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Medienbranche im Umbruch: „Die gedruckte Zeitung ist nicht tot“

von Nils Rüdel Quelle: Handelsblatt Online

Die Nachricht, dass sich das Traditionsmagazin „Newsweek“ bald ins Netz verabschieden wird, hat die Branche aufgeschreckt. Steht das Ende der gedruckten Nachrichten in Amerika bevor? Nicht so voreilig, sagen Experten.

Nächstes Jahr Geschichte: Ein gedrucktes Exemplar der "Newsweek". Quelle: dapd
Nächstes Jahr Geschichte: Ein gedrucktes Exemplar der "Newsweek". Quelle: dapd

„Es ist so traurig“, sagt Karen Springen. „So viele brillante Reportagen und Artikel, und dann musste man mit ansehen, dass ,Newsweek` mit der Zeit immer dünner wurde“, sagt die Journalistin, die 24 Jahre lang als Redakteurin für die Zeitschrift gearbeitet hatte. „Es ist traurig, dass es "Newsweek" nun bald gar nicht mehr am Kiosk geben wird.“

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Springen lehrt inzwischen an der Northwestern University in Chicago als Journalismus-Professorin. Mit ihr war die gesamte Branche vorvergangene Woche von der Nachricht aufgeschreckt worden, dass das traditionsreiche US-Wochenmagazin zum Jahreswechsel nur noch online erscheinen werde. „Das ist ein bittersüßer Moment in unserer unglaublich stolzen Geschichte“, schrieb Chefredakteurin Tina Brown auf der Online-Schwesterseite „Daily Beast“. Doch zu hohe Produduktionskosten im Verhältnis zu den Umsätzen hätten ihr keine andere Wahl gelassen, um das Magazin in die Zukunft zu retten.

Das Aus für die Print-Ausgabe nach fast 80 Jahren erscheint wie ein weiterer Beleg für den Niedergang der Branche. In den vergangenen Jahren hatten sich bereits mehrere Printmedien in den USA ganz oder teilweise ins Internet verabschiedet, darunter der „Christian Science Monitor“, die „Detroit Free Press“ und zuletzt „SmartMoney“. Als Grund gaben alle dasselbe an: Wegbrechende Anzeigenerlöse und die Tatsache, dass immer mehr Menschen ihre Informationen im Internet suchen.

Die Zahlen klingen dramatisch: Als das Meinungsforschungsinstitut Pew kürzlich Amerikaner fragte, ob sie am Vortag der Umfrage eine Tageszeitung in der Hand hielten, antworteten nur 23 Prozent mit Ja. Im Jahr 2000 waren es noch 47 Prozent. Bei Magazinen antworteten 18 Prozent mit Ja, vor zwölf Jahren waren es noch 26 Prozent. Bei den Anzeigen sieht es noch dramatischer aus: Der Umsatz mit Werbung halbierte sich nach Angaben des Branchenverbandes Newspaper Association of America von 46,2 Milliarden Dollar im Jahr 2003 auf 23,9 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr.

Ist das Ende der gedruckten „Newsweek“ also der endgültige Abgesang auf das Printmedium in den USA? „Wir werden sicherlich mehr davon sehen“, sagte Reed Phillips, Mitgründer der Medien-Beratungsfirma DeSilva&Phillips, dem „New York Observer“. „Es die Folge des wirtschaftlichen Niedergangs und des Übergangs ins Digitale“.

Doch trotz der dramatischen Zahlen geben sich manche Experten gelassen. „Titel kommen und gehen, aber gedruckte Magazine werden weiterleben“, sagt Samir Husni, Direktor des Magazine Innovation Centers an der Universität von Mississippi.


Hausgemachte Fehler

Grund für das Ende von „Newsweek“ seien hausgemachte Fehler gewesen, und da werde auch die neue digitale Strategie nichts helfen. Chefredakteurin Brown habe das Magazin einfach in die falsche Richtung gesteuert und mit knalligen Titel wie etwa zu Präsident Barack Obama als „schwulem Präsidenten“ die Leser verschreckt. „Sie hat so ziemlich alles falsch gemacht“, so Husnis verichtendes Urteil.
Der Experte sieht die Zukunft der US-Medien zweigeteilt. „Für Tageszeitungen werden die Zeiten nicht mehr besser werden, wenn sie sich nicht ändern“, sagt Husni. Sie hätten es besonders schwer, weil sich die Leser die reinen Nachrichten inzwischen aus dem Internet besorgten. „Nachrichten und Papier sind im digitalen Zeitalter ein Widerspruch“.
Um in Zukunft noch eine Chance zu haben, müssten Tageszeitungen deshalb eher wie tägliche Magazine werden und die Leser emotional ansprechen, gleichzeitig im Internet präsent sein und dort Umsätze generieren. Viele Zeitungen, darunter die „New York Times“ oder das „Wall Street Journal“ versuchen das mit kostenpflichtigen Online-Inhalten, die meisten Verlage haben ihr Angebot längst auf Apps fürs iPad, iPhone oder andere Smartphones ausgeweitet.

Für Magazine sieht Husni derweil noch eher eine Zukunft. Schon allein wegen ihrer Form und Art, Inhalte zu erzählen. „Sie werden für die Leser die einzige ,Zeit für mich` sein“, sagt er. „Mit meiner Tasse Kaffee oder mit meinem Glas Wein, wenn ich mich nach einem hektischen und überwiegend digitalen Tag erholen will“. Verlage könnten auch im digitalen Zeitalter erfolgreich sein. „Vergessen Sie bedrucktes Papier und Pixel auf dem Bildschirm“, rät er den Verantwortlichen. „Leser zuerst“. Es gehe um relevante Inhalte für eine relevante Zielgruppe über ein relevantes Medium.
Gleichzeitig ist die Lage für Magazine auch nicht so düster wie für Tageszeitungen. So nahmen die Anzeigenerlöse der Zeitschriften laut Daten des Marktforschungsunternehmens eMarketer im laufenden Jahr um 2,6 Prozent auf 18,3 Milliarden Dollar zu – vor allem durch Online-Geschäfte zwar, doch nahmen die Print-Anzeigen immerhin nicht ab. Auch die Zahl der Abonnements stieg an, zudem gab es in den ersten neun Monaten 181 Neugründungen bei Magazinen. Und anders als „Newsweek“ gibt es ja andernorts durchaus Erfolgsgeschichten: So hat der britische „Economist“ seine Auflage innerhalb eines Jahres von 844.000 auf 1,6 Millionen gesteigert.
Print scheint also noch nicht außer Mode gekommen zu sein. Auch ein Blick nach Deutschland lässt hoffen. Laut einer Umfrage von Handelsblatt und dem Online-Marktforschungsinstitut Mafo.de unter 1000 Deutschen legten weiterhin 64,1 Wert auf eine gedruckte Zeitung. Selbst in der besonders Online-affinen Altersgruppe der 18 bis 30-Jährigen waren es 62,7 Prozent. Nur rund die Hälfte – 35,9 Prozent – gaben an, keinen Wert mehr darauf zu legen.
Ex-Redakteurin und Journalismus-Professorin Karen Springen legt denn auch Wert auf die Feststellung: „Print ist definitiv nicht tot.“

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