß, wendet er sich an die Journalisten und schafft so einen Dialog. „Der Leser will keinen Frontalunterricht mehr. Diese Idee gibt ihm mehr Power und mehr Mitspracherechte“, lobte Juror Gabor Steingart. Denn „Unaite“ verrät der Redaktion auch, welche Fragen ihre Leser besonders umtreiben. Das Konzept wird nun weiterentwickelt und soll auf den Webseiten von Handelsblatt und „Wirtschaftswoche“ zum Einsatz kommen.

Ebenfalls verwirklicht werden soll die Idee von „Comic News“, für die sich die Aachener Studenten Julian Vossen und Alexander Jendrosch mit der Kölner Designerin Mela Chu zusammengetan haben. Ihr Programm verwandelt Nachrichtenmeldungen in bunte Animationen, die besonders ein junges Publikum für journalistische Angebote begeistern soll. „Wir haben es geschafft, eine sehr grobe Idee so weit zu entwickeln, dass sie nah an einer funktionierenden Version ist“, sagte Jendrosch. Ausgezeichnet wurden sie mit dem Virtual-Reality-Preis, gestiftet vom Google News Lab. „Es war eine Achterbahnfahrt der Emotionen“, berichtete Vossen.

Die Spieleentwickler Anar Huseynov und Majid Mahmood, die sich an der Hochschule Bremen kennen gelernt haben, konnten sich mit ihrer Idee einer Nachrichtenplattform für virtuelle Realität nicht durchsetzen. Doch auch für sie war das Event ein Experiment auf einem neuen Feld. Denn sie wissen, eine kontinuierliche Aktualisierung ihrer Produkte mit frischen Ideen ist extrem wichtig. Die neue Version ihres Handy‧spiels steht bereits in den Startlöchern. „Viel besser als die erste“, meinte Mahmood. 

Quelle:  Handelsblatt Online
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