Martin Witt: 1&1-Chef wirft der Telekom unfairen Wettbewerb vor

InterviewMartin Witt: 1&1-Chef wirft der Telekom unfairen Wettbewerb vor

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Martin Witt will eine Remonopolisierung nicht akzeptieren.

von Jürgen Berke

Der 1&1-Geschäftsführer Martin Witt wirft der Telekom vor, alle Grundregeln des Infrastrukturwettbewerbs zu verletzen.

WirtschaftsWoche: Herr Witt, die Telekom will ihre DSL-Anschlüsse nicht nur in Ballungszentren, sondern auch im umliegenden Speckgürtel auf 100 Megabit pro Sekunde beschleunigen – unter der Bedingung, dass die Konkurrenten ihre dort aufgebaute Infrastruktur wieder abreißen. Was halten Sie davon?

Martin Witt: Die Telekom startet gerade den durchschaubaren Versuch, ihr Netzausbaumonopol über superschnelle Anschlüsse zurückzuerobern. Das widerspricht den Grundregeln des liberalisierten Marktes und wirft uns wettbewerblich um Jahre zurück. Es gibt in Deutschland genügend Konkurrenten, die in eigene Glasfaserinfrastrukturen investiert haben. Deren Investition kann durch die jetzt vorgelegten Ausbaupläne der Telekom null und nichtig gemacht werden. Im Nahbereich der Ortsvermittlungsstellen hätten dann nahezu sechs Millionen Haushalte keine infrastrukturbasierte Alternative zur Telekom mehr. Das führt zu einer Remonopolisierung, die wir nicht akzeptieren können.

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Wie groß wären die Einschränkungen?

Die Telekom zielt vor allem auf die kleineren Städte im Speckgürtel. Aus diesen Bereichen sollen sich die Wettbewerber nun komplett zurückziehen, weil die von der Telekom eingesetzte Vectoring-Technik ihr Potenzial nur bei einem Anbieter entfaltet. Das ist regulatorisches Rosinenpicken.

Zur Person

  • Martin Witt

    Witt, 59, steht seit Oktober 2014 an der Spitze des Verbandes der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM). Der Physiker ist Vorstandschef der 1&1 Telecommunication AG und Vorstand bei United Internet.

Die Telekom argumentiert, dass sie den Kunden in der Nähe dieser Ortsvermittlungsstellen nur 50 Megabit pro Sekunde anbieten kann, den anderen aber 100 Megabit pro Sekunde. Das sei schwer zu vermarkten.

Ich sehe das Problem. Aber es gibt auch wettbewerbskonforme Lösungen. Die Telekom kann ja zum Beispiel die schnelleren 100 Megabit pro Sekunde dort von den Wettbewerbern einkaufen, die gerne selbst in Infrastruktur investieren wollen, und so alle Kunden gleichstellen. Worum es mir geht: Das 100-Megabit-Argument ist nur Mittel zum Zweck. In Wahrheit geht es um Marktanteile. Wir brauchen faire Regeln für den Ausbau, für die Vorleistungsprodukte, die der, der baut, anderen zur Verfügung stellen muss, sowie faire Preise für Zugang und Vorleistungsprodukte.

Telekom gegen Kommunen Das Ringen um den Glasfaserausbau

Beim Glasfaserausbau geht die Telekom neuerdings wieder auf Konfrontationskurs. Darunter leiden vor allem die Töchter kommunaler Stadtwerke.

Deutsche Telekom Glasfaserkabel für Hochgeschwindigkeitsinternet Quelle: dpa Picture-Alliance

Können Sie an ein Fairplay noch glauben? Die Telekom wirbt für das amerikanische Modell und kämpft dafür, dass die Telekomkonzerne noch stärker werden. Nur so lasse sich ein Gegengewicht zu den US-Internet-Giganten schaffen.

Der neue Vorstoß bedeutet, dass die Telekom für 80 Prozent der Haushalte in den Städten und im Speckgürtel die Hoheit über das Netz zurückgewinnen will. In den ländlichen Regionen, den restlichen 20 Prozent, investiert sie überhaupt nicht. Wir dürfen uns politisch nicht von Angstszenarien treiben lassen, sondern müssen nüchtern auf die langfristigen Auswirkungen solcher Rosinenpickerei schauen. Und was die USA angeht: Dort gibt es deutlich weniger Glasfaseranschlüsse in den Häusern. Nur in den wenigen Städten, wo es genug Wettbewerb gibt, gibt es auch vernünftige Preise. Das Absurde ist doch: In den USA schaut man nach Europa als Vorbild, um mehr Wettbewerb in den Markt zu bekommen.

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Zu den größten Glasfaserinvestoren gehören die kommunalen Stadtwerke. Bei der Telekom ist ebenfalls der Staat der größte Anteilseigner. Müssten die beiden nicht enger zusammenarbeiten?

Solche Kooperationen hätten für alle Seiten Vorteile, finden aber nicht statt. Im Gegenteil: Wir stellen immer öfter fest, dass die Telekom auch dann, wenn der Wettbewerber schon eigene Glasfasern verlegt hat, eine eigene Glasfaserinfrastruktur parallel baut. Die Telekom kauft derzeit grundsätzlich keine Leistungen von Wettbewerbern ein. Solange es noch völlig unterversorgte ländliche Regionen in Deutschland gibt, halte ich dieses Vorgehen für inakzeptabel.

Wie stark sind 1&1 und Ihre Tochter Versatel durch den Telekom-Vorstoß betroffen?

Wir nutzen auch die Netze von Wettbewerbern. Eine wachsende Abhängigkeit von der Telekom kann aber nicht in unserem Interesse liegen, wenn wir dauerhaft beste Qualität zu bestmöglichen Preisen garantieren wollen. Für Versatel gilt dasselbe, was alle Netzbetreiber kritisieren, die selbst weiter Glasfasern ausbauen wollen, und gleichzeitig Vorleistungsprodukte von der Telekom beziehen: Wir haben eine starke Position im Markt, versorgen Geschäfts- und Privatkunden und lassen uns vom Ex-Monopolisten nicht vorschreiben, in Deutschland nicht mehr investieren zu dürfen.

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