Kurznachrichtendienst: Wofür Twitter 1,3 Milliarden Dollar braucht

Kurznachrichtendienst: Wofür Twitter 1,3 Milliarden Dollar braucht

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Kurznachrichtendienst Twitter will sich 1,3 Milliarden Dollar leihen.

Twitter hält die Hände auf: Der Kurznachrichtendienst will sich 1,3 Milliarden Dollar von Investoren leihen – mindestens. Das Mittel der Wahl sind Wandelanleihen. Was es damit auf sich hat.

Nach dem Börsengang im November vergangenen Jahres zapft Twitter nun erstmals den Anleihemarkt an. Bis zu 1,5 Milliarden US-Dollar will der Kurznachrichtendienst einnehmen. Dafür sind zwei Wandelanleihen geplant, jeweils mit einem Volumen von rund 650 Millionen Dollar. Gezeichnet werden dürfen sie von institutionellen Investoren.

Einen Zins wird es erst bei der endgültigen Preissetzung geben, aber die Laufzeiten bis 2019 beziehungsweise 2021 sind überschaubar. Da es sich um Wandelanleihen handelt, können diese unter bestimmten Voraussetzungen in Aktien von Twitter umgewandelt werden. Aktionäre sind nicht erpicht auf die neuen Anteilseigner, entsprechend fielen die Papiere am Mittwoch um rund 1,5 Prozent.

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Was will Twitter mit einer Wandelanleihe?

  • Was ist eine Wandelanleihe?

    Eine Wandelanleihe oder Wandelschuldverschreibung ist ein sogenanntes festverzinsliches Wertpapier, das in diesem Fall vom Kurznachrichtendienst Twitter ausgegeben wird. Institutionelle Anleger können die Papiere mit Laufzeiten von fünf oder sieben Jahren zeichnen und bekommen 2019 beziehungsweise 2021 den Nennwert des Papieres plus einen bislang noch nicht näher bezifferten Zinssatz zurückerstattet.

  • Was ist der Unterschied zur Schuldverschreibung?

    Der Unterschied zur normalen Schuldverschreibung: Wenn die Laufzeit der Wandelanleihen endet, können die Investoren entscheiden, ob sie ihr Geld plus Zinsen zurück haben wollen, oder ob sie von ihrem Wandelrecht Gebrauch machen und die Wandelanleihen in Twitteraktien umtauschen. Für die Investoren hat dieses Modell den Vorteil, dass sie von Kursgewinnen der Aktie profitieren können, wenn diese sich gut entwickelt.

  • Was istd er Vorteil für Twitter?

    Für den Emittenten ist eine Wandelanleihe eine gute Möglichkeit, günstig an Kapital zu kommen, da bei Wandelanleihen der Zins niedriger ist, als bei regulären Schuldverschreibungen.


Der Anleihemarkt ist zuletzt für Unternehmen immer attraktiver geworden. Die Investoren sind auf der Suche nach einigermaßen erfreulichen Renditen. Unternehmen können sich so günstig refinanzieren. Allein US-Technologieunternehmen haben in diesem Jahr bereits rund 57 Milliarden Dollar in Form von Anleihen ausgegeben.

Auch Suchmaschinen-Gigant Google gab im Februar erstmals seit langem neue Anleihen aus, um rund eine Milliarde Dollar an fällig werdenden Schulden zu refinanzieren.

Steigende Umsätze, weitere Verluste

Die Bitte um Geld kommt in einer Phase, in der das Unternehmen auf den ersten Blick gut aufgestellt scheint. Zuletzt hatte Twitter es endlich geschafft, auch mit Werbung gutes Geld zu verdienen: Knapp 594,5 Millionen Dollar machte der Kurznachrichtendienst 2013 mit Werbung. 2011 waren es gerade einmal 77,7 Millionen Dollar.

Das Wachstum hält an. Im zweiten Quartal 2014 kletterte deshalb der Gesamt-Umsatz auf 312 Millionen Dollar – ein Plus von 124 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Trotzdem schreibt das Unternehmen weiter rote Zahlen, verliert vierteljährlich weitere Millionen. Und Experten gehen nicht davon aus, dass der Dienst noch in diesem Jahr profitabel wird.

Zahlen und Fakten zu Twitter

  • Nebenprodukt mit Erfolg

    Twitter war zunächst nicht mehr als ein Nebenprodukt der Firma Odeo, die eine (allerdings wenig erfolgreiche) Podcasting-Plattform entwickelte. Die Macher suchten 2006 nach Alternativen – und entwickelten den Dienst mit seinen 140 Zeichen kurzen Texthäppchen. In den ersten Monaten gewann er zwar kaum Nutzer, doch nach einem erfolgreichen Auftritt auf der Technologiekonferenz SXSW hob Twitter ab.

  • Idee von vier Freunden

    Anfangs standen vier Freunde hinter Twitter: Evan Williams, der dank des Verkaufs seiner Plattform Blogger.com an Google auch Geldgeber war; außerdem Jack Dorsey, Biz Stone sowie Noah Glass. Letzterer wurde allerdings wegen seiner schwierigen Art schon bald aus der Firma gedrängt.

  • Intrigen und Machtkämpfe

    Die kurze Geschichte der Firma ist geprägt von Machtkämpfen zwischen den einstigen Freunden. Der erste Chef Jack Dorsey musste auf Veranlassung des Mitgründers Evan Williams sowie des Verwaltungsrates seinen Posten verlassen. Williams selbst hielt sich auch nicht dauerhaft an der Spitze – bei seiner Entmachtung im Oktober 2010 hatte Dorsey seine Finger im Spiel. Seitdem lenkte Dick Costolo, zuvor bei Google tätig, die Firma. Nach der Warnung des Unternehmens im ersten Quartal 2015, dass die angepeilten Umsätze nicht erreicht würden, und die Aktie weit unter den Ausgabekurs rutschte, war die Luft für ihn dünn geworden. Nach Monaten der Kritik von der Wall Street, Anteilseignern, Mitarbeitern und Kunden wurde Costolo am 1. Juli 2015 durch Twitter-Mitgründer Jack Dorsey ersetzt.

  • Durchweg in den Miesen

    Twitter hat noch nie Gewinn gemacht. Im zweiten Quartal 2015 lag der Verlust bei unterm Strich 137 Millionen Dollar - immerhin 8 Millionen weniger als im Vorjahr. Vor allem Vergütungen für Mitarbeiter in Form von Aktienpaketen und Optionen machen sich bemerkbar.

  • Zaghaft im Werbegeschäft

    Twitter hatte bis vor drei Jahren noch kein Werbegeschäft. Die Gründer verzichteten in der Anfangszeit bewusst auf Anzeigen, um die Nutzer nicht zu verschrecken. Im Frühjahr 2010 starteten erste Versuche mit Werbung zwischen den Tweets. Inzwischen ist das Geschäft beträchtlich angewachsen. Im zweiten Quartal 2015 stammten von den 502 Millionen Dollar Umsatz fast 90 Prozent aus dem Geschäft mit mobilen Anzeigen auf Smartphones oder Tablets. Die Werbeeinnahmen nahmen im vergleich zum Vorjahr um 63 Prozent auf 452 Millionen Dollar zu.

  • Mehr als 270 Millionen Nutzer

    Twitter ist für die mobile Ära gerüstet. Ein Großteil der Werbeerlöse wird auf Smartphones und Tablet-Computern erwirtschaftet. Insgesamt hat Twitter mehr als 316 Millionen Nutzer pro Monat.

  • Twitter-Aktionäre sind gleichberechtigt

    Twitter versucht nicht, den Einfluss der Gründer durch eine Aktienstruktur mit zwei Klassen zu sichern. Andere Internet-Unternehmen wie Google oder Facebook haben bei ihren Börsengängen den Investoren Papiere angeboten, die weniger Stimmrechte haben als die Aktien von Gründern und Spitzen-Managern. Bei Twitter sind alle Anteilseigner gleich, die Ausgabe von Vorzugsaktien ist nur als Möglichkeit für die Zukunft vorgesehen.

Deshalb sucht Twitter weitere Einnahme-Quellen. Vor wenigen Tagen startete der Nachrichtendienst einen Testlauf mit einem „Buy-Button“. In den USA bekommen derzeit einige Nutzer Tweets mit Produkten angezeigt, die sie dann per Mausklick direkt bestellen können. Der Bezahlvorgang ist einfach, Nutzer müssen die Seite dafür nicht verlassen. Bislang nimmt Twitter für den Service keine Provision von den Händlern. Das wird sich ändern, wenn das Pilotprojekt erfolgreich ist, glauben Branchen-Kenner.

Wichtiger scheint für Twitter auch ein weiteres, schnelleres Wachstum. Um neue Nutzer zu locken, experimentiert der Dienst gerade damit Nachrichten nicht mehr streng chronologisch anzuzeigen. Aussehen und Bedienung des Kurznachrichtendienstes würden so näher an das bei der Masse beliebtere und finanziell erfolgreichere Facebook rücken.

Millionen für Start-Ups

Zudem ist das US-Unternehmen auf großer Einkaufstour. Ende Juli schluckte Twitter Madbits, ein auf intelligente und dynamische Suche in Fotos und Videos spezialisiertes Start-Up. Zudem holte sich Twitter im gleichen Monat mit TapCommerce einen Dienstleister für die gezielte Wieder-Ansprache von Werbekunden ins Boot. Nur wenige Wochen zuvor hatte das Unternehmen bereits verkündet, SnappyTV übernommen zu haben. Der Dienst ist auf das Bearbeiten und Teilen von Video- und TV-Inhalten im Web spezialisiert.

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Mit den Zukäufen stellt sich Twitter in den Wachstumsbereichen Foto und Video stärker auf, um neue Nutzer zu gewinnen. Es versucht auch, mit den alten mehr Geld zu machen. Doch die Investitionen kosten. Allein für Madbits sollen laut Insidern 100 Millionen Dollar geflossen sein.

Mit 1,3 Milliarden Dollar aus den Anleihen auf der hohen Kante dürfte Twitter seine gezielte Expansion auch in Zukunft fortsetzen können. Zu den genauen Plänen, was mit den Emissionserlösen geschehen soll, schweigt der Dienst beharrlich.

Eine Riesen-Investition wie zuletzt etwa von Amazon in den Video-Streaming-Dienst Twitch (970 Millionen Dollar) scheint unwahrscheinlich. Twitter dürfte sein Kerngeschäft nicht um eine zusätzliche Komponente erweitern, sondern weiter verfeinern.

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