Religiöse Apps: Ein Netzwerk mit direktem Draht zum lieben Gott

Religiöse Apps: Ein Netzwerk mit direktem Draht zum lieben Gott

, aktualisiert 16. April 2017, 12:23 Uhr
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Das Handy ist nicht nur in der Kirche, sondern die Kirche auch auf dem Handy dabei – religiöse Apps machen es möglich.

von Johannes StegerQuelle:Handelsblatt Online

Gebetsaufruf via Twitter, Internet-Beichte und Apps zum Gemeindeleben: Religiöse Gemeinschaften entdecken die Kraft von sozialen Netzwerken, um Gläubige an sich zu binden. Ein Ausflug in die Welt der digitalen Seligkeit.

DüsseldorfAllabendlich ertönt ein leises Vibrieren, das die Aufmerksamkeit des Smartphone-Besitzers auf das Display lenkt. In einer Whatsapp-Gruppe ist eine neue Nachricht aufgetaucht. Es ist kein lustiges Partyfoto oder irgendeine mit Emoticons angereicherte Statusmeldung, sondern ein Aufruf zur Andacht. Denn jeden Abend verschickt das katholische Projekt „Einfach gemeinsam beten“ einen Impuls zum Beten – via Whatsapp in die regionalen Gebetskreise.

Die Initiative des bayerischen Jugendpfarrers Daniel Rietzler ist keinesfalls einzigartig. Überall auf der Welt gibt es Apps und Online-Dienstleistungen, die ihren Nutzern Halt und Trost versprechen. Seelsorge, Erziehung oder regelkonformes Leben laufen nicht mehr nur über Gemeinden und Priester, sondern auch über Whatsapp, Facebook oder eigens gegründete Apps.

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Ob Christen, Juden oder Muslime: Jede Glaubensgemeinschaft gibt ihren Schäfchen das digitale Rüstzeug für ein gottesfürchtiges Dasein mit auf den Lebensweg. Dahinter fördern damit nicht nur die Seelsorge.

Pfarrer Rietzler aus dem bayerischen Weißenhorn bekam die Idee auf dem Weltjugendtag 2016 in Krakau: „Viele junge Menschen haben mit darauf angesprochen, dass sie sich Hilfestellung für das persönliche Gebet wünschen und ihren Glauben mehr in den Alltag integrieren wollen.“ Ein befreundeter Pater hatte das Modell „Whatsapp-Gebetskreis“ bereits zu Weihnachten ausprobiert, gemeinsam mit ihm entwickelte Rietzler ein Konzept, das Anfang Januar startete. In verschiedenen Regionalgruppen kamen zu Anfang rund 1.000 Jugendliche zusammen. Mittlerweile zählt die Runde über 2.500 Jugendliche in über 130 regionalen Gruppen – in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz: „Wir haben mittlerweile sogar eine Gruppe in Rom“, erzählt Rietzler. Verschiedene Initiativen und Personen im Bistum Augsburg, besonders auch Weihbischof Florian Wörner seien tatkräftige Unterstützer geworden, so Rietzler.

Jeden Abend schickt die Initiative einen sogenannten Audioimpuls, der für das morgendliche Gebet anregen soll. Für die Morgenandacht hat das Projekt eine feste Gebetsvorlage herausgegeben, für das etwa 12 Minuten veranschlagt sind. Die Impulse bewegen sich jede Woche unter einem anderen Motto und werden nicht nur von Priestern verschickt, sondern auch von Ordensschwestern oder etwa jungen Gläubigen – auch eine katholische Psychotherapeutin war schon unter den Impulsgebern, erzählt Rietzler: „Das soll zeigen, dass eben nicht nur Priester die Kirche sind, sondern jeder etwas beitragen kann.“ In der Karwoche bis Ostersonntag kommen die Impulse vom Weihbischof Florian Wörner persönlich.

Der Rückgriff auf soziale Netzwerke ist nicht neu, aber immer mehr Kirchen und Gemeinden entdecken diese digitale Welt für ihre Mitglieder. Gebetsaufrufe via Twitter, Internet-Beichte oder Apps, die über das Gemeindeleben informieren. Was in Deutschland noch als Nische bezeichnet werden kann, ist in den USA längst ein Trend, bestätigt Heidi Campbell, Religions- und Kommunikationswissenschaftlerin an der A&M University in Texas: „Die Beliebtheit der Apps steigt.“

Die zunehmende „Mobilisierung“ des Internets durch Smartphones bedeute, dass auch Kirchen und religiöse Gruppen Möglichkeiten geben wollen, damit Menschen ihren Glauben 24 Stunden und sieben Tage die Woche ausleben können. Eine App mit direkter Verbindung nach Oben, wenn man so will.


Gebete, die 193 Jahre lang sind

In den USA gibt es eine Reihe von populären Apps, die religiöse Inhalte bieten. Schon 2015 sprach das Tech-Portal „TheVerge“ von einem Boom. Da gibt es zum Beispiel die App „Praywithme“, mit deren Hilfe sich Gläubige online zum Gebet treffen und vernetzen können. Laut eigenen Angaben hat die App Nutzer aus 194 Ländern, rechnet man die Dauer aller abgegebenen Gebete zusammen, komme „Praywithme“ auf 193 Jahre.

Oder Neil Ahlsten, der Google verlassen hat, um 2014 die App „Abide“ auf den Markt zu bringen. Nutzer sollen mit ihr christliche Lebenshilfe, Anleitung zur Meditation und Orientierung finden: Eigenen Angaben zufolge hilft sie inzwischen rund vier Millionen Menschen in 210 Ländern weltweit bei Depression, Ängsten oder Alltagsproblemen. Zudem sei die App rund ein Jahr lang unter den Top-10-Apps im iTunes-Store unter dem Suchbegriff „Depression“ gelaufen.

Und nicht nur in den USA gibt es solche Anwendungen: In Deutschland bietet zum Beispiel die App „Praybox“ Jugendlichen die Möglichkeit zum gemeinsame Beten. Dahinter steckt der SCM Bundes-Verlag, der unter anderem auch die Homepage „Amen.de“ betreibt. Dort können Anliegen anonym veröffentlicht werden, für die dann die anderen Nutzer beten können. Seit 2013 kamen auf diese Weise 51.911 Anliegen, 1.829.267 Gebete und 4.163 Beter zusammen, teilt „Amen.de“ mit.

Doch warum das alles? Mara Einstein, Marketing-Professorin am New Yorker Queens College und Autorin des Buches „Brands of Faith: Marketing Religion in a Commercial Age“, meint: „Je mehr Menschen mit einer Organisation interagieren, desto schwerer fällt es ihnen, sie zu verlassen.“ Marken würden genauso verfahren. Und Einstein sieht noch einen weiteren Aspekt, der an die Welt des Marketings erinnert: „Eine App erinnert einen konstant an die Organisation.“

Dabei handelt es sich auch um ein beliebtes Mittel in der Markenführung: „Ein gutes Beispiel ist Facebook. Es gab eigentlich keinen Grund eine extra Messenger-App zu entwickeln“, meint Einstein. Es sei lediglich darum gegangen, mehr Raum für die Marke auf dem Smartphone zu gewinnen und dadurch die Aufmerksamkeit zu steigern. Der Fokus vieler Apps liege auf dem Bildungsaspekt, ergänzt Kommunikationswissenschaftlerin Campbell: „Oder um den Menschen dabei zu helfen, einen religiösen Lebenswandel zu führen.“

Und das haben nicht nur Christen für sich entdeckt. Apps, wie etwa „Is it kosher?“ oder „kosCHer-app“, erlauben es Juden, Lebensmittel mit den Speisegesetzen ihres Glaubens abzugleichen. Produkte werden per Barcode eingescannt und mit einer Datenbank abgeglichen, die koschere Nahrung auflistet und kennzeichnet. „Is it kosher?“ sammelt derartige Informationen aus über 20 Ländern weltweit. Apps wie „Halalcheck“ bieten ein ähnliches Angebot für Muslime.


Partnersuche per Religions-App

Durch die Nutzung von neuen Medien steigt die Erreichbarkeit, meint Religionswissenschaftlerin Nicole Bauer von der Universität Heidelberg: „Religiöse Gruppen können so Menschen erreichen, die vorher vielleicht gar nicht viel Kontakt mit den Angeboten hatten.“ Die Hürden für ein religiöses Leben seien dadurch geringer geworden: „Die Praktiken werden dadurch geändert und vereinfacht – es braucht jetzt zum Beispiel keinen 'heiligen Ort' mehr, um beispielsweise ins Gebet zu kommen.“ So werde es für Gläubige auch leichter diese Praktiken in den Alltag zu integrieren. Apps erleichtern das Leben eben nicht nur beim Einkaufen oder der Navigation.

Und nicht nur bei der Einhaltung von Speisevorschriften hilft die Digitalisierung: Auch bei der Partnerwahl gibt es technische Unterstützung. In Deutschland treffen sich Christen zum Beispiel bei „himmlischplaudern.de“. In Großbritannien nutzen manche junge Muslime inzwischen die Dating-App „Mutzmatch“.

Shahzad Younas hat die Dating-Seite gegründet, um praktizierenden Muslimen bei der Partnersuche zu helfen. Dort können Nutzer ihre Suche zum Beispiel auch nach Herkunft filtern. „Vielleicht bist du ein britischer Pakistaner, der nur andere Pakistaner sucht, oder nur schiitische oder sunnitische Muslime“, erklärt der Gründer. „Wir hatten auch schon relativ viele, die jemanden aus dem Ausland geheiratet haben, statt nur in ihrer eigenen Region zu suchen.“

Nutzer können beispielsweise auch ihr Profilbild solange verstecken, bis sie es für schicklich halten, es dem anderen zu zeigen. Damit sich alle anständig verhalten, gibt es auch eine Funktion, die es Dritten erlaubt, eine Online-Unterhaltung zu überwachen. In Zeiten der Digitalisierung findet jeder der will, ein kleinen bisschen Heil an einem ganz ungewohntem Ort: dem Smartphone.

Quelle:  Handelsblatt Online
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