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Research in Motion: So will Blackberry aus der Krise kommen

Quelle: Handelsblatt Online

Das neue Blackberry-Modell verzögert sich, der Aktienkurs sinkt, Kunden verlieren das Vertrauen: RIM kämpft ums Überleben. Konzernchef Thorsten Heins verrät nun, mit welch radikalen Maßnahmen er die Wende schaffen will.

Schwere Aufgaben liegen vor dem neuen RIM-Chef Thorsten Heins. Die Aktie hat im vergangenen Jahr dramatisch an Wert verloren, zudem geriet das Unternehmen mit einem mehrtägigen Ausfall ihrer Email-Server negativ in die Schlagzeilen. Um den Blackberry-Hersteller wieder Erfolgen wie einst zu führen, muss Heins die Fehler, die unter der Führung seiner Vorgänger Mike Lazaridis und Jim Balsillie begangen wurden, ausmerzen. Eine Analyse der sieben größten Versäumnisse.

Bild: Reuters

Thorsten Heins ist um seinen Job nicht zu beneiden. Erst kürzlich verkündete der neue Chef des kanadischen Smartphone-Herstellers Research in Motion (RIM) den ersten Quartalsverlust seit 2004. Der deutsche Manager muss 5000 der 16.000 Stellen abbauen. Und er musste zugeben, dass der neue Hoffnungsträger des Konzerns, das Betriebssystem „Blackberry 10“, das im Herbst auf den Markt kommen sollte, wegen technischer Probleme erst Anfang 2013 marktreif ist.

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Der Niedergang des Blackberry-Herstellers und einstigen kanadischen Nationalstolzes ist atemberaubend. Die RIM-Aktie - einst 150 Dollar wert - liegt jetzt bei sieben Dollar. Doch Heins gibt sich im Interview mit dem Handelsblatt kämpferisch. „Wir müssen schlanker und effizienter werden, wir haben neue Manager eingestellt - auch Turn-around-Spezialisten“, sagte Heins im Exklusiv-Interview mit dem Handelsblatt.

„Das Wichtigste in dieser Lage aber ist Offenheit.“ Das Management bleibt vom Konzernumbau nicht verschont: „Wir nehmen auch ganze Führungsebenen heraus“, erklärte Heins seine Strategie.

Weltweit schauen Manager auf den erst 54-jährigen Deutschen, ob ihm die Wiederbelebung der einstigen Kultmarke Blackberry gelingt. Was die Voraussetzung für einen erfolgreichen Turn-around ist, können sich die RIM-Sanierungsexperten an namhaften Vorbildern abschauen.

Beispiel Porsche: Anfang der 90er-Jahre stand der Sportwagenhersteller wegen einer verfehlten Modellpolitik vor dem Aus. Der damalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking flexibilisierte die Produktion, gab unrentable Modelle wie den Porsche 928 auf und machte das Unternehmen mit neuen Autos wie dem Geländewagen Cayenne zum rentabelsten Autohersteller der Welt.

Es war die Musik, die dem US-Konzern Apple letztlich das Überleben sicherte. 1997 befand sich der PC-Hersteller am Rande des Ruins, vor allem weil er den Erfolg des Rivalen Microsoft ignoriert hatte. Doch dann kehrte der Apple-Mitgründer Steve Jobs (links) in die Firma zurück. Er erkannte früher als alle anderen die Umbrüche im Musikmarkt. Er ließ einen tragbaren MP3-Player entwickeln, der viel mehr konnte als die Produkte der Konkurrenz. Es folgten die dazu passende Software zum Verwalten der digitalen Musik und der Onlineladen, um sie zu kaufen. Ein genialer Schachzug...

Bild: dpa

Für eine erfolgreiche Kehrtwende müsse sich ein Unternehmen rigoros von unprofitablen Geschäftsfeldern und Produkten trennen, sagt Walter Bickel, Deutschland-Chef der Restrukturierungsberatung Alvarez & Marsal, dem Handelsblatt: „Für alles, was mittelfristig keinen Profit verspricht, gilt: dichtmachen oder verkaufen!“

Wenn es wie bei RIM keine verschiedenen Geschäftsfelder gebe, sei es umso wichtiger, Kunden durch technische Innovationen im Kerngeschäft zu überzeugen. „Produktinnovation oder ein neuartiges Geschäftsmodell sind elementar für einen erfolgreichen Turn-around“, sagt Max Falckenberg von der Unternehmensberatung Roland Berger.

Wie man mit Innovationen zum Erfolg gelangt, hat Apple gezeigt: Nach seiner Rückkehr revolutionierte Gründer Steve Jobs den Musikmarkt mit dem iPod und einem Onlineshop. Danach machte Jobs mit dem iPhone und dem iPad Apple zum wertvollsten Konzern der Welt. Einen erfolgreichen Wandel hat IBM vorgemacht, das vom Großrechner-Produzenten zum IT-Dienstleister wurde.

Zentrales Element bei einem Turn-around ist Vertrauen: „Eine Unternehmenskrise ist immer auch eine Vertrauenskrise“, sagt Berater Falckenberg. Financiers werden unruhig, Kunden fragen, ob sie in einem halben Jahr noch Ersatzteile bekommen, Zulieferer zweifeln an der Zahlungsfähigkeit. Gerade an Vertrauen mangelt es RIM derzeit. Falckenberg sagt, eine Sanierung dauere im Schnitt zwei Jahre. Die Frage ist nur, ob Kunden und Investoren so lange Geduld mit RIM-Chef Heins haben.

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Permanenter Prozess
Die Suche nach dem nächsten CEO beginnt letztlich mit dem ersten Arbeitstag des gerade frisch installierten Chefs. Wer damit erst anfängt, wenn der aktuelle Boss kurz vor dem regulären Ende steht oder wegen mangelnder Leistung nicht mehr zu halten ist, läuft Gefahr, in Zeitnot zu kommen und sich mit zweit- oder drittklassigen Lösungen begnügen zu müssen.

Bild: dpa

Eine Unternehmenskrise beginnt immer mit einer strategischen Krise. „Zu 90 Prozent ist es die fehlende Anpassung des Managements auf Marktveränderungen, die ein Unternehmen in die Krise führt“, sagt Ralf Moldenhauer, Partner bei der Boston Consulting Group.

Die langjährigen Co-Chefs von RIM, Mike Lazaridis und Jim Balsillie, verschliefen den Trend zu berührungsempfindlichen Smartphone-Bildschirmen, die das iPhone von Apple so populär machten, und führten ihr Unternehmen damit an den Rand des Abgrunds.

In Sanierungsfällen müsse das Steuer ganz schnell herumgerissen werden, sagt Roland-Berger-Berater Max Falckenberg. Bei bankfinanzierten Mittelständlern etwa müsse ein Sanierungskonzept schon nach sechs bis acht Wochen stehen, bei börsennotierten Unternehmen spätestens nach drei bis sechs Monaten.

Diese Zeitspanne hat Heins schon hinter sich, die Zeit drängt also: „Eine Sanierung ist wie eine ambulante Notfallversorgung“, sagt Walter Bickel von der Restrukturierungsberatung Alvarez & Marsal, „die Liquidität ist der lebensnotwendige Sauerstoff.“

Bickel empfiehlt in Sanierungsfällen, zuerst einmal die Umsätze zu stabilisieren, etwa durch Sonderaktionen oder Rabatte. „Da kann kurzfristig erstaunlich viel Umsatz generiert werden, der die Liquiditätsklemme entkrampft."

Außerdem warnt Bickel davor, allein auf Einsparungen zu setzen. Für einen erfolgreichen Turn-around müssten parallel neue Wachstumsfelder identifiziert werden, um die Investitionen gezielt dorthin lenken zu können: „Unternehmen in Schieflage sollten deshalb tunlichst nicht ihr Forschungsbudget zusammenstreichen, dort aber klare Prioritäten setzen“, empfiehlt der Berater. Denn ohne neue Hoffnungsträger in der Produktpipeline sei es um den Erfolg einer Sanierung schlecht bestellt, wie die Insolvenzen von Kodak oder des Maschinenbauers Babcock-Borsig zeigten.

Doch selbst wenn das Geschäft durch einen Technologiewandel hinfällig wird, ist ein Turn-around möglich. Fotodienstleister Cewe Color etwa schaffte die Wende, obwohl sein Kerngeschäft, die analoge Fotografie, durch die Digitalisierung innerhalb kürzester Zeit wegbrach. Die Oldenburger stellten konsequent auf neue Digitaltechnik um und wurden in Europa Marktführer bei Fotobüchern.

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lego Quelle: dapd
Lego konzentrierte sich auf seine Stärken - und behauptete sich so gegen die scheinbar übermächtige Konkurrenz der Videospiele. Quelle: dapd

Der Spielzeughersteller Lego reagierte zunächst panisch auf die neue digitale Konkurrenz im Kinderzimmer, wie Nintendo oder Playstation. Statt sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren, brachten die Dänen selbst Videospiele auf den Markt oder verkauften Kinderfahrräder - ohne Erfolg. Der Turn-around gelang erst, als die Dänen ins Bildungsgeschäft einstiegen und mit Lego auch die Klassenzimmer eroberten.

Eine wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Sanierung sei ein Chefwechsel, sagt Boston-Consulting-Experte Moldenhauer - eine Bedingung, die bei RIM schon erfüllt ist. „Wer die aktuelle Situation mitverantwortet, hat das Vertrauen der Stakeholder verloren und ist meist nicht in der Lage, eigene Fehlentscheidungen einzugestehen.“ So schaffte der US-Computerkonzern IBM 1994 mit seinem neuen Chef Lou Gerstner, der vom US-Industriekonglomerat RJR Nabisco kam, in nur einem Jahr den Turn-around.

Chefs müssen bei Sanierungen vor allem auf eines ganz penibel achten: „Die Umsetzung der Strategie muss konsequent überwacht werden“, sagt Roland-Berger-Berater Falckenberg. Bei Konzernen würden die neuen Konzepte durch hausinterne Politik oft wieder zerredet und könnten keine Wirkung entfalten. Sanierungsexperte Bickel empfiehlt vierwöchentliche Monitoring-Sitzungen, auf denen allen Stakeholdern die Fortschritte erläutert werden. Alle Veränderungen, Zeitpläne und Kosten müssten klar kommuniziert werden. „Verlässlichkeit ist im Sanierungsfall das A und O“, sagt auch Moldenhauer.

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Unterschätzt wird nach Ansicht der Berater oft die Bedeutung kultureller Aspekte für das Gelingen eines Turn-arounds: „Es muss ein Ruck durchs Unternehmen gehen“, betont Berater Falckenberg. Der Chef müsse verhindern, dass verunsicherte Mitarbeiter das Unternehmen verlassen und die besten Köpfe abwandern.

„Gute Mitarbeiter aus der dritten oder vierten Führungsebene können sogar bei einem Turn-around sehr schnell Karriere machen“, sagt Falckenberg. Die Führung müsse klarmachen: Für alle Mitarbeiter bedeutet eine Sanierung zwar zumeist eine Verdoppelung der Arbeitsbelastung. Die kann aber gelingen, wenn alle an einem Strang ziehen.

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Dies muss RIM-Chef Thorsten Heins beherzigen, wenn er nicht nach dem Vertrauen der Anleger und Kunden auch noch das der Mitarbeiter verspielen will.

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