Hannover Messe: Im Zeichen des Löwen

Hannover Messe: Im Zeichen des Löwen

von Sebastian Schaal

Mit einem Festakt am Sonntagabend hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die diesjährige Hannover Messe eröffnet. Im Mittelpunkt stand allerdings ihr Gast, Indiens Premier Narendra Modi – und ein virtueller Löwe.

Selbstbewusst ist er, der Löwe Indiens. Macht und Mut, Stolz und Vertrauen soll der König der Tiere vermitteln. Mit diesen Werten steht das fast schon vergessene Wappentier auch für einen Subkontinent im Aufbruch. So sieht es zumindest Narendra Modi, Premierminister des Partnerlandes der diesjährigen Hannover Messe. „Wir durften unsere Löwen in der Stadt loslassen“, sagte Modi in seiner Rede bei der Eröffnungszeremonie. „Der Löwe ist ein Symbol für das neue Indien.“

 

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In der Tat kann sich kaum einer der riesigen Löwen entziehen, wer dieser Tage durch Hannover fährt. Ob auf nicht zu übersehenden Plakaten oder mit einer Statue mitten auf dem Messegelände: Indiens Löwen sind nicht zu übersehen. Meist versehen mit dem Slogan „Make in India“, der großen Industrie-Kampagne Modis, für die er auch auf der Hannover Messe werben will. Mit einem Löwen hatten bei der Eröffnungsfeier allerdings die wenigsten gerechnet: In bester Hollywood-Manier spazierte zum Ende der Rede Modis ein lebensgroßer Löwe über das Parkett, direkt an Kanzlerin Merkel und Niedersachsens Ministerpräsidenten Stephan Weil vorbei. Allerdings nur auf dem Kamerabild, reinretuschiert für das Publikum – bei dem er auch seine Wirkung nicht verfehlte.

 

Indien in Zahlen

  • Bruttoinlandsprodukt

    Indien gehört mit einem BIP von 1,877 Milliarden US-Dollar neben Russland und China zu den drei größten und am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften. Das Pro-Kopf-Einkommen lag 2013/2014 laut Auswärtigem Amt bei 1.229 US-Dollar.

  • Wirtschaftswachstum

    Die Wirtschaft ist weitgehend liberalisiert und das Wachstum seit Jahren auf recht hohem Niveau. 2014 waren es 6,8 Prozent. Der Export stieg im Jahr 2012 um 20 Prozent.

  • Handelsvolumen mit Deutschland

    Die Bundesrepublik ist mit einem Volumen von 16,1 Milliarden Euro der wichtigste Handelspartner Indiens innerhalb der EU. Der deutsche Handelsüberschuss lag 2012/13 bei 3,4 Milliarden Euro. Der Warenwert der Exporte nach Deutschland lag bei gut 9 Milliarden.

  • Kredite

    Eine Milliarde Euro Kredit kamen im Jahr 2013 allein aus Deutschland. Vorgesehen sind sie für Investitionen in erneuerbare Energien und andere nachhaltige Projekte der Energieeffizienz.

  • Migration

    Laut Auswärtigem Amt sind ca. 3.000 Deutsche in Indien ansässig, arbeiten in der Wirtschaft, im Bildungswesen, in Kultur und Missionen. Deutlich mehr Inder zieht es nach Deutschland; rund 45.000 leben in der BRD.

  • Einwohner

    1,2 Milliarden Menschen leben in Indien. Die Gesellschaft ist dabei höchst gegensätzlich: fortschrittsorientiert und traditionell, arm und reich.

  • Armut

    820 Millionen Inder leben in Armut. Davon gelten laut Weltbank fast 35 Prozent als absolut arm. Armuts- und Wirtschaftswachstum scheinen in Indien Hand in Hand zu gehen. In keinem anderen Land leben mehr Menschen in absoluter Armut, es sind mehr als in ganz Afrika. Sozialprogramme der Regierung greifen nur bedingt.

  • Landesfläche

    Mit 3.287.000 Quadratkilometern ist Indien flächenmäßig rund neunmal so groß wie Deutschland.

Als Merkel, vom virtuellen Löwen vollkommen unbeeindruckt, das Wort ergriff, verwies sie mit einem Schmunzeln auf die „deutsche Flexibilität“, die diesen Auftritt möglich gemacht habe. Gegen welche Gesetze und Verordnungen ein Tier aus Fleisch und Blut inmitten der versammelten Eliten aus Wirtschaft und Politik verstoßen hätte, zählte die Kanzlerin aber erst gar nicht auf.

Umgehend kam Merkel aber vom Löwen auf die ernsten Themen der Hannover Messe zu sprechen: die vernetzte integrierte Industrie. Was für viele nach Zukunftsmusik klingt, hat das Potenzial unser Verständnis von Industrie – und dem Arbeitsmarkt – grundlegend zu verändern.

 

„Bereits in den Vorjahren fand der Trend zur Vernetzung ganzer Wertschöpfungsketten auf der Hannover Messe großen Anklang“, sagte Merkel. „Wir müssen möglichst schnell auf europäischen Ebene die Standards für diese Vernetzung klären. Dazu müssen wir in Europa einen Zahn zulegen. Denn die Welt wartet nicht auf uns, wir müssen aber vorne mit dabei sein.“

 

Fakten und Hintergründe zu Indien

  • Wachstumstreiber

    Mit einem jährlichen Wirtschaftswachstum von zehn Prozent im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre und aktuell rund fünf Prozent gehört Indien zu den am stärksten wachsenden Volkswirtschaften der Welt.

    Quelle: DIHK

  • Infrastruktur

    Infrastrukturausbau sowie Auf- und Ausbau von industriellen Strukturen sind zwei Bereiche von vielen, die für den gewaltigen Entwicklungsprozess in Indien stehen. Weitere Bereiche: Erneuerbare Energien, Automobil und Zulieferer, Dienstleistungen (Logistik, Finanzen)

  • Deutschland

    Für Deutschland ist Indien das 25. wichtigste Handelspartnerland. Hinsichtlich der im Ausland getätigten deutschen Direktinvestitionen liegt Indien auf dem 10. Platz außerhalb der EU.

  • Ausfuhren

    Der deutschen Ausfuhren nach Indien in Höhe von 8,92 Milliarden Euro (2014) zeugen von der hohen indischen Nachfrage insbesondere nach Investitionsgütern. In erster Linie nach Maschinen (vor allem nicht-elektronische), die etwa ein Drittel der Gesamtexporte nach Indien ausmachen (danach folgen chemische Erzeugnisse und Elektronik). Angesichts der Größe und Dynamik des indischen Marktes ist das Potenzial des deutsch-indischen Handels längst nicht ausgeschöpft.

  • Einfuhren

    Deutsche Hauptimportprodukte aus Indien (3,59 Milliarden Euro in 2014) sind chemische Erzeugnisse, Bekleidung und Maschinen.

  • Unternehmen vor Ort

    Über 1.000 deutsche Firmen sind in Indien registriert, darunter über 40 Prozent in der industriestarken Region Mumbai/Pune. Etwa 20 Prozent der deutschen Unternehmen sind als Joint Ventures mit indischen Partnern organisiert. Zu den größten deutschen Investoren in Indien gehören Siemens, Bharat-Benz, Volkswagen und Allianz.

Beispiele dafür können die Messebesucher ab sofort bis zum 17. April in den Hallen in Hannover-Laatzen besichtigen: Roboter, die ohne Schutzkäfig direkt mit dem Menschen zusammenarbeiten – und so intelligent nach Bedarf eingesetzt werden können, anstatt 1.000 Mal die immer gleiche Bewegung durchzuführen. Produktionsstraßen, die in der Massenproduktion auch individualisierbare Produkte herstellen können, weil sie jederzeit wissen, wo sich welches Produkt gerade befindet. Oder vernetze Maschinen, die vom anderen Ende der Welt überwacht, gewartet und gesteuert werden können.

 

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Dieses Wissen tragen aber nicht nur deutsche Firmen zur Schau. Das Messegelände ist ausverkauft, 6.500 Aussteller präsentieren ihre Entwicklungen. Und zum ersten Mal ist die Mehrheit der Aussteller international, wie Ministerpräsident Weil berichtet. Von diesem Wissen will auch Indien künftig stärker profitieren, um die eigene Industrie auf Vordermann zu bringen. Das ist zumindest der ambitionierte Plan von Premier Modi. Er will sein Land stärker für Direktinvestitionen öffnen, wie es etwa schon in der Versicherungs-, Bau- oder Bahnbranche geschehen ist.

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