Insider: Deutsche Telekom verliert ihren Technologievorstand

Insider: Deutsche Telekom verliert ihren Technologievorstand

, aktualisiert 18. November 2011, 08:46 Uhr
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Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom, Rene Obermann (rechts) mit Edward Kozel (Mitte).

Quelle:Handelsblatt Online

Der einstige Hoffnungsträger Edward Kozel wird die Deutsche Telekom zum Ende des Jahres verlassen. Vorübergehend übernimmt Telekom-Chef Rene Obermann den Aufgabenbereich des Technologie- und Innovationsvorstands.

DüsseldorfIn Bonn herrschte Euphorie, als Edward Kozel im Mai vergangenen Jahres sein Amt als Technologie- und Innovationschef bei der Deutschen Telekom antrat. „Mit ihm haben wir ein Schwergewicht der Branche gewinnen können“, freute sich Konzernchef René Obermann. Der gebürtige Kalifornier Kozel, einst Technikchef beim US-Technologiekonzern Cisco, galt als brillanter Visionär und Macher. Die Hoffnung: Er würde den Geist von Silicon Valley in der eher trägen Telekom-Zentrale heimisch werden lassen.

Daraus wurde nichts. Nach gerade einmal 18 Monaten ist Kozel gescheitert. Wie das Handelsblatt aus Unternehmenskreisen erfuhr, hat Kozel den Aufsichtsrat gebeten, seinen bis 2015 laufenden Vertrag vorzeitig zu beenden. Das Gremium wird am 15. Dezember darüber entscheiden.

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Einen Nachfolger will Obermann vorerst nicht suchen. Der Vorstandsvorsitzende will das wichtige Thema Innovationen künftig selbst in die Hand nehmen. Die Telekom wollte sich auf Anfrage nicht zu den Personalien äußern.

Kozels Abgang trifft Obermann in schwierigen Zeiten. Der geplante Verkauf der amerikanischen Mobilfunktochter T-Mobile USA droht am Widerstand des Washingtoner Justizministeriums zu scheitern. Außerdem verliert der Konzern Kunden im klassischen Festnetz. Auch in den inzwischen gesättigten Mobilfunkmärkten drücken sinkende Preise die Einnahmen der Telekom. Obermann reagiert darauf mit immer neuen Einsparungen und hält so die Gewinneinbußen in Grenzen. Was der Konzern aber eigentlich braucht, ist eine Wachstumsstrategie und zukunftsträchtige Investitionen.

Dafür hatte Obermann Kozel geholt. Der heute 56-Jährige sollte jene Strategien und Produkte entwickeln, auf die der Bonner Konzern so dringend angewiesen ist. Doch Kozel scheiterte an den starren Strukturen und den quälend langsamen Prozessen in dem Großkonzern. Zunächst, so heißt es in Unternehmenskreisen, habe der Kalifornier mit Zynismus auf die hierarchischen Abläufe und die betriebliche Mitbestimmung reagiert. Später dann sei der Zynismus in Resignation umgeschlagen.


Neues Risiko für Obermann

In Vorstand und Aufsichtsrat wuchs der Unmut gegenüber dem Amerikaner. „Kozel hat viele gute Ideen“, heißt es in Konzernkreisen. „Aber er schafft es nicht, sie umzusetzen.“ Seine einzige nennenswerte Innovation sei der Online-Kiosk Page-Place gewesen, in dem die Telekom digitale Zeitungen und Bücher anbietet.

In der vergangenen Woche, bei der Präsentation der Quartalszahlen, deutete Obermann erstmals öffentlich seinen Unmut über den Technologie- und Innovationschef an: „Innovationen und organisches Wachstum sind ein ganz wichtiges Thema für uns in den kommenden Jahren. Da müssen wir mehr Gas geben“, sagte der Konzernchef. Und fügte hinzu: „Ich werde mich persönlich darum kümmern, dass wir die notwendigen Fortschritte machen.“

Dadurch, dass Obermann sich nun selbst um die Innovationen kümmert, senkt er zwar das Risiko einer neuen Fehlbesetzung, zugleich aber erhöht er das Risiko für sich selbst. Scheitert die Telekom auf dem Feld der Innovation, ist auch René Obermann gescheitert.

Der Abgang von Kozel ist ein weiteres Zeichen dafür, wie schwierig es ist, Veränderungen in dem Bonner Großkonzern durchzusetzen. Er hat versucht, amerikanischen Gründer- und Erfinder-Geist in die Flure der Telekom zu tragen – und ist gescheitert.

Dabei flog er mit einigen Bonner Mitarbeitern sogar ins Silicon Valley. Sie sollten sehen, was kleine, junge Unternehmen zu bewegen in der Lage sind – mit wenig Geld und wenig Personal. Kozel wollte, dass die Telekom-Ingenieure nicht mehr alles selbst entwickeln, sondern die Telekom etwa die Hälfte ihrer Technologie-Erfindungen von externen Tüftlern zukauft. Das sollte intern für Wettbewerb um die besten Ideen sorgen und das Potenzial von flinken, externen Kreativen nutzen. Innovationen, an denen der Konzern arbeitet, sind mobiles Bezahlen oder Werbung auf dem Handy. Zudem tauschte Kozel zahlreiche Manager aus.

Geholfen hat all das nichts. „Die Deutsche Telekom ist als Organisation so schwerfällig und komplex, dass Kozel keinen Durchgriff hatte“, sagt ein Insider. Dabei hat der Amerikaner durchaus Erfahrungen mit Großkonzernen. Als Kozel 1989 zum Netzausrüster Cisco kam, bot der nur Router, also Geräte, die Netzwerke miteinander verbinden, an. Zusammen mit Cisco-Vorstandschef John Chambers baute der damalige Technikchef Kozel das Unternehmen zu einem Komplettanbieter um, der sein Geld mit allem verdient, was zur Branche gehört – Netze, Telefone und Videokonferenz-Systeme. Doch verglichen mit dem Tanker Telekom, war Cisco wohl eine Sportyacht.


Kozel will zurück in die USA

Einer, der Kozel nahesteht, sagt, der Manager wolle aus privaten Gründen zurück in die USA. Sein drittes Kind folge nun den anderen beiden zum Studium nach Amerika, weshalb es auch Kozels Frau zurück in die Heimat ziehe. Kozel selbst wolle nicht dauerhaft von seiner Familie getrennt leben und schon zum Jahreswechsel übersiedeln. Der Telekom, so heißt es in Konzernkreisen weiter, wolle er anbieten, vom Silicon Valley aus als Trendscout für erfolgversprechende Start-ups oder neue Geschäftsideen zu dienen. Kozel fordere keine Abfindung von der Telekom.

Aus dem Umfeld von Telekom-Chef Obermann heißt es, er wolle Innovationen nun zur Chefsache machen, um zu verhindern, dass dieser wichtige Bereich in einer Übergangszeit führungslos bleibe. Das Thema dürfe zudem nicht an Bedeutung verlieren – und wenn der Chef sich persönlich darum kümmere, sei das ein wichtiges Signal. Obermann sieht sich dabei keineswegs als Interimslösung. „Er hat Lust darauf und ist fasziniert von der Bewegung im Markt“, sagt ein Vertrauter.

Es gibt jedoch auch Stimmen, die bezweifeln, dass der 48-Jährige für den Job der Richtige ist. Viele kritisieren, ihm fehle langfristiges strategisches Denken und eine Vision, wo die Telekom in zehn Jahren stehen soll. „Er reagiert immer, statt eine klare Richtung vorzugeben“, sagt ein Insider. Seine Kostensenkungsprogramme seien zwar erfolgreich, aber es fehlten eine klare Linie und eine Neuausrichtung auf das digitale Zeitalter.

Die Telekom steckt mit ihrem Versprechen von hohen Dividenden bei gleichzeitig schrumpfenden Umsätzen in einem engen Korsett. Sie ist damit in der Wahrnehmung der Anleger zu einem klassischen Versorger geworden, der zwar keine Fantasie, dafür aber hohe Dividenden bietet. Der Aktienkurs kommt deshalb nicht vom Fleck.

Der Telekommarkt befindet sich derzeit im Umbruch. Das Handy wird mit Hilfe von Miniprogrammen, den Apps, zum Alleskönner. Internetanbieter wie Facebook, Google und Amazon verändern unseren Alltag. Die Telekom stellt zwar dafür die Netze bereit, profitiert aber ansonsten nicht von den neuen Umsätzen. Zeit immerhin könnte Obermann womöglich bald für seinen neuen Job als Innovationschef haben: Wenn das Gericht in den USA den Verkauf der US-Tochter an AT&T doch genehmigt, wäre der Telekom-Chef dieses Problem los. Denn den wichtigen US-Markt hatte er ebenfalls zur Chefsache gemacht. Das Ergebnis ist bekannt – die Telekom gibt in den USA auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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