Platten, Polaroid und Papier: In Zeiten von Apps boomen Notizbücher

Platten, Polaroid und Papier: Warum das Comeback des Analogen mehr als ein Hype ist

In Zeiten von Apps boomen Notizbücher

Das einzig Digitale im Lamy-Shop in der Heidelberger Innenstadt sind die Kassen. Die analogen Schreibgeräte, zu Preisen zwischen 4,95 und 400 Euro, liegen auf hellen Theken ausgebreitet. Studenten suchen Griffel für die Vorlesung, eine junge Chinesin kauft ein Kugelschreiberset für 185 Euro. Ein Paar, das nach dem passenden Lamy für die Tochter sucht, lässt sich beraten: Farbe? Edelstahl- oder Goldfeder? Oder lieber mit Titaniumlegierung? Kolbenfüllhalter oder Patronen? Am Ende entscheiden sich die beiden für den „accent“ für 59 Euro.

„Je mehr E-Mails verschickt oder Nachrichten über das Smartphone versendet werden, desto mehr wird das Schreiben zu etwas Besonderem“, sagt Lamy-Geschäftsführer Bernhard Rösner. Das Geschäft in der Heidelberger Innenstadt, einer von weltweit 160 Lamy-Shops, setzt über eine Million Euro im Jahr um, Lamy insgesamt über 110 Millionen Euro. Noch nie in seiner 87-jährigen Geschichte hat das Unternehmen so viele Schreibgeräte, vor allem Füllfederhalter, verkauft. Jährliche Wachstumsrate: 25 Prozent. Wettbewerber wie Staedtler, Schwan-Stabilo oder Faber-Castell berichten von ähnlichen Zahlen.

Oder Moleskine. Das Mailänder Unternehmen hat auf der Basis des ältesten analogen Produkts – Papier – eine globale Notizbuchmarke erschaffen: stabiler Einband, weich und ledrig, abgerundete Ecken, elfenbeinfarbenes Papier, Gummiband zum Verschließen. Angeblich haben Hemingway und Picasso ähnliche Notizbücher benutzt. Ob das stimmt, weiß man nicht so genau. Hauptsache, die Geschichte ist gut.

Lamy Alles noch mal neu schreiben

Lamy entwickelt sein Produkt in immer neuen Variationen. Der Heidelberger Stiftehersteller lässt sich dabei viel Platz für Ideen – und Zeit.

Mittelstand: Lamy erfindet sich ständig neu. Quelle: PR

Moleskine gibt es erst seit 1997. Mehr als 100 Millionen Euro setzt der Schreibwarenhersteller in 100 Ländern um. Mittlerweile bietet Moleskine in seinen Shops auch Reisetaschen an, in Italien gibt es sogar Moleskine-Cafés. Mit einem ähnlichen Konzept hat auch das deutsche Familienunternehmen Leuchtturm, das zuvor Briefmarkenalben produzierte, immensen Erfolg.

Dabei ist Moleskine kein Hobby rückwärtsgewandter Technikfeinde. Der Private-Equity-Investor Syntegra, dem die Italiener seit 2006 gehören, sorgt dafür, dass Moleskine auch digitale Möglichkeiten nutzt. In der Mailänder Zentrale haben die Entwickler zusammen mit der kalifornischen Evernote ein System entwickelt, das handschriftliche Notizen via Smartphone-App scannt und in einen Datenspeicher überträgt.

Auch Polaroid kombiniert digitale und analoge Welt. Der legendäre Hersteller von Sofortbildkameras hat einen Fotodrucker entwickelt, der ans Smartphone angeschlossen werden kann. Dabei schien die Firma der Handykameras wegen schon erledigt: 2008 beantragte der Fotopionier Insolvenz. Der Wiener Biologe und Fotograf Florian Kaps sah das Potenzial: Viele Hobbyfotografen wollen ihre Bilder wieder anfassen, Profis nutzen Polaroids für Probeaufnahmen.

Das Comeback des Analogen ist mehr als eine bloße Modeerscheinung

Über Umwege kaufte Kaps mit seinem Unternehmen The Impossible Project 2008 die letzte Polaroid-Filmfabrik im niederländischen Enschede. Die produziert jährlich heute wieder über eine Million Filme. Seine Kapitalmehrheit hat Kaps inzwischen an einen polnischen Millionär verkauft.

Praxistipps für Vinyl-Liebhaber

  • Die richtige Einstellung

    Plattenspieler müssen exakt waagerecht stehen. Benutzen Sie bei der Aufstellung eine gute Wasserwaage und achten Sie besonders darauf, dass der Plattenteller waagerecht steht und die Nadel des Tonabnehmers senkrecht dazu. Die meisten Hersteller liefern Einstellschablonen mit. Auch eine Tonarmwaage für die Einstellung der Auflagekraft ist ein sinnvolles Zubehör. Bei manchen Fachhändlern gibt es auch Testschallplatten, mit denen man herausfinden kann, ob Tonarm und Magnetsystem optimal eingestellt sind.

  • Schwingungen und Vibration

    Plattenspieler mögen Schwingungen und Vibrationen nicht. Im Fachhandel gibt es Absorberfüße, die das Laufwerk beispielsweise vor Trittschall schützen.

  • Der richtige Standort

    Plattenspieler vertragen auch Schallwellen nicht besonders gut. Stellen Sie den Plattenspieler nicht direkt neben einen großen Standlautsprecher und auch nicht so, dass die Lautsprecher direkt auf den Plattenspieler gerichtet sind.

  • Tuning für den Plattenspieler

    Auch Plattenspieler lassen sich tunen. Ein besseres Tonabnehmersystem bringt unter Umständen einen verblüffenden Klanggewinn. Wenn also der erste Nadelaustausch bei Ihrem Plattenspieler ansteht, lassen Sie das Tonabnehmersystem bei Ihrem Fachhändler gegen ein höherwertiges austauschen.

  • Die Kabelverbindung zum Verstärker

    Eine hochwertige Kabelverbindung zum Verstärker kann den Klang verbessern, wenn auch nicht so deutlich wie der Tonabnehmer. Achten Sie aber zumindest darauf, dass das Kabel nicht länger ist als unbedingt nötig.

  • Beratung vom Fachmann

    Kaufen Sie den Plattenspieler bei einem Fachhändler. Hier haben Sie nicht nur Anspruch auf ausführliche Beratung, ein guter Fachhändler übernimmt auch Montage und Justierung von Tonarm und Tonabnehmer.

Doch dem Analogen bleibt der Polaroid-Retter treu. Er hat Supersense eröffnet – ein Spezialgeschäft für analoge Dinge, von Kunstdrucken über Vinylplatten bis Polaroid-Fotos im XXL-Format. Das Ladenlokal, nahe am Wiener Prater gelegen, steht für Kaps’ feste Überzeugung: Das Comeback des Analogen ist mehr als eine bloße Modeerscheinung. 1000 Kilometer weiter nördlich denkt der Hamburger Sven Lohmeyer das Gleiche. Der Stadtplaner will an der Alster ein Brettspielcafé eröffnen: „Es gibt ein urmenschliches Bedürfnis, sich mit anderen zusammenzusetzen und etwas gemeinsam zu erleben“, sagt er. Da könne die digitale Welt nun mal nicht mithalten.

Auch bei Optimal Media investieren sie – in neue Pressautomaten. Direkt neben den beeindruckend lärmenden Altmaschinen verrichtet heute schon ein wesentlich unscheinbarerer Automat seinen Dienst. Mit einem Industriepartner hat Optimal erstmals seit Jahren eine neue Pressmaschine entwickelt, die hier seit Jahresbeginn Schallplatten fertigt. Stellt sie Fertigungschef Altmann zufrieden, dürfte Optimal über weitere Investitionen nachdenken.

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Nach der Logik des Silicon Valley, sagt Buchautor Sax, die sich vor allem nach der wirtschaftlichen Verwertbarkeit richte, dürfte es die analoge Wiedergeburt gar nicht geben. Doch Technologie könne eben nicht alles bieten: „Seit ihrer Erfindung ist die Glühbirne die dominante Lichtquelle“, sagt Sax, „trotzdem werden heute mehr Kerzen verkauft als jemals zuvor.“

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