Hannover Messe: Indien will Investoren ködern

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Hannover Messe: Indien will Investoren ködern

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Indiens Premierminister Narendra Modi wirbt in Hannover um Investoren.

von Matthias Kamp

Auf der weltgrößten Industrieschau wirbt Indiens Regierungschef Narendra Modi für sein Land als neue Werkbank der Welt. Deutsche Unternehmer sind interessiert – auch, weil das Geschäft in China schwieriger wird.

Egal, wo man hinschaut - fast überall auf dem Messegelände in Hannover blicken den Besucher von Plakatwänden, Pavillons und Stellwänden überdimensionale Löwen an. „Make in India“, steht darunter – der Slogan, mit dem der Subkontinent als Partnerland der Hannover Messe in diesem Jahr für sich als neuen Fertigungsstandort der Welt wirbt.

„Mal sehen, vielleicht kommen wir dann ja bald auf unserem Adler nach Indien eingeschwebt“, scherzt Bundeskanzlerin Angela Merkel, als sie am Montag in Hannover zusammen mit Indiens Premier Narendra Modi den Indisch-Deutschen Wirtschaftsgipfel eröffnet.

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Indien in Zahlen

  • Bruttoinlandsprodukt

    Indien gehört mit einem BIP von 1,877 Milliarden US-Dollar neben Russland und China zu den drei größten und am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften. Das Pro-Kopf-Einkommen lag 2013/2014 laut Auswärtigem Amt bei 1.229 US-Dollar.

  • Wirtschaftswachstum

    Die Wirtschaft ist weitgehend liberalisiert und das Wachstum seit Jahren auf recht hohem Niveau. 2014 waren es 6,8 Prozent. Der Export stieg im Jahr 2012 um 20 Prozent.

  • Handelsvolumen mit Deutschland

    Die Bundesrepublik ist mit einem Volumen von 16,1 Milliarden Euro der wichtigste Handelspartner Indiens innerhalb der EU. Der deutsche Handelsüberschuss lag 2012/13 bei 3,4 Milliarden Euro. Der Warenwert der Exporte nach Deutschland lag bei gut 9 Milliarden.

  • Kredite

    Eine Milliarde Euro Kredit kamen im Jahr 2013 allein aus Deutschland. Vorgesehen sind sie für Investitionen in erneuerbare Energien und andere nachhaltige Projekte der Energieeffizienz.

  • Migration

    Laut Auswärtigem Amt sind ca. 3.000 Deutsche in Indien ansässig, arbeiten in der Wirtschaft, im Bildungswesen, in Kultur und Missionen. Deutlich mehr Inder zieht es nach Deutschland; rund 45.000 leben in der BRD.

  • Einwohner

    1,2 Milliarden Menschen leben in Indien. Die Gesellschaft ist dabei höchst gegensätzlich: fortschrittsorientiert und traditionell, arm und reich.

  • Armut

    820 Millionen Inder leben in Armut. Davon gelten laut Weltbank fast 35 Prozent als absolut arm. Armuts- und Wirtschaftswachstum scheinen in Indien Hand in Hand zu gehen. In keinem anderen Land leben mehr Menschen in absoluter Armut, es sind mehr als in ganz Afrika. Sozialprogramme der Regierung greifen nur bedingt.

  • Landesfläche

    Mit 3.287.000 Quadratkilometern ist Indien flächenmäßig rund neunmal so groß wie Deutschland.

Dem wäre es sicherlich recht, wenn mehr Deutsche in sein Land kämen. Vor allem, wenn sie dort investieren. Vor ziemlich genau einem Jahr wurde der Hindu-Nationalist, der aus dem Bundesstaat Gujarat einen boomenden Wirtschaftsstandort gemacht hat, mit überwältigender Mehrheit an die Macht gewählt. Jetzt will er zeigen, was sein Land deutschen Unternehmen zu bieten hat, wenn es darum geht, China als Werkbank der Welt Konkurrenz zu machen. Im Jahr 2025 soll die industrielle Produktion 25 Prozent zur Wirtschaftsleistung Indiens beitragen, von heute 15 Prozent.

Von den „Winds of Change“ spricht Modi in Hannover, die jetzt angeblich durch Indien wehen. 50 Millionen neue Häuser, verspricht der Inder, werde man bis 2022 bauen. Das Eisenbahnnetz modernisieren, Hochgeschwindigkeitsstrecken und neue Industriekorridore im ganzen Land bauen. Das Problem: Im Ankündigen großer und ehrgeiziger Projekte war Indien schon immer gut. Geht es dann aber an die Umsetzung, wird es oft schwierig.

Boomland Indien Was Mittelständler in Indien beachten müssen

Indien wächst so schnell wie kaum ein anderes Land. Jetzt will die Regierung auch die Industrie auf Trab bringen. Zwischen Hightech und günstiger Massenware bieten sich zahlreiche Chancen für deutsche Mittelständler.

Mittelstand in Indien Quelle: Sebastian Schaal für WirtschaftsWoche

Und doch: Immer mehr deutsche Firmen blicken mit Interesse auf den Subkontinent. Zum einen verliert China, wo die Zeiten des ganz großen Booms endgültig vorbei zu sein scheinen und die politischen Beschränkungen für Unternehmen aus dem Ausland immer komplizierter werden, an Attraktivität. Gerade Mal 1,5 Prozent mehr Pkw als im Vorjahr hat etwa die VW-Tochter Audi im März in China verkauft. Die Zeiten von Zuwächsen von 20 und mehr Prozent sind unwiederbringlich vorbei.

Zum anderen hat Indiens Regierungschef Modi ein starkes Mandat. Anders als viele Vorgängerregierungen muss er nicht in einer Koalition mit vielen Parteien regieren und kann deshalb Veränderungen schneller durchsetzen.

Fakten und Hintergründe zu Indien

  • Wachstumstreiber

    Mit einem jährlichen Wirtschaftswachstum von zehn Prozent im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre und mehr als sieben Prozent im laufenden wie voraussichtlich auch im kommenden Jahr gehört Indien zu den am stärksten wachsenden Volkswirtschaften der Welt.

    Quelle: DIHK

  • Infrastruktur

    Infrastrukturausbau sowie Auf- und Ausbau von industriellen Strukturen sind zwei Bereiche von vielen, die für den gewaltigen Entwicklungsprozess in Indien stehen. Weitere Bereiche: Erneuerbare Energien, Automobil und Zulieferer, Dienstleistungen (Logistik, Finanzen)

  • Deutschland

    Für Deutschland ist Indien das 25. wichtigste Handelspartnerland. Hinsichtlich der im Ausland getätigten deutschen Direktinvestitionen liegt Indien auf dem 10. Platz außerhalb der EU.

  • Ausfuhren

    Der deutschen Ausfuhren nach Indien in Höhe von 8,92 Milliarden Euro (2014) zeugen von der hohen indischen Nachfrage insbesondere nach Investitionsgütern. In erster Linie nach Maschinen (vor allem nicht-elektronische), die etwa ein Drittel der Gesamtexporte nach Indien ausmachen (danach folgen chemische Erzeugnisse und Elektronik). Angesichts der Größe und Dynamik des indischen Marktes ist das Potenzial des deutsch-indischen Handels längst nicht ausgeschöpft.

  • Einfuhren

    Deutsche Hauptimportprodukte aus Indien (3,59 Milliarden Euro in 2014) sind chemische Erzeugnisse, Bekleidung und Maschinen.

  • Unternehmen vor Ort

    Über 1.000 deutsche Firmen sind in Indien registriert, darunter über 40 Prozent in der industriestarken Region Mumbai/Pune. Etwa 20 Prozent der deutschen Unternehmen sind als Joint Ventures mit indischen Partnern organisiert. Zu den größten deutschen Investoren in Indien gehören Siemens, Bharat-Benz, Volkswagen und Allianz.

„Es war ein guter Schachzug der Hannover Messe, Indien in diesem Jahr zum Partnerland zu machen, denn es tut sich was im Land“, sagt Merkel. Rund 1500 deutsche Unternehmen haben Niederlassungen in Indien; in China sind es mehr als 5000. Doch die Deutschen wollen ihre Präsenz in Indien verstärken.

Der Autozulieferer Schaeffler etwa beschäftigt auf dem Subkontinent derzeit 3000 Mitarbeiter, und es sollen in den kommenden Jahren mehr werden. Derzeit bildet der Konzern aus dem fränkischen Herzogenaurach etwa 60 junge Inder nach dem Muster der weltweit bewunderten deutschen dualen Ausbildung aus.

Chinas großes Plus als Werkbank der Welt ist die funktionierende Infrastruktur. Straßen, Häfen, Flughäfen sind auf modernstem Stand, die Stromversorgung ist sicher. Dazu kommt die weit verzweigte Zulieferindustrie in China.

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„Es gibt keinen Grund, warum Indien weniger industrialisiert sein sollte als China“, sagt Siemens-Chef Joe Kaeser in Hannover. Aber die Regierung müsse jetzt schnell den richtigen regulatorischen Rahmen setzen, mahnt er, müsse die Energieversorgung verbessern, die Infrastruktur modernisieren und endlich das Bildungssystem auf Vordermann bringen. Kaeser: „Das Potenzial ist da.“

Jede von Kaesers Forderungen allein ist eine Herkulesaufgabe, und es dürfte eher Jahrzehnte als Jahre dauern, bis das Land hier spürbare Fortschritte erzielt. Schlimmer aber: Über alle Punkte diskutieren die verschiedenen indischen Regierungen seit Jahrzehnten, passiert ist sehr wenig.

Beim mächtigen Nachbarn im Norden gehen die Dinge oft schneller. „In China trifft man eine Entscheidung, und dann wird gesagt, in welche Richtung es geht“, sagt Kaeser. In Indien dagegen werde eine Entscheidung gefällt. Dann aber werde keine Richtung vorgegeben, sondern ein weiteres Meeting einberufen, um den Beschluss zu diskutieren, erzählt der Siemens-Chef. Viel Arbeit für Modi. Doch wenn einer das Ruder herumreißen kann, dann er.

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