Jahrelanger Konflikt: Suhrkamp Verlag flüchtet in Sonder-Insolvenzverfahren

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Jahrelanger Konflikt: Suhrkamp Verlag flüchtet in Sonder-Insolvenzverfahren

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Zwischen Verlegerwitwe und Mitgesellschafter besteht seit Jahren ein Konflikt.

Der Suhrkamp Verlag zieht die Reißleine und will mit einem Schutzschirm überleben: Ein Gerichtsbeschluss soll die Zukunft des Unternehmens sichern, weil sich die Anteilseigner nicht einigen können.

Der Suhrkamp Verlag will sein Überleben mit einem sogenannten Schutzschirmverfahren sichern. Die Geschäftsführung des Verlages hat am Montag beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg einen entsprechenden Antrag nach dem „Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen“ eingereicht, das seit März 2012 gilt. Seither hat sich die Sanierung in Eigenregie zum beliebten Instrument im Pleitefall entwickelt.

Was ändert sich am Insolvenzrecht?

  • Was ändert sich für Gläubiger?

    Die Gläubiger sollen mehr Rechte bekommen und so beispielsweise Einfluss auf die Auswahl des Insolvenzverwalters bekommen. Auch bei der Anordnung der Eigenverantwortung soll ein Gläubigerausschuss mitbestimmen können. Die Meinung des Gläubigerausschusses soll unter gewissen Umständen für den Richter bindend sein.

  • Was ändert sich für Schuldner?

    Nach neuem Recht hat ein Schuldner eine dreimonatige Schonfrist, bevor der Kuckuck anklopft. Sobald die Zahlungsunfähigkeit am Horizont auftaucht, kann der Schuldner unter Aufsicht eines vorläufigen Sachverwalters in Eigenverwaltung einen Sanierungsplan ausarbeiten. Anschließend kann der Plan als Insolvenzplan umgesetzt werden. In dieser Zeit ist der Schuldner vor seinen Gläubigern geschützt, Gerichte sollen eventuelle Zwangsvollstreckungen vorläufig einstellen können. So soll der Schuldner die Chance bekommen, sein Unternehmen zu sanieren, ohne dass ihm schon die Maschinen aus der Fabrik getragen werden.

  • Wer ist zuständig?

    Dank der Gesetzesreform soll sich künftig nur noch ein Insolvenzgericht pro Landgerichtsbezirk mit den Unternehmens- und Verbraucherinsolvenzen beschäftigen.

  • Wer kümmert sich ums Geld?

    Damit auch bei Insolvenz Finanztransaktionen ordentlich zu Ende gebracht werden, soll die Rolle von Clearinggesellschaften gestärkt werden. Solche Clearinghäuser sind dafür zuständig, im Finanzsektor gegenseitige Forderungen und Verbindlichkeiten festzustellen und Wertpapiertransaktionen zu verbuchen. Ihnen kommt eine Art Treuhänderfunktion zu.

  • Wo erfahre ich, wer insolvent ist?

    Die Insolvenzstatistiker sollen mehr Rechte bekommen: Künftig stehen der Ausgang von Insolvenzverfahren sowie belastbare Angaben über die finanziellen Ergebnisse in der Statistik. Dazu gehören zum Beispiel die Zahl der erhaltenen Arbeitsplätze und die Höhe der Gelder, die die Gläubiger bekamen.

Suhrkamp will mit dem Verfahren verhindern, dass sein Gewinn an die Anteilseigner ausgeschüttet wird. Nur so sei der Bestand des Hauses zu sichern. Das Gericht habe dem Antrag bereits stattgegeben, sagte Suhrkamp-Sprecherin Tanja Postpischil.
Um den Verlag tobt seit Jahren ein erbitterter Machtkampf zwischen den Gesellschaftern. Die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz hält 61 Prozent der Anteile, der Medienunternehmer Hans Barlach den Rest.
Barlach äußerte sich am Montag „entsetzt“ über die Leichtigkeit, mit der Unseld und Geschäftsführer Jonathan Landgrebe den „im Kern gesunden Verlag aufs Spiel setzen“. Als Mehrheitsgesellschafterin habe die von Unseld-Berkéwicz geleitete Familienstiftung mit ihrer Forderung auf Ausschüttung ihrer Gewinnanteile die Insolvenzsituation herbeigeführt.

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Gesellschafterstreit Suhrkamp Verlag droht die Auflösung

Ein Streit der Gesellschafter bedroht den Suhrkamp Verlag.

Eine Suhrkamp-Filiale im Berliner Stadtteil Mitte. Quelle: dpa

Suhrkamp betonte in einer Mitteilung, der Schritt sei die Konsequenz aus dem Urteil des Landgerichts Frankfurt vom 20. März. Danach müssten Forderungen der Gesellschafter an den Verlag in Höhe von rund 8,2 Millionen Euro in den Bilanzen berücksichtigt werden. Die Gesellschafter hätten sich nicht über die Ausschüttung der Gewinne einigen können. Das Frankfurter Gericht hatte entschieden, dass Suhrkamp knapp 2,2 Millionen Euro aus dem Bilanzgewinn des Jahres 2010 an seinen Minderheitsgesellschafter Barlach zahlen muss.

Der Suhrkamp-Verlag auf einen Blick

  • Peter Suhrkamp

    1950 gründete Peter Suhrkamp den gleichnamigen Verlag. Er hat mit seinen regenbogenfarbigen Bänden jahrzehntelang das intellektuelle Klima in Deutschland geprägt. Große Autoren wie Bertolt Brecht, Hermann Hesse, Martin Walser fanden dort ihre geistige Heimat. Heute gehören Namen wie Durs Grünbein, Sybille Lewitscharoff und Uwe Tellkamp zum Programm.

  • "Verlegen Autoren, nicht Bücher"

    Nach dem Tod des Verlagsgründers übernahm 1959 der frühere Lektor Siegfried Unseld das Haus und führte über Jahrzehnte die vielgerühmte „Suhrkamp-Kultur“ weiter. „Wir verlegen keine Bücher, sondern Autoren“, lautet der Leitsatz. Verlegerwitwe Ulla Unseld-Berkéwicz, seit 2003 an der Geschäftsspitze, hält an einem exquisiten Programm fest. Der Verlag zog auf Betreiben der Verlegerin Anfang 2010 von seinem Stammsitz in Frankfurt nach Berlin.

  • Portfolio und Töchter

    Mehr als 10 000 Titel hat das Haus in seinen verschiedenen Reihen herausgebracht. Zur Verlagsgruppe gehören neben dem Flaggschiff Suhrkamp auch der Inselverlag, der Deutsche Klassiker Verlag, der Jüdische Verlag und der von Berkéwicz neu gegründete Verlag der Weltreligionen.

Dank dem jetzt beantragten Verfahren müsse der Gewinn nicht ausgeschüttet werden, der Verlag werde so in seiner Existenz geschützt, erklärte Suhrkamp. Das Schutzschirmverfahren sei kein klassisches Insolvenzverfahren. Damit bleibe der Verlag uneingeschränkt handlungs- und zahlungsfähig. Mitarbeiterverträge seien von der Antragstellung nicht betroffen, Autorenverträge blieben bestehen, erklärte Suhrkamp.

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Für den Erhalt des Verlags wichtige Entscheidungen werden nun nicht mehr von den zerstrittenen Gesellschaftern getroffen, sondern von dem vom Gericht bestellten Sachwalter Rolf Rattunde von der auf Insolvenzen spezialisierten Kanzlei Leonhardt Rechtsanwälte (Berlin).

„Die Geschäftsführung des Verlags ist der Überzeugung, dass innerhalb dieses Verfahrens ein stabiler finanzieller und rechtlicher Rahmen für die Fortführung des Verlags gefunden werden kann“, heißt es in der Suhrkamp-Erklärung. „Sie geht davon aus, dass das Verfahren innerhalb weniger Monaten erfolgreich abgeschlossen sein wird.“

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