Mobile World Congress: Wie Deutschland den Mobilfunk verpennt

Mobile World Congress: Wie Deutschland den Mobilfunk verpennt

, aktualisiert 05. März 2015, 10:48 Uhr
von Jürgen Berke

Der Mobilfunkmarkt wächst immer weiter. Der Höhepunkt steht uns noch bevor - nur nicht in Europa. Deutschland gehört sogar zu den Schlusslichtern. Das liegt auch an den lahmen Datenverbindungen.

Euphorien schüren, Visionen entwickeln und sich selbst feiern - das konnte die Mobilfunkbranche immer schon gut. Der Videoclip, der vor jedem Auftritt eines Vorstandsvorsitzenden auf der Leinwand im großen Auditorium die Stimmung anheizen soll, schafft dies besonders eindrucksvoll.

Im Schnelldurchlauf stößt da ein riesiger digitaler Kundenzähler in völlig neue Dimensionen vor und überspringt im Jahr 2020 wahrscheinlich erstmals die magische Marke von über 20 Milliarden angeschlossenen Geräten. In den Jahren danach könnte die Zahl sogar auf 50 Milliarden explodieren.

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Die Botschaft ist eindeutig: In einer total vernetzten Gesellschaft besitzt nicht nur jeder Mensch im Durchschnitt ein bis zwei mit dem Internet verbundene Mobilgeräte. Auch jede Maschine, egal ob im Privathaushalt oder in der Fabrik, ist dann mit dem Internet verbunden und steuert sich mehr oder weniger automatisch.

Fakten rund um LTE

  • Was ist LTE?

    LTE (Long Term Evolution) ist ein Mobilfunknetz und der Nachfolger von UMTS. LTE bietet mit bis zu 100 Megabit pro Sekunde deutlich schnellere Downloadraten.

  • Unterschiedliche Frequenzen

    ,LTE läuft je nach Region über unterschiedliche Frequenzen (Nordamerika: 700 MHz und 2100 MHz, Westeuropa, Mittlerer Osten und Afrika: 800 MHz 1800 MHz, 2000 MHz und 2600 MHz, Osteuropa: 800 MHz, 1800 MHz, 2300 MHz und 2600 MHz, Asia-Pazifik: 1800 MHz und 2100 MHz). Apples "neues iPad" beispielsweise unterstützt nur LTE in den Frequenzbereichen 700 und 2100 MHz und ist daher in Europa bisher nur ohne LTE-Funktion erhältlich.

  • LTE-Netz in Deutschland

    Von April bis Mai 2010 versteigerte die Bundesnetzagentur LTE-Frequenzen für den drahtlosen Netzzugang an Telekommunikationsdienste. Über den Tisch gingen die Frequenzen 800 MHz, 1800 MHz (bis dahin vor allem von der Bundeswehr genutzt), 2000 MHz (die ehemaligen Quam- und Mobilcom-Lizenzen für UMTS) und 2600 MHz. Die Bereiche 800 MHz und 2600 MHz werden von den vier deutschen Mobilfunkanbietern (Telekom, Vodafone, E-Plus und O2) für LTE genutzt. Die Deutsche Telekom verwendet zusätzlich 1800 MHz.

  • LTE-Smartphones in Deutschland

    Vodafone bietet seit März 2012 mit dem HTC Velocity 4G das erste LTE-Smartphone Deutschlands an. Das Gerät wurde für die Frequenzbereiche 800 bis 2600 MHz auf den Markt gebracht. Da damit die von der Telekom unterstützten Bereiche im Stadtgebiet mit einer Frequenz von 1800 MHz nicht genutzt werden konnten, folgte im Juni das HTC One XL, das auch auf den Frequenzen 1800 MHz und 2600 MHz funktioniert.

  • Stadt und Land

    LTE wurde ursprünglich ausgebaut, um die Breitbandversorgung auf dem Land zu sichern. Seit 2011 ist LTE auch in den ersten Großstädten gestartet. Anfangs standen weiter Gebiete ohne DSL-Breitbandanbindung im Fokus. Doch seit 2012 werden sukzessive immer mehr Städte mit LTE versorgt. Inzwischen wird das Netz in folgenden Städten angeboten: Aachen, Augsburg, Berlin, Bochum, Bonn, Bremen, Darmstadt, Dortmund, Dresden, Düsseldorf, Duisburg, Erfurt, Frankfurt, Hannover, Hamburg, Köln, Karlsruhe, München, Rostock, Leipzig, Münster und Stuttgart.

  • Umrüstung

    LTE übernimmt im wesentlichen die Infrastrukturen der UMTS-Technologie. Die Technik wurde lediglich erweitert, um so zügig vom 3G- zum 4G-Standard zu gelangen. Dadurch sollen die Smartphones und Tablets permanent mit dem Internet verbunden sein können. Vor allem für die mobile Kommunikation, wie Video-Telefonie, wäre das ein riesiger Fortschritt. Branchenkenner vermuten, dass die bestehenden Netze innerhalb der nächsten zehn Jahre auf LTE umgerüstet sein könnten.

Der einzige Kontinent, der sich nicht von diesem Boom anstecken lässt, ist Europa. In den USA besitzt bereits jeder zweite Einwohner ein Smartphone mit superschnellem LTE-Standard, der die Übertragungsrate auf bis zu 100 Megabit pro Sekunde beschleunigen kann. Europa wird die 50-Prozent-Quote erst in fünf Jahren erreichen.

Deutschland gehört sogar zu den Schlusslichtern, wie Vodafones Konzernchef Vittorio Colao den völlig verblüfften Zuhörern erklärte: Mit einem durchschnittlichen Datenverbrauch von einem Gigabyte pro Monat hinken die Deutschen zum Beispiel weit hinter den Briten her, die schon gut zwei Gigabyte pro Monat mit ihren Mobilgeräten konsumieren.

Der Durchbruch lässt auf sich warten

Nur mühsam gelingt es den Europäern, diese Bilanz des Schreckens in Barcelona zu kaschieren. Die EU-Kommission hatte bereits im vergangenen Jahr Alarm geschlagen. Gemeinsam mit den Technik-Vorständen der in Europa beheimateten Netzausrüster Ericsson, Nokia Networks und Alcatel-Lucent hatte sich die damalige Kommissarin Neelie Kroes auf die Bühne gesetzt und 700 Millionen Euro für ein Forschungsprogramm zur Entwicklung von noch schnelleren Mobilfunknetzen aufgelegt.

Eine Aufholjagd wollten die Europäer starten und Schrittmacher beim LTE-Nachfolger 5G sein. Ein Wunderwerk der Mobilfunktechnik sollte entstehen - mit europäischen Netzbetreibern und Ausrüstern als Schrittmacher, die mit Übertragungsraten von weit über einem Gigabit pro Sekunde in völlig neue, bisher für unmöglich gehaltene Dimensionen vorstoßen.

Die Themen des MWC

  • Neue Handys

    Samsung wird in Barcelona voraussichtlich sein neues Top-Smartphone präsentieren, das es mit Apples iPhone 6 aufnehmen soll. Aber auch andere Anbieter wie LG oder die chinesischen Rivalen Lenovo, Huawei und ZTE dürften mit frischen Modellen antreten.

  • Internet der Dinge

    Schon im vergangenen Jahr gab es in Barcelona unter anderem die Zahnbürste mit Internet-Anbindung, jetzt werden noch viel mehr vernetzte Geräte bis hin zu Autos zu sehen sein. Diese Vernetzung gilt als Grundlage für viele neue Geschäftsmodelle.

  • Wearables

    Die Geräteklasse der Mini-Computer, die man am Körper trägt, wächst schnell. Neben Fitness-Armbändern gibt es vor allem immer mehr Computer-Uhren. Ein Diskussionsthema ist der Umgang mit zum Teil sehr persönlichen Daten, die dabei entstehen.

  • Neues zu 5G

    Mit der wachsenden Smartphone-Nutzung und dem Internet der Dinge werden auch schnellere und leistungsstärkere Netze benötigt. Abhilfe soll der neue Datenfunk-Standard 5G schaffen. An seiner Ausgestaltung wird noch gearbeitet.

  • Internet für Entwicklungsländer

    Nach Barcelona kommt zum zweiten Mal Facebook-Chef Mark Zuckerberg, der für sein Projekt Internet.org wirbt. Es soll günstige Online-Anschlüsse in Entwicklungsländern fördern, die Mobilfunk-Anbieter waren bisher skeptisch.

Doch ein Jahr nach dem Start des Programms kann auch der neue EU-Kommissar Günther Oettinger keinen Durchbruch verkünden. All die von der Mobilfunkindustrie gegründeten 5G-Konsortien proklamieren lediglich, dass sie die Forschung und Standardisierung weiter vorantreiben und hoffentlich bis 2020 ein marktreifes Produkt präsentieren können.

Soll heißen: Die Technik befindet sich noch im Laborstadium. Und die Netzbetreiber haben gerade mal ein Pflichtenheft vorgelegt, welche speziellen Lösungen sie insbesondere für die industriellen Anforderungen beim neuen Internet der Dinge benötigen.

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Südkorea, das Land mit der besten und schnellsten Internetinfrastruktur im Festnetz und Mobilfunk, will nicht solange warten. Chang-Gyu Hwang, Vorstandschef des dortigen Marktführer KT Corporation, will die Winterolympiade in Pyeongchang im Jahr 2018 "zur größten Show der Telekom-Industrie machen". Die Koreaner wollen den Europäern zeigen, wie 5G funktioniert und dort das erste 5G-Netz weltweit in Betrieb nehmen.

Die erste Anwendung könnte das völlig vernetzte Auto sein, das autonom an allen Staus vorbei rauscht. So stellt sich der KT-Chef das Auto der Zukunft vor: Der Fahrer lehnt sich bequem zurück und bekommt dreidimensionale Live-Bilder von Wettkämpfen als Holografie direkt über das Armaturenbrett gespielt. Und der Innenraum ist so gemütlich wie ein Wohnzimmer.

Immerhin: Ein europäisches Unternehmen hilft bei der Realisierung dieses Traums. KT und die finnische Nokia verkündeten in Barcelona eine enge 5G-Forschungskooperation. In Deutschland gibt es solch einen Schulterschluss bisher nicht.

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