Mögliche Twitter-Übernahme: Google ist auf dem Social-Media-Auge blind

Mögliche Twitter-Übernahme: Google ist auf dem Social-Media-Auge blind

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Das Google-Logo.

Angeblich ist Google an einem Aufkauf von Twitter interessiert. Der Deal könnte Google Vorteile bringen – sofern die Twitter-Nutzer nicht abspringen.

Am 7. Januar wurde einmal mehr deutlich, was Twitter so wertvoll macht. Die schnellsten Informationen über die grausamen Anschläge auf die Redaktion der Satire-Zeitung Charlie Hebdo fand die schockierte Öffentlichkeit nicht im Fernsehen, nicht auf den gängigen Nachrichtenseiten – sie liefen in Echtzeit auf Twitter.

Seit 2009 wird der Kurznachrichtendienst immer wieder mit einer Übernahme durch Google in Verbindung gebracht. Am Donnerstag war es wieder so weit. Nachdem Übernahmegerüchte aufkamen, schnellte Twitters Aktienkurs um 3,5 Prozent in die Höhe. Bis dato blieben die Gerüchte unkommentiert.

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Die zehn größten IT-Übernahmen weltweit nach Kaufpreis

  • Platz 10

    Im Jahr 2010 schluckte Microsoft die norwegische Suchmaschine Fast. Das 1997 gegründete Unternehmen ist auf Suchmaschinenprogramme für Firmenkunden spezialisiert. Der Kaufpreis soll 1,2 Milliarden US-Dollar betragen haben.
    Quelle: Statista

  • Platz 9

    2006 übernahm Google Youtube für 1,65 Milliarden US-Dollar. Youtube, damals noch ein defizitäres Start-Up-Unternehmen, war für Google zu diesem Zeitpunkt der teuerste Kauf in der achtjährigen Firmengeschichte.

  • Platz 8

    2014 überrasche Facebook Branchenkenner mit dem Kauf von von Oculus VR. Zwei Milliarden US-Dollar zahlte Facebook für den Hersteller von VR-Brillen, die speziell für PC-Spiele ausgelegt sind. Mit dem Unternehmen hat Mark Zuckerberg großes vor. „Oculus hat die Chance, die sozialste Plattform überhaupt zu werden“, sagte er anlässlich der Übernahme.

  • Platz 7

    Nur ein Jahr nach der Youtube-Übernahme kaufte Google für sage und schreibe 3,1 Milliarden US—Dollar den Anzeigenriesen Doubleclick. Auch Microsoft, AOL und Yahoo waren interessiert, hatten allerdings das Nachsehen. Schon vor dem Zukauf hatte Google die führende Stellung im Geschäft mit der Internet-Werbung inne. Mit der Übernahme konnte Google diese Position noch weiter ausbauen.

  • Platz 6

    Ähnlich viel wie für Doubleclick zahlte Google für den Kauf Nest Labs: 3,2 Milliarden US-Dollar. Die Firma, die smarte Thermostate und Rauchmelder herstellt hat für Google ein ganz besonderes Potenzial: Sie ermöglicht Google das Sammeln von Daten in der analogen Welt.

  • Platz 5

    Nur einen Monat, nachdem Google Microsoft Doubleclick vor der Nase weg kaufte, legte Microsoft 2007 nach und kaufte für 6,3 Milliarden US-Dollar Aquantive – einen Wettbewerber Doubleclick. Für Microsoft war das bis dato der größte Zukauf der Firmengeschichte. Letztendlich war es ein Flop für Microsoft.

  • Platz 4

    Im Jahr 2013 kaufte Microsoft für 5,4 Milliarden US-Dollar die Handysparte von Nokia. Bereits seit 2011 hatten beide Unternehmen zusammengearbeitet – Nokia war der wichtigste Hersteller für Smartphone mit dem Microsoft-Betriebssystem Windows Phone.

  • Platz 3

    2011 tätigte Microsoft den bis dato teuersten Kauf seiner Firmengeschichte: Für 8,5 Milliarden US-Dollar übernahm Microsoft den Online-Telefondienst Skype. Rentiert hat sich das bis heute nicht. Skype fehlt es an zahlenden Kunden.

  • Platz 2

    Im August 2011 kündigte Google an, den Mobilfunk-Pionier Motorola Mobility zu übernehmen. Insgesamt 12,5 Milliarden US-Dollar zahlte Google dafür. Interessant seien für Google nach eigenen Angaben vor allem das 17.000 Eintragungen umfassende Patentportfolio Motorolas gewesen. Die Liasion hielt nicht lange. 2014 verkaufte Google das Unternehmen für knapp drei Milliarden US-Dollar an Lenovo.

  • Platz 1

    Im Februar 2014 kündigte Facebook an, den Messanger-Dienst Whatsapp zu übernehmen. Der damalige Kaufpreis: 19 Milliarden US-Dollar. Facebook hat Whatsapp wegen des schnell Nutzerzuwachs übernommen. Mittlerweile hat Whatsapp 700 Millionen Nutzer weltweit.

Die Frage ist: Was hätte Google davon Twitter zu kaufen? Und wie würden die Nutzer reagieren – die schließlich den gesamten Wert Twitters ausmachen?

Fakt ist: Günstig dürfte das Unterfangen aktuell nicht werden. Twitter verfügt über eine Marktkapitalisierung von 24 Milliarden Dollar, darunter wird der Kurznachrichtendienst nicht zu haben sein. Analysten gehen von einem Kaufpreis von 40 Milliarden Dollar aus – wollte Google Twitter komplett schlucken.

Dem stehen zwar auf Googles Seite liquide Mittel gegenüber, die auf rund 60 Milliarden Dollar geschätzt werden. Für Google könnte Twitter einen gewissen Zugewinn bringen. Zumal die Googles eigener Twitter-Konkurrent gescheitert ist. Der Twitter-Konkurrent Google Buzz wurde nach zwei Jahren eingestellt. Trotzdem ist es fraglich, ob Google so tief in die Tasche greift.

Der Nutzen für Google

„Twitter bietet über die jeweilige Gegenwart die besten Echtzeitressourcen“, sagt Reinhard Karger, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Information und Wissen, DGI. „Ein voller Zugriff darauf könnte Googles Suche deutlich nach vorne bringen.“
Aktuell kann man sich die Google-Suchanalyse wie folgt vorstellen: Je öfter in einer Region dieselbe Suchanfrage gestellt wird, desto höher ordnet Google die Wahrscheinlichkeit ein, dass dieses Ereignis wahr ist – und dementsprechend weiter vorne landet das Ergebnis.

Zahlen und Fakten zu Twitter

  • Nebenprodukt mit Erfolg

    Twitter war zunächst nicht mehr als ein Nebenprodukt der Firma Odeo, die eine (allerdings wenig erfolgreiche) Podcasting-Plattform entwickelte. Die Macher suchten 2006 nach Alternativen – und entwickelten den Dienst mit seinen 140 Zeichen kurzen Texthäppchen. In den ersten Monaten gewann er zwar kaum Nutzer, doch nach einem erfolgreichen Auftritt auf der Technologiekonferenz SXSW hob Twitter ab.

  • Idee von vier Freunden

    Anfangs standen vier Freunde hinter Twitter: Evan Williams, der dank des Verkaufs seiner Plattform Blogger.com an Google auch Geldgeber war; außerdem Jack Dorsey, Biz Stone sowie Noah Glass. Letzterer wurde allerdings wegen seiner schwierigen Art schon bald aus der Firma gedrängt.

  • Intrigen und Machtkämpfe

    Die kurze Geschichte der Firma ist geprägt von Machtkämpfen zwischen den einstigen Freunden. Der erste Chef Jack Dorsey musste auf Veranlassung des Mitgründers Evan Williams sowie des Verwaltungsrates seinen Posten verlassen. Williams selbst hielt sich auch nicht dauerhaft an der Spitze – bei seiner Entmachtung im Oktober 2010 hatte Dorsey seine Finger im Spiel. Seitdem lenkte Dick Costolo, zuvor bei Google tätig, die Firma. Nach der Warnung des Unternehmens im ersten Quartal 2015, dass die angepeilten Umsätze nicht erreicht würden, und die Aktie weit unter den Ausgabekurs rutschte, war die Luft für ihn dünn geworden. Nach Monaten der Kritik von der Wall Street, Anteilseignern, Mitarbeitern und Kunden wurde Costolo am 1. Juli 2015 durch Twitter-Mitgründer Jack Dorsey ersetzt.

  • Durchweg in den Miesen

    Twitter hat noch nie Gewinn gemacht. Im zweiten Quartal 2015 lag der Verlust bei unterm Strich 137 Millionen Dollar - immerhin 8 Millionen weniger als im Vorjahr. Vor allem Vergütungen für Mitarbeiter in Form von Aktienpaketen und Optionen machen sich bemerkbar.

  • Zaghaft im Werbegeschäft

    Twitter hatte bis vor drei Jahren noch kein Werbegeschäft. Die Gründer verzichteten in der Anfangszeit bewusst auf Anzeigen, um die Nutzer nicht zu verschrecken. Im Frühjahr 2010 starteten erste Versuche mit Werbung zwischen den Tweets. Inzwischen ist das Geschäft beträchtlich angewachsen. Im zweiten Quartal 2015 stammten von den 502 Millionen Dollar Umsatz fast 90 Prozent aus dem Geschäft mit mobilen Anzeigen auf Smartphones oder Tablets. Die Werbeeinnahmen nahmen im vergleich zum Vorjahr um 63 Prozent auf 452 Millionen Dollar zu.

  • Mehr als 270 Millionen Nutzer

    Twitter ist für die mobile Ära gerüstet. Ein Großteil der Werbeerlöse wird auf Smartphones und Tablet-Computern erwirtschaftet. Insgesamt hat Twitter mehr als 316 Millionen Nutzer pro Monat.

  • Twitter-Aktionäre sind gleichberechtigt

    Twitter versucht nicht, den Einfluss der Gründer durch eine Aktienstruktur mit zwei Klassen zu sichern. Andere Internet-Unternehmen wie Google oder Facebook haben bei ihren Börsengängen den Investoren Papiere angeboten, die weniger Stimmrechte haben als die Aktien von Gründern und Spitzen-Managern. Bei Twitter sind alle Anteilseigner gleich, die Ausgabe von Vorzugsaktien ist nur als Möglichkeit für die Zukunft vorgesehen.

„Hätte Google Zugriff auf die Twitter-Daten, könnte es deklarativ und ortsbezogene Echtzeit-Informationen analysieren“, sagt Karger. Von 2009 bis 2011 hatte Google diesen Zugriff – bis Twitter ihn kommentarlos aufkündigte. Im Moment kann Google lediglich auf öffentliche Tweets zugreifen. Aus Sicht von Karger wäre der Zugriff auf sämtliche Tweets „eine wahnsinnige Datenquelle“. Immerhin hat Twitter 284 Millionen aktive Nutzer.

Der Vorteil für Twitter

Auch für Twitter könnte eine Übernahme zumindest auf den ersten Blick Vorteile bringen. Bis heute hat es das Unternehmen nicht geschafft, seinen Dienst zu monetarisieren oder zumindest ein tragfähiges Geschäftsmodell zu finden.

Dafür mussten besonders die Aktionäre büßen. Am Tag der Erstnotiz schoss der Kurs auf zwischenzeitlich 50 US-Dollar pro Aktie – aktuell liegt er knapp unter 40 US-Dollar. Die Twitter-Aktionäre machten insgesamt einen Verlust von 1,6 Milliarden US-Dollar. Eine Besserung ist derzeit nicht in Sicht.

Das setzt das Management von Twitter unter Druck. „Es könnte der Moment kommen, ab dem die Geduld der Aktionäre ausgereizt ist“, sagt Karger. Auch nach einem Wechsel in der Führungsetage im vergangenen Jahr war keine Besserung in Sicht.

Das Risiko

Fraglich bleibt allerdings, ob die Twitter-Nutzer im Falle einer Übernahme durch Google mitziehen. „Dass Google auf einmal Zugriff erhält auf sämtliche Tweets, könnte viele Nutzer stören“, sagt Karger.

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Allerdings war auch der Aufschrei groß, als Facebook im vergangenen Jahr WhatsApp kaufte. Threema konnte im Anschluss an die Übernahme die Zahl seiner Nutzer versiebenfachen. „Mittlerweile spricht niemand mehr von Threema“, so Karger. Und WhatsApp ist im Anschluss weiter gewachsen – im Januar waren es weltweit 700 Millionen Nutzer.

Am fünften Februar legt Twitter seine Quartalszahlen vor. Sollten die Umsatz- und Nutzerwachstumszahlen weiter unbefriedigend sein, könnten die Aktionäre für ein Angebot Googles zu haben sein.

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