Republica: Das Klassentreffen der biederen Blogger

Republica: Das Klassentreffen der biederen Blogger

, aktualisiert 03. Mai 2016, 11:37 Uhr
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Ein Teilnehmer arbeitet an einem bunt beklebten Laptop. Die Konferenz gilt als Szenetreff.

von Miriam SchröderQuelle:Handelsblatt Online

In Berlin trifft sich derzeit die digitale Szene auf der Konferenz Republica. Was auffällt: Die Pioniere von einst sind erwachsen geworden. Sie haben verstanden, dass sie stärker wie Unternehmer handeln müssen.

Die gedruckten Programmzettel waren als erstes ausverkauft. Offenbar sehnen sich auch die digitalen Pioniere nach zehn Jahren Republica nach ein bisschen praktischer Orientierung. Drei Tage, 17 Bühnen, dafür ist der Bildschirm eines Telefon zu klein. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass so viele Leute gekommen sind, die noch in einer Welt leben, in der morgens am schwarzen Brett steht, was es mittags in der Kantine gibt.

Die Hälfte der angemeldeten 7000 Besucher ist zum allerersten Mal da. Das Klassentreffen der Blogger hat sich längst zu einer Großveranstaltung entwickelt, für alles und jeden, der mit Internet zu tun hat. Großkonzerne wie Daimler und IBM sponsern das Event, gefühlt ist jeder zweite hier im Auftrag seines Arbeitgebers hier, um „mal zu gucken, was die da so machen.“ Auch Messeveranstalter sind gekommen, die gehört haben, dass es auf der Republica weniger langweilig zugeht, als auf anderen Branchentreffen.

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Es wird noch immer viel über Datenschutz und Netzpolitik diskutiert, aber auch Feminismus und andere Abseits-Themen, über die man vor zehn Jahren in den etablierten Medien nichts gefunden hat, in den Blogs aber schon. Inzwischen stehen auch allgemeinere Aspekte wie virtuelle Realität, Gesundheit und Bildung oder die Mobilität der Zukunft auf der Agenda. Themen, die nicht nur eine große gesellschaftliche Relevanz haben, sondern mit denen man auch viel Geld verdienen kann.

„Republica, Republica, Republica“, war der erste Tweet, den Mitgründer Johnny Hauesler bei Twitter absetzte, das damals noch ganz neu war. Heute twittern sie sogar in Baden-Württemberg. Das Bundesland hat einen Stand auf der Republica und schenkt Freigetränke aus, wenn man einen Tweet mit dem Hashtag #BW an der Bar vorzeigt. „Früher war es leicht zu sagen, wir benutzen eine Software. Heute unterscheidet uns das nicht mehr. Selbst die CSU hat auf Twitter ein Snapchat-Logo eingestellt“, sagt Sascha Lobo, Blogger der ersten Stunde, den sie hier „den Klassensprecher“ nennen. Viele hundert Leute sind zu seiner Ansprache am Abend des ersten Tages gekommen. Lobo bietet Orientierung, eine Antwort auf die Frage: Was machen wir hier eigentlich?

Die Republica ist im Grunde ein bisschen wie das Internet selbst: Es gibt so viel von allem, dass sich mancher bloß erschlagen auf eine der Matratzen haut, die sie hinter dem alten Bahnhof am Gleisdreieckpark neben einem Berg mit Unkraut aufgebaut haben. „#Respekt“, steht dort auf einer Wand, die Worte sind zusammengesetzt aus Sonnenblumen, in Töpfen. „Wir wollten eine bessere Welt durch das Internet“, sagt Lobo. Aber die Lage sei ja jetzt doch bloß „so mittel.“

Vorratsdatenspeicherung, Netzneutralität, Ausbau der Netz-Infrastruktur, das sind Themen, die von Anfang an zur Republica gehörten, und über deren Bewertung man sich hier seit zehn Jahren einig ist. „Von den 17 Attentätern, die seit 2014 in der EU Anschläge verübt haben, waren 15 den Behörden bekannt. Trotzdem müssen wir alle weiter überwacht werden, gegen den Terror“, ruft Sascha Lobo, bevor er sich die Vectoring-Pläne der Telekom vornimmt, die nach Meinung „ungefähr aller Experten, die nicht von der Telekom bezahlt sind“, nichts taugten. Wir gegen Staat und Großkonzerne, das funktioniert hier immer. Auch wenn Lobo nicht zu erwähnen vergisst, dass er mit seinem Irokesenschnitt für Vodafone wirbt.

Überhaupt kommen sie hier eigentlich ganz gut aus mit den Konzernen. In diesem Jahr haben so viele Unternehmen und Institutionen einen Stand gemietet wie nie zuvor. Die Deutsche Bahn möchte sich als Arbeitgeber für die digitale Elite präsentieren. Das Arbeitsministerium herausfinden, wie die Leute ticken, für die man gerade ein großes Gesetzbuch mit dem Titel „Arbeit 4.0“ plant.


„Ich brauche ein Wir“

Bosch hat einen Tisch aufgebaut, auf dem man Autos aus Legosteinen bauen kann. Zur Inspiration für die herumstehenden Unentschlossenen haben die Bosch-Leute ein fahrendes Wohnzimmer gebaut und ein WC-Auto, das an das Wohnzimmerauto andocken kann. Auf diese Weise will der Konzern mit Leuten ins Gespräch kommen und sie fragen, wie sie sich die Mobilität der Zukunft vorstellen. „Design Thinking“, nennt man sowas.

Bosch könnte sich mit seinen Legos auch auf den Kudamm oder auf die Kö stellen – da müsste man den Leuten aber erst einmal erklären, dass ihr Auto, ohne dessen Präsenz in der Garage sie sich ein Leben heute noch nicht vorstellen können, bald selbst fahren wird, und Fremde mit an Bord nimmt, anstatt den ganzen Tag auf einem Firmenparkplatz herumzustehen.

Auf der Republica hoffen sie auf Menschen zu treffen, die sich für die Frage interessieren, ob das selbstfahrende Auto in Zukunft ihre Musik abspielen wird, wenn sie einsteigen, und sie automatisch bei Facebook einloggt. Bosch hat aber auch tiefgründige Themen mitgebracht: Was zum Beispiel soll passieren, wenn das selbstfahrende Auto merkt, dass es gleich mit voller Kraft gegen einen Baum fährt und der einzige Ausweg in die Menschengruppe daneben führt. Soll das Auto dann seinen Insassen schützen oder die Passanten? Das sind so Fragen, die eine digitale Gesellschaft umtreiben, möchte man meinen.

Hört man Sascha Lobo zu, ist die digitale Gesellschaft gerade mal wieder ziemlich mit sich selbst beschäftigt. So viel wie Lobo über Snapchat lästert, den bei Jugendlichen schon seit Jahren angesagten und jetzt auch vom Establishment entdeckten Social-Media-Kanal, findet sich darin trotz aller Ironie auch Wehmut über das Verblassen, der guten alten Zeit. „Ich brauche ein Wir“, sagt Lobo, ein „Wir“ der an einem digitalen Diskurs Interessierten, die daran glauben, dass man mit diesen Technologien das Leben verbessern kann. Zahnbürsten, die einen per App daran erinnern, sich die Zähne zu putzen, weil die Zahn-Zusatzversicherung sonst ausläuft, gehören laut Lobo nicht dazu.

Solch ein Wir-Moment ist auch die Diskussion des Philosophen Luciano Floridi mit Edward Snowden. Das Gespräch wird sogar in Gebärdensprache übersetzt. Als Snowden zugeschaltet wird, gibt es heftigen Applaus. Er spricht über den Schutz von Privatsphäre, der für jeden wichtig sein sollte, nicht nur für die, die etwas zu verstecken haben. Das Recht auf freie Meinung sei auch für den wichtig, der glaube, er habe nichts zu sagen. Denn wie soll man sich eine freie Meinung bilden, wenn es keinen freien Zugang zu Informationen gibt? Der Applaus gilt nicht nur Snowden selbst, seiner Leistung und seinem Mut.

Er ist auch Ausdruck der großen, allgemeinen Verunsicherung einer Gesellschaft, die sich nicht entscheiden kann zwischen den Bequemlichkeiten, die ihr das Internet bietet und der staatsbürgerlichen Pflicht, wachsam zu sein, auch wenn es anstrengend ist. „Wenn Du etwas verstecken willst, pack es in etwas Langweiliges“, sagt die Standford-Professorin Barbara van Schewick, als sie über das Gesetzgebungsverfahren zur Netzneutralität spricht.


„Hört auf, bloß Eure Blogs vollzuschreiben“

Wie entkommen wir der Macht der Algorithmen, die darüber bestimmen, wer von Amazon Same-Day-Delivery bekommt und wer nicht, sind die Inhalte auf Youtube noch echt, oder längst von der Werbeindustrie gekapert, wie lange ist das Internet noch für alle da und wann müssen wir wie viel dafür bezahlen, dass unsere Daten schneller weitergeleitet werden als die von anderen? Viele dieser Fragen werden im Rahmen der Media Convention diskutiert, die parallel zur Republica von der Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg ausgerichtet wird. Trotz des langweiligen Namens sind die Vorträge oft so überlaufen, dass die Leute vor verschlossenen Türen stehen.

Wer der Welt zeigen möchte, dass er wachsam ist, kann sich auf der Republica auch einen Kapuzenpulli kaufen, auf dem „Landesverrat“ steht. Er wird auf dem Stand von Netzpolitik verkauft, dem Portal, das Markus Beckedahl betreibt, gegen den vergangenes Jahr ermittelt wurde, weil er Dokumente veröffentlicht hat, in denen es um die Internetaktivitäten der Geheimdienste ging. Die Ermittlungen wurden eingestellt, die Angelegenheit hat Beckedahl viel Aufmerksamkeit – und Spendengelder verschafft.

Die Pioniere von einst haben begriffen, dass ihre Pionierarbeit umsonst war, wenn sie das Spiel denen überlassen, die sich erst spät auf das Internet eingelassen haben – dafür jetzt aber mit umso mehr Macht und Geld in dem einst freien Raum agieren.

„Hört auf, bloß Eure Blogs vollzuschreiben“, gibt Sascha Lobo seinen Zuschauern als Orientierungshilfe mit an die Hand. „Verwandelt den Dagegen-Optimismus von Twitter in ein ökonomisches Dagegen. Gründet Unternehmen und erobert Euch den digitalen Raum zurück!“

Quelle:  Handelsblatt Online
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