Republica 2017: Was von der Liebe übrig blieb

Republica 2017: Was von der Liebe übrig blieb

, aktualisiert 10. Mai 2017, 20:56 Uhr
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Eine Besucherin der Digitalmesse Republica in Berlin: Was bleibt von der „Liebe“ im Netz?

von Johannes StegerQuelle:Handelsblatt Online

Nach drei Tagen geht die Digitalkonferenz Republica in Berlin zu Ende. Die Teilnehmer haben diskutiert, geforscht und gefeiert. Doch was bleibt von dem Ziel „Liebe zu verbreiten“?

BerlinAn Bühne L2 der Republica ist es gemütlich. Im alten Kühlhaus, das für drei Tage zum Labor der Digitalkonferenz deklariert worden ist, dürfen Zuschauer ihre Schuhe ausziehen und es sich mit Socken auf einer Sofafläche oder mit Kissen auf dem Teppichboden bequemmachen. Doch viele kommen der Aufforderung, es sich hier gemütlich zu machen, dennoch nicht nach. „Ich habe meine Schuhe jetzt auch wieder angezogen“, sagt der Moderator schließlich. Liegt es vielleicht daran, dass die Welt des Digitalen in den vergangenen Monaten dann doch nicht mehr so kuschelig ist?

„Love out loud“ – das war das Motto der elften Republica in Berlin. Das diesjährige Ziel Europas größter Digitalmesse: „Liebe verbreiten“. Gegen Hassreden und Fake-News im Netz, für mehr konstruktive Kommunikation, mehr Transparenz und Aufklärung. Doch was bleibt, wenn etwa 8.000 Menschen, die sich in jeweils 60 Minuten andauernden Vorträgen, Diskussionen und Workshops ausgetauscht haben, wieder auseinandergehen? Was verlässt die Filterblase, in der sie sich bewegen? Dringen überhaupt konkrete Handlungsanweisungen nach außen?

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Im Kühlhaus bei der „Gameshow gegen Fake-News“ wurde es konkret. Organisiert von Max Hoppenstedt und Theresa Locker von der Nachrichtenplattform „Motherboard“, basiert das Spiel auf 1.880 Facebook-Posts von acht Facebook-Seiten von Medien aus einem Zeitraum von sechs Tagen im November 2016. Facebook-Posts, die teilweise so stark zugespitzt sind, dass sie nicht mehr der Wahrheit entsprechen – Fake-News, könnte man sie nennen.

Die Regeln der Gameshow: Die Spieler müssen sagen, ob sie meinen, ein Post sei irreführend formuliert oder komplett falsch. Zum Beispiel ein Post, der einen Artikel zur Clinton Foundation bewirbt. Im Post heißt es, Deutschland finanziere die Stiftung. In Wirklichkeit geht es im Artikel darum, dass die Stiftung und eine deutsche Organisation Geld für ein gemeinsames Entwicklungsprojekt ausgeben. Gepostet von „Sputnik“. Das Ziel des Spiels: Die Medienkompetenz der Facebook-Nutzer, in diesem Fall Republica-Besucher, stärken.

„Wir diskutieren hier auf der Republica die ganze Zeit über Fake-News, aber man kann etwas dagegen machen. Es gibt Material, mit dem man sich auseinandersetzen kann. Es gibt auch Menschen, die das verstehen. Fake-News sind keine Naturgewalt, die plötzlich über uns gekommen ist und der wir jetzt machtlos ausgeliefert sind“, erklärt Max Hoppenstedt. „Man kann dieses Phänomen differenzieren, analysieren, auseinander nehmen. Fake News – das ist nicht alles dasselbe.“

Auch Rasmus Kleis Nielsen, Direcotr of Research am Reuters Institute für Journalismusforschung an der Universität Oxford, sieht ein großes Problem an der Debatte um Fake-News darin, dass sich zwar alle darüber einig seien, dass Fake-News schlecht sind, aber keinesfalls Einigkeit darüber herrsche, was diese konkret seien: „Wenn man irgendetwas untersuchen will, muss man es definieren. Die sehr einfache Definition ist falsch und gemachte Nachrichten, die sich als Journalismus tarnen“, erklärt Nielsen. Doch davon gäbe es wenige Fälle. Erweitere man die Definition auf Inhalte, die unwahre Positionen enthalten, dann würde es komplizierter: „Denn davon gibt es eine Menge.“

Nielsen will die Debatte um Fake-News wieder zur Wissenschaftlichkeit zurückführen: „Die Diskussion ist sehr intensiv und politisch. Zudem wird sie polarisiert geführt – und mit sehr wenigen Belegen.“ So wisse man zum Beispiel nicht, wie wichtig sie wirklich für den Ausgang der US-Wahl gewesen seien, so Nielsen: „Wir brauchen wissenschaftliche Beweise“, forderte der Journalismusforscher auf der zeitgleich stattfindenden Media Convention.

Auch die Netzaktivistin Jillian York plädierte auf der Digitalkonferenz für ein Umdenken. York ist Mitglied der Electronic Frontier Foundation, die sich für Grundrechte der digitalen Gesellschaft einsetzt: Die Debatte um Fake-News hätte ein Schwarz-Weiß-Denken etabliert, das es so nicht gäbe: „Auf der einen Seite gibt es Fake-News, auf der anderen die echten Nachrichten.“


Die dunkle Seite des Netzes

Aber das sei vielschichtiger: Es finge an bei objektivem Journalismus, ginge über meinungsgetriebene Inhalte, so York: „Und bei den Fake-News geht es von staatlicher Propaganda bis hin zu Seiten, die mit Klicks ihr Geld verdienen.“ Jeder Teil des Spektrums brauche eine eigene Herangehensweise und es sei nicht immer einfach zu sagen, was wahr oder falsch sei. Sie debattierte mit Google-Manager Nicklas Lundblad über die Einsatzmöglichkeiten von Technologie gegen die dunklen Seiten des Netzes. Für York brauche es weiter Menschen, die darüber entscheiden, was wahr und was falsch sei. Ein Algorithmus könne das nicht allein.

Um Algorithmen ging es auch an anderer Stelle: Der Jura-Professor Frank Pasquale von der Universität Maryland forderte von Konzernen wie Facebook und Google mehr Transparenz und Mitgestaltungsmöglichkeit: „Bring your own algorithm, so we bring your own booze.“ So solle man zum Beispiel dem Facebook-Algorithmus sagen können: Das sind die Zeitungen oder Menschen, von denen ich jeden Post sehen will. Schützenhilfe bekamen Forderungen wie diese von Bundesinnenminister Thomas de Mazière, der im netzpolitischen Dialog mit Chaos-Computer-Club-Sprecherin Constanze Kurz und Republica-Gründer Markus Beckedahl sagte, dass Algorithmen niemals neutral seien. Ihre Entscheidungsprozesse würden von Schöpfern und Anwendern für ein bestimmtes Ziel geschaffen, so der Innenminister. Das sei eine politische Entscheidung: „Wie viel Freiheit wollen wir den Algorithmen überlassen?“

Mark Surman, Chef der Mozilla Foundation, forderte: „Wir müssen das Internet endlich wie einen normalen Bereich verstehen, in dem es Regeln und Gesetze geben muss.“ Er blickt zurück: „In den 1960er-Jahren hat sich niemand Gedanken um die Umwelt gemacht – wir haben Straßen, Fabriken gebaut und es gab jede Menge wirtschaftliches Wachstum, aber wir haben nicht daran gedacht, dass wir uns selbst und den Planeten dadurch in Gefahr bringen.“ Die drohe zum Beispiel, wenn Botnetze und Hacker zusammenkämen und unsichere vernetzte Geräte überall auf der Welt als Waffe missbräuchten: „Wenn wir Sicherheit als wichtig für unsere Wirtschaft verstehen, dann werden Unternehmen, Bürger und Regierungen handeln und wir können dieser digitalen Sicherheitskrise begegnen.“

So wie damals in den 1960er-Jahren beginne ein Umdenken, meint Surman: „Die Gesundheit des Internets heute, ist die Umwelt der 1960er-Jahre.“ Es sei an der Zeit darüber nachzudenken, welche Art von Wirtschaft und Demokratie wir schaffen wollten. Und was das ethische und verantwortungsvolle Rahmenwerk wäre, damit unsere digitale Umwelt gesund werden könne.

Bei aller Hatespeech, Fake-News und Algorithmen: Die Republica war noch viel mehr. Es ging um Liebe in digitalen Zeiten, virtuelle Realität, Gehirnmessung oder die Digitalisierung der Tiefseeforschung. Wer also genug hatte, fand genug Ablenkung. Doch was bleibt am Ende? Zu Beginn der Republica mahnte Friedenspreisträgerin Carolin Emcke davor, nicht nur sich selbst zu sehen, sonst gäbe es ein „neolibertäres Spektakel“. Oder wie auf einem Plakat in einer Halle zu lesen war: „Nur in geschlossenen Räumen entsteht Schimmel“. Anreize genug hat es gegeben. Vielleicht wird es bald dann auch wieder kuschelig.

Quelle:  Handelsblatt Online
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