Konzern überwacht Telefonverkehr: Vieltelefonierer sind Telekom zu teuer

Konzern überwacht Telefonverkehr: Vieltelefonierer sind Telekom zu teuer

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Die Rechenzentren der Telekom sind immer auch Einfallstore für Hacker und Betrüger

von Jürgen Berke

Der Konzern überwacht den Telefonverkehr, um Flatrate-Betrügern auf die Spur zu kommen, und spart so viele Millionen. Doch das System könnte auch Vieltelefonierer treffen, weil sie für den Konzern zu teuer sind.

Tamina Paradse (Name von der Redaktion geändert) fühlte sich so richtig wohl im Flatrate-Paradies der Deutschen Telekom. Unbegrenzt mit Verwandten in Georgien telefonieren, die Angebote konnte sie nicht ausschlagen. Die Telekom-Kundin hatte 2008 die Country Flat 1 zum Fixpreis von 3,95 Euro pro Monat für Gespräche in europäische Nachbarländer gebucht sowie die Country Flat 2 für 14,95 Euro für alle Gespräche nach Russland und andere Länder Südosteuropas.

Paradses Flatrate-Euphorie fand ein jähes Ende im Oktober 2012: Da stellte die Telekom fest, dass das Auslandsgesprächsaufkommen der Kundin sprunghaft angestiegen war. Sie diagnostizierte eine in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) untersagte gewerbliche Nutzung und kündigte die beiden Pauschalen kurzfristig. Der Gebührenzähler tickte bei jedem Auslandsgespräch wieder im Minutentakt, die nächste Rechnung betrug 1070,66 Euro. Seitdem klagt Paradse gegen die ihrer Meinung nach widerrechtliche Kündigung der Flatrate-Tarife.

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Bilanz der Deutschen Telekom beim Aufsüren von Telefonmissbrauch in den ersten drei Quartalen 2012 Quelle: Deutsche Telekom

Bilanz der Deutschen Telekom beim Aufsüren von Telefonmissbrauch in den ersten drei Quartalen 2012 (Klicken Sie für eine detaillierte Ansicht bitte auf die Grafik)

Bild: Deutsche Telekom

Paradse ist ins Fadenkreuz der internen Flatrate-Polizei geraten. Hauptaufgabe der zur Konzernsicherheit gehörenden Eingreiftruppe, die unter dem Kürzel GBS-MIS firmiert: Missbrauch von Flatrates eindämmen und Gebührenbetrug früh aufdecken. Computergesteuerte Überwachungssysteme kontrollieren den gesamten Verkehr im Festnetz und Mobilfunk, werten automatisch die Verbindungsdaten aus und schlagen Alarm bei von der Norm des Durchschnittstelefonierers abweichenden Verhaltensmustern und – wie im Fall Paradse – überschrittenen Schwellenwerten. Darunter fallen auch Verstöße gegen die Nutzungsvorgaben in den AGB.

Das System ist so erfolgreich, dass es offenbar intern Überlegungen gibt, es auch zum Herausfiltern von Kunden einzusetzen, die keine Betrüger sind, sondern für die Telekom einfach teuer, weil sie viel mehr telefonieren als ihre Flatrate kostet. Die Telekom verneinte auf Nachfrage der WirtschaftsWoche das Bestehen derartiger Überlegungen, die Missbrauchserkennungssysteme auch dazu zu nutzen, Vieltelefonierer aus Flatrate-Tarifen zu kündigen.

Wie oft das System bisher anschlägt, daraus macht die Telekom ein Geheimnis. Jetzt zeigt eine vertrauliche Bilanz aus dem vergangenen Geschäftsjahr, die der WirtschaftsWoche vorliegt, wie hoch die Risiken und Schäden durch Flatrate-Betrug und andere Angriffe tatsächlich sind.

Allein in den ersten neun Monaten 2012 meldete das Missbrauchserkennungssystem 15.207 „Auffälligkeiten“, so die interne Statistik. Damit meldet der Computer im Durchschnitt 56 Mal pro Tag einen potenziellen Hackerangriff oder Betrugsversuch.

Hätte die Telekom nicht einen Großteil der Attacken abgewehrt, hätte sie das 200 Millionen Euro gekostet, so die interne Rechnung, die den potenziell entstandenen Schaden in den Folgetagen und -wochen kalkuliert. Nur durch den Einsatz des Erkennungssystems, hebt die Konzernsicherheit in ihrer Erfolgsbilanz hervor, konnten viele Betrugsfälle früh gestoppt und der tatsächliche Schaden auf 12,1 Millionen Euro begrenzt werden.

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