Michael Halbherr im Interview: Nokias Kartendienst: "Wir haben keine andere Wahl"

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Michael Halbherr, Chef von Nokias Kartengeschäft

von Matthias Hohensee

Der Nokia-Vorstand, zuständig für das Kartengeschäft des Konzerns, sieht keine Alternative: Er muss den teuren Service für Konkurrenten öffnen.

WirtschaftsWoche: Herr Halbherr, wie wichtig sind Landkartendienste für mobile Internet-Geräte?

Michael Halbherr: Sie sind ein Muss. Denn nach Web 2.0 sind lokationsbasierte Dienste der nächste große Trend, der das Internet neu definieren, virtuelle Welten und die Realität stärker zusammenbringen wird. Ob Reise, Handel, Suche oder Kommunikation, das Wissen um den Standort bringt dort eine neue Qualität, mehr Relevanz rein. Man verkauft heute kein Handy mehr ohne einen Kartenservice.

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Wie will Nokia wieder in die Weltspitze aufsteigen?

Wir sind in der Weltspitze mit unseren Geräten. Wir haben das beste Kamerahandy und das mit dem besten Kartenservice, neben ausgezeichneter Hardware und kontaktlosem Aufladen. Das müssen wir nun kommunizieren. Man darf nicht nur auf die Marktanteile schauen. Sondern, ob man Geräte mit hohen Margen verkaufen kann. Ich glaube, dass sich die Mobilfunkbranche – ähnlich den Fahrzeugherstellern – segmentieren wird. Es wird also Hersteller geben, deren Produkte sich durch besondere Attribute auszeichnen.

Ein guter Kartenservice muss ständig aktualisiert werden. Wie teuer ist das?

Die Fixkosten sind extrem hoch. Wir haben weltweit 6500 Leute im Kartenbereich. Etwa 5000 beschäftigen sich damit, dass die Daten immer präzise und aktuell sind. Ich sage immer, dass man keine gute Applikation bauen kann, wenn die darunter liegenden Daten schlecht sind. Das rechtfertigt den Aufwand. Google weiß das, und auch Apple hat es erkannt.

Google ist sehr stark im Kartenservice. Wie unterscheidet sich Nokia hier von Google?

Wir sind ganz klar ein sogenanntes pure play. Wir machen keine Auflagen. Wer bei uns Karten und Inhalte lizenziert, muss keine Suchfunktion dazunehmen. Wir schreiben keine Geschäftsmodelle vor. Wir lizenzieren Daten und Inhalte an alle, ohne Einschränkungen. Wer nur Inhalte haben will und die Karten der Konkurrenz nutzen will, kann das tun. Unsere Karten kann man aufs Gerät laden und mit Daten aus dem Internet kombinieren – das ist in der Form einzigartig. Letztlich sind wir mit unserer Navigation in über 100 Ländern aktiv und haben starke Beziehungen zu Autoherstellern.

Was hat Nokia im Kartenservice überhaupt noch exklusiv, da Sie den Bereich ja auch Ihren Wettbewerbern öffnen?

Wir machen Einschränkungen bei den Applikationen. Bestimmte Anwendungen wie beispielsweise Citylens, bei denen nützliche Informationen über den aktuellen Ort live im Vorschaubild der Handykamera eingeblendet werden, sind Nokia-Geräten vorbehalten. Andere Applikationen wird es nur für die Windows-Plattform geben.

Für rund 8,1 Milliarden Dollar hat Nokia 2007 den Kartenanbieter Navteq gekauft. Sie geben viel Geld für die stetige Aktualisierung aus. Warum öffnen Sie Ihren Kartendienst Ihren Konkurrenten?

Es gibt strategisch keine Alternative, als sich zu öffnen. Es geht ja nicht um Handys, wir werden auch viel zentraler ins Navigationsgeschäft beispielsweise mit Autos vorrücken. Es ist entscheidend, wer die beste und die populärste Plattform mit den meisten Nutzern hat. Deren Aktivitätsdaten sind sozusagen das Öl des 21. Jahrhunderts. Daraus kann man ganz neue Dienste bauen.

Über Nokia hängen schwarze Wolken. Die Zukunft des Unternehmens wird infrage gestellt. Wie wirkt sich das auf Ihr Tagesgeschäft aus?

Unser Konzernchef Stephen Elop hat einen Koloss sehr schnell sehr flink gemacht. Ich behaupte, dass Nokia inzwischen das größte Startup Europas ist. Ich sage immer etwas salopp, dass man keine Zeit mehr für Bullshit oder lange Diskussionen hat. Diese Dringlichkeit zieht sich durch Nokia. Die Leute, die heute bei Nokia sind, wissen, warum sie da sind.

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